Beichten? Beichten!

Über die persönliche und intime Begegnung mit dem barmherzigen und sündenvergebenden Gott. Ein Artikel von Manuel Beege 

Es nähert sich die Karwoche und die darauffolgende Osterzeit. Da wird dem Einen oder Anderen vielleicht der Gedanke kommen, wieder einmal zur Beichte zu gehen. Die Beichte ist dabei nicht mehr und nicht weniger als die persönliche und intime Begegnung mit dem barmherzigen und sündenvergebenden Gott. Um tiefer in diese Begegnung hineinzutreten, können wir uns an der sakramentalen Lossprechungsformel orientieren.

Bild: Loretto-Gemeinschaft, Cornelius Inama, flickr.com, CC BY-NC-ND 2.0.

Gott, der barmherzige Vater, hat durch den Tod und die Auferstehung seines Sohnes die Welt mit sich versöhnt …

Es geht um Versöhnung. Die Ausgangssituation ist die, dass etwas im Argen liegt zwischen Gott und der Welt, etwas, das die ursprüngliche Beziehung zwischen den Menschen und Gott aus der Bahn geworfen hat. Versöhnung ist die Wiederherstellung dieser Beziehung, das Wiedergutmachen des Schadens. Die gute Nachricht ist: Die Welt ist bereits versöhnt. Gott selbst hat die Initiative ergriffen und sich durch das Opfer seines Sohnes hingegeben, um die Kluft zu schließen, die zwischen uns und Gott klaffte. Doch diese Beziehung ist fragil, nicht zuletzt deshalb, weil Gott an jedem einzelnen von uns interessiert ist. Jeder von uns ist Teil dieser Welt, mit der Gott sich versöhnt hat. Deshalb ist es unsere Aufgabe, diese Beziehung nicht erneut zu gefährden. Unsere Sünden, das heißt unsere kleinen und großen Entscheidungen gegen unsere Beziehung mit Gott, haben daher Auswirkungen auch auf die Beziehung der Welt zu Gott. Wenn wir alle Glieder eines Leibes sind, dann betrifft eine Wunde in einem Teil des Körpers immer auch den ganzen Leib. Denken wir dabei nicht nur an große Verletzungen wie offene Wunden, selbst etwas scheinbar Kleines wie eine lächerliche Erkältung kann den Leib für Tage in Mitleidenschaft ziehen. Dieses – wenn auch etwas plumpe Beispiel – zeigt, dass in der Beichte etwas geschieht, das über mich und meine Situation hinausgeht. Ich kann durch meine ganz persönliche Auseinandersetzung mit meinen Sünden dazu beitragen, das Reich Gottes aufzubauen, weil nicht nur meine persönliche Beziehung zu Gott neue Kraft erfährt, sondern auch die der ganzen Kirche, selbst wenn dies wie auch schon beim Opfer Jesu Christi manchmal ein Kraftakt ist, der Überwindung und Mut erfordert, der manchmal unangenehm und schmerzhaft ist, der aber immer zum Heil und zur Heilung beiträgt. Dabei ist es schwieriger, zur Beichte zu gehen, je länger man nicht war. Ebenso wie es schwieriger ist, sich zum Sport zu motivieren, wenn man schon länger keinen Sport mehr gemacht hat. Hinterher jedoch ist man immer froh, es getan zu haben.

... und den Heiligen Geist gesandt zur Vergebung der Sünden.

Doch was genau soll denn nun gebeichtet werden? Hier kann die Unterscheidung helfen zwischen dem, was die kirchliche Tradition mit den Begriffen schwere und lässliche Sünde bezeichnet. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, lässt sich eine solche Unterscheidung jedoch nicht pauschal treffen. Trotzdem ist sie wichtig. Warum? Immer wieder stelle ich fest, dass Menschen sich oft am einen oder am anderen Extrem eines Spektrums befinden. Es gibt jene, die alles als lässlich betrachten, und was immer an Sündhaftem in ihrem Leben sein mag, mit Gott selbst ausmachen wollen. Andere wiederum sind von Skrupeln geplagt und betrachten jede noch so kleine Abweichung von ihrem christlichen Ideal als schwere Sünde. Während die einen leugnen, dass es da etwas gibt, das immer zwischen ihnen und Gott stehen wird, wenn sie sich nicht damit auseinandersetzen, machen die anderen Gott kleiner als er ist, denn welches Gottesbild steht wohl dahinter, wenn ich davon ausgehe, dass jeder unreine Gedanke sofort meine Beziehung zu Gott gefährdet? Es ist also eine Unterscheidung nötig. Das Kriterium dürfte sein: Was ist es, das mein Gebet, meine Beziehung zu meinen Mitmenschen und eine gleichermaßen wertschätzende, aber auch kritikoffene Sicht auf mich selbst nachhaltig beeinträchtigt? Das ist eine schwere Sünde. Um zu dieser Unterscheidung zu gelangen hilft uns der Heilige Geist. Daher ist es ratsam, vor einer Gewissenserforschung den Heiligen Geist um Hilfe zu bitten, diese Wahrheit im eigenen Leben zu erkennen.

Durch den Dienst der Kirche schenke er dir Verzeihung und Frieden.

Die nächste Frage liegt auf der Hand: Warum muss es ausgerechnet die Beichte sein, um meine Gottesbeziehung von Hindernissen und Verletzungen zu befreien? Wenn wir ernst nehmen, dass das persönliche Gebet, die Meditation der Heiligen Schrift und die Feier der Eucharistie selbst bereits Sünden vergebenden Charakter haben – so betet beispielsweise der Priester/Diakon nach dem Evangelium mit den Worten: „Herr, durch dein Evangelium nimm hinweg unsere Sünden“ –, warum dann noch die sakramentale Beichte aufsuchen? Ich erlaube mir ein weiteres plumpes Beispiel: Warum in den Urlaub fliegen, wenn ich mir die Bilder meines Urlaubsziels auch einfach im Internet anschauen könnte? Manche Dinge werden erst real und nehmen in unserem Leben erst Gestalt an, wenn sie leibhaftig erlebt werden. So ist das auch mit der Beichte. Auch wenn ich weiß, was zwischen mir und Gott steht und auch wenn ich mir meiner Reue bewusst bin, so ist es manchmal nötig, die Dinge wenigstens einmal beim Namen zu nennen und konkret vor sich selbst und vor einem anderen auszusprechen. So stehe ich nicht nur wirklich ein für mein Verhalten, sondern es macht auch offen für den konkreten Zuspruch und die Absolution.

Und so spreche ich dich los von deinen Sünden im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Für mich als Priester ist es immer wieder ergreifend, diese Worte zu sprechen, in dem Bewusstsein, hier ein Werkzeug Gottes zu sein, das dazu beiträgt, einem Menschen, der sich vertrauensvoll an Gott wendet, zuzusprechen, dass Gott gerade jetzt, in diesem Moment, diesem Menschen besonders nahe sein will und ihm zusagt, dass es nichts gibt, was seine Liebe für ihn jemals schmälern könnte, dass er sich freut auf das nächste Stück des Weges, dass er mit ihm gehen will und dass das, was vergangen ist, nicht länger den Weg in die Zukunft bestimmt. Denn nun ist es wieder die Beziehung zu Gott und nichts anderes, das wieder zum Maß und zur Richtschnur für das Leben als Christ geworden ist. Daher kann ich jeden nur ermutigen, diese Einladung für sich selbst anzunehmen und Gott höchstselbst zu treffen, beim nächsten Mal bei der Beichte.