Zwei unerhörte Heiligenviten

Über die Flucht in der Hochzeitsnacht und ein Frauenleben im Männerkloster. 
Von Peter Bornhausen 

Kurz nach Mitte Juli ist ein wenig Sauregurkenzeit im Heiligenkalender, weil im Zuge seiner modernen Bereinigung die mit den krassesten Lebensgeschichten rausgeflogen sind. Reizvoll ist ihre Nacherzählung dennoch. Der 17. Juli beispielsweise ist der Gedenktag des Einsiedlers Alexius von Edessa und eines Mönchs mit dem Frauennamen Marina. Beide lebten im 5. Jahrhundert.

Der heilige Alexius unter der Treppe des Elternhauses, mit Spülwasser übergossen (Deckengemälde: Anton Maulbertsch in der Pfarrkirche Langenargen, 1732–1733; Foto: A. Praefcke, CC BY 3.0).

Flucht in der Hochzeitsnacht

Alexius stammte aus einer reichen römischen Senatorenfamilie und wurde von seinen christlichen Eltern mit einer tugendhaften jungen Frau vermählt, überzeugte diese jedoch in der Hochzeitsnacht vom Verzicht auf die Ehe, übergab ihr seinen Gürtel, steckte ihr seinen Ehering an den Finger – und floh. Er gelangte nach Edessa, wo er 17 Jahre lang als Bettler vor einem Kirchentor lebte, bis ihn der Mesner mithilfe der Muttergottes als heiligen Mann erkannte und Alexius vor der frommen Menge, die ihn berühren wollte, fliehen musste.

Ein Sturm verschlug sein Schiff zurück nach Rom, wo er Unterschlupf unter der Treppe des elterlichen Hauses fand. Sein mildtätiger Vater erkannte ihn unter den Zügen des ausgemergelten Bettlers nicht wieder, ließ ihm jedoch Nahrung reichen, sehr zum Verdruss der Dienerschaft, die den christlichen, hier aber nicht einmal von seinem Hund erkannten Odysseus bei jeder Gelegenheit verspottete und schikanierte, zum Beispiel durch Ausgießen des Spülwassers über den übelriechenden Stiegenbewohner.

Als Alexius, der alles in Demut und Bußgesinnung hinnahm, nach wiederum 17 Jahren sein Ende nahen spürte, schrieb er seine Lebensgeschichte auf einen Zettel – und verschied am 17. Juli 417. Nach seinem Tod gelang es erst seiner Gattin, den Zettel aus den verkrampften Fingern zu lösen und das Geschriebene zu entziffern: dass er vor der Ehe geflohen sei, um Gott in äußerster Armut zu dienen, worauf Alexius ehrenvoll in einer Kirche bestattet wurde.

Alexius’ Verehrung setzte in Rom im 10. Jahrhundert ein, als ein aus Syrien exilierter Erzbischof neben der Bonifatiuskirche eine Mönchsgemeinschaft ansiedelte. Die heutige Kirche Santi Bonifacio e Alessio erhebt sich angeblich über seinem Elternhaus auf dem Aventin und beherbergt Teile der Treppenwohnstatt des Heiligen. Weitere Reliquien liegen im Stift Breunau (Břevnov) in Prag und im Kloster Agia Lavra bei Kalavryta (Peloponnes). Die Alexiuslegende war im Mittelalter so verbreitet, dass eine 1350 gegründete Brüdergenossenschaft zur Pflege von Kranken sich nach ihm Alexianer nannte. Der liturgische Gedenktag am 17. Juli wurde im Zuge der Römischen Kalenderreform abgeschafft und besteht nur noch in Innsbruck, wo Alexius seit einem Erdbeben des Jahres 1670 als Stadtpatron verehrt wird.

Alexius aus dem Donauwörther Liebfrauenmünster (Foto: Peter Bornhausen)

Ein Frauenleben im Männerkloster

Mit dem Mädchen Marina, die zum Mönch wurde, verhielt es sich dagegen so: Ihr Vater Eugenius zog sich nach dem Tod seiner Frau ins Qannubin-Kloster im Libanongebirge zurück und vertraute seine Tochter Verwandten an. Für ihre spätere Verheiratung hatte der vermögende Mann ebenfalls vorgesorgt. Im Kloster fiel jedoch dem Abt seine ständige Traurigkeit auf. Nach dem Grund dafür befragt, gab Eugenius an, sich um seinen zurückgelassenen Sohn Marinus zu sorgen, worauf der Abt ihn einlud, doch diesen Sohn zu sich zu holen. Marina verkleidete sich und lebte zehn Jahre gemeinsam mit ihrem Vater im Kloster, bis er starb.

Marina blieb weiter unerkannt im Kloster und führte ein untadeliges, frommes Leben, bis sie eines Tages von einer verzweifelten Frau beschuldigt wurde, der Vater ihres Buben zu sein. Marina behielt allen Vorhaltungen gegenüber Schweigen, was als Eingeständnis ihrer Schuld gedeutet wurde, und wurde des Klosters verwiesen, als man ihr das Kind zum Aufziehen brachte.

Sie blieb jahrelang mit dem Knaben vor der Klosterpforte, bettelte um Almosen und wurde heimlich von ihren Mitbrüdern versorgt, bis sich der Abt endlich ihrer erbarmte und sie unter strengsten Auflagen wieder ins Kloster eintreten ließ, wo sie die niedrigsten Arbeiten zu verrichten hatte.

Erst nach ihrem Tod mit etwa 40 Jahren an einem 18. Juni entdeckte man, dass sie eine Frau war. Ihre Duldsamkeit erschütterte den ganzen Männerkonvent, und ein blinder Mitbruder erhielt sein Augenlicht wieder, als er ihren Leichnam berührte.

Marinas Verehrung ist in der maronitischen und koptischen Kirche enorm und seit dem 8. Jahrhundert belegt. Ihre Reliquien gelangten nach Rumänien, wo sie ein venezianischer Kaufmann namens Giovanni Bora erwarb und am 17. Juli 1228 nach Venedig brachte. Dort ruhen sie heute in der Kirche Santa Maria Formosa. Die meisten Marinas oder Marines haben aber ihren Vornamen nicht von ihr, sondern von Margareta von Antiochien, die in der Ostkirche als Maria verehrt wird und in Frankreich häufig Marine heißt.

Die Kirche Santa Maria Formosa in Venedig. Foto: Abxbay (CC BY-SA 3.0)