Wein, Weib und Love Parade

Vom Partyleben zur Christusnachfolge. Ein Zeugnis. Von Constantin Maasburg.

Als Jugendlicher zwischen 16 und 18 Jahren hatte ich Ansätze einer lebendigen Gottesbeziehung oder zumindest ein Gebetsleben. Meine Großmutter hatte mir ein Psalmen-Buch geschenkt, und so las ich also Psalmen, ohne genauer zu wissen, was die Psalmen sind. Ich bin in einer katholischen Familie der 70er Jahre aufgewachsen und hatte – wie damals üblich – die ganzen Initiationssakramente (Taufe, Erstkommunion und Firmung) mitgemacht. Jedoch ohne tieferes Verständnis. Das Abendgebet war mir wichtig, es war mir ein liebgewonnenes Ritual, um meiner Dankbarkeit über mein Leben Ausdruck zu verleihen. Vielleicht dachte ich mit der Zeit auch, Gott mit dem Abendgebet gnädig stimmen zu können. In ähnlicher Weise hielt ich am sonntägliche Kirchgang fest. Der war auch familiär vorgegeben, aber spätestens nach dem Abi, als ich von zu Hause auszog, stellte sich die Frage: Mach ich das weiter, oder lass ich es bleiben?

Constantin und Isi Maasburg heute. Bild: Privat.

Es war mir wichtig. Also bin ich sonntags in die Messe gepilgert. Meistens. Oft ging ich in die Abendmesse, weil ich morgens noch zu verschlafen war oder einen Hang-over hatte. Auch mit 30 Jahren hatte ich erstaunlicherweise einen festen Glauben, allerdings ohne jede Praxis. Ich glaubte einfach an das, was ich gehört hatte: an einen guten – und hoffentlich barmherzigen – Gott, an die Bibel, sogar auch an die mittlerweile unpopulären Inhalte, z.B. dass Unzucht Sünde sei, etc. Nur, es beeinflusste mein Tun wenig. Ich fuhr mit meinem Onkel, einem katholischen Priester, auf Reisen nach Medjugorje oder Lourdes. Ich hatte das abstrakte Bedürfnis, an den mir vertrauten Aspekten eines Christenlebens festzuhalten und auch einen Glauben zu haben – allerdings lebte ich so, als hätte all das mit mir nichts zu tun. Eine lebendige Beziehung zu Jesus gab es zu diesem Zeitpunkt eher nicht. Es war mir zunehmend unangenehm, in einem „sündigen“ Leben immer wieder mit meinem Gewissen konfrontiert zu werden.

Ich war 35 Jahre alt, war in Konstanz in einem Pharma-Unternehmen beschäftigt, wo ich erfolgreich war und viel Geld verdiente. Ich hatte einen riesigen Freundeskreis – Hansdampf in allen Gassen. Mein Steckenpferd waren die Mädels. Ich war sehr umtriebig, hatte sehr viele kurze Beziehungen und viele Sexualkontakte. Ich musste nicht viel dafür tun, das kam wie von selbst. Anfangs weniger, da war noch etwas moralische Scheu davor. Aber es hat sich dann mehr und mehr verselbständigt. Wie bei vielem, hatte ich auch hier zu Beginn noch ein Sündenbewusstsein. Ich ahnte: „Auch wenn das in der Welt OK ist, ist es für mich vielleicht trotzdem nicht gut.“ Und beim dritten und vierten Mal war dieses Gefühl „Oh, Gott! Jeder wird mir ansehen, dass ich etwas Verbotenes getan habe!“ schon nicht mehr so stark.

Lange Zeit hatte ich diesen Lebensstil nicht beabsichtigt, ich wollte ja auch noch heiraten. Aber mit der Zeit, mit jeder Affäre hat sich dieses Schuldgefühl verflüchtigt und einer Glorifizierung Platz gemacht. Irgendwann hat es sich fast richtig angefühlt, so nach dem Motto: „Es tut ja niemandem weh, es ist ja in beiderlei Einverständnis, womöglich tut man jemandem auch noch einen Gefallen, es ist ja etwas Schönes“ und so weiter. Es gipfelte in Absurditäten, wie z.B. einer Wette, dass ich in über 50 Sprachen „Du hast einen süßen Knackarsch“ sagen konnte. Ich verlor die Wette – aber nur knapp.

Im Nachhinein würde ich sagen, dass ich über die Jahre immer abgestumpfter wurde, keine tiefen und gesunden Beziehungen mehr pflegte, sondern die Befriedigung meiner Bedürfnisse immer mehr Raum einnahm. Eine Spirale: mehr Feiern, mehr Leute sehen, mehr Flirts, Angst etwas zu verpassen, usw. Ich wurde unfähig, innezuhalten, mit mir alleine zu sein, geschweige denn, Gott zu hören. Ich bemerkte einfach nicht, dass mich all das letztlich beziehungsunfähig machte.

Das ging bis zu einem Punkt, an dem mir klar wurde: Jetzt ist es nicht mehr gut. Ich hatte das Gefühl, dass mir etwas Wesentliches fehlte. Ich konnte damals nicht genau definieren, was es war. In den wenigen stillen Momenten, z.B. bei meiner heutigen Schwägerin und ihrer Familie, sehnte ich mich nach dem, was sie hatten. D.h. nach einer Familie, nach Kindern, mit denen man am Abend betet, nach einer „heilen Welt“. Es fühlte sich irgendwie so an wie bei einem Penner, der stinkend und unwürdig an Heiligabend von außen an ein Haus heranschleicht und durchs Fenster das perfekte Weihnachts-Familien-Idyll beobachtet: geschmückter Baum, warmes Licht, adrett gekleidete Kinder, glückliche Eltern, viele Geschenke und ganz viel Liebe.

Die Realität war aber eine andere, ich war innerlich zutiefst unzufrieden: Mein Job machte mir keine Freude, ich musste mit firmeninternen Entscheidungen klarkommen, die ich unmoralisch fand, ich lebte in einer Stadt, in der ich nie sein wollte, hatte nur noch party-bezogene Freundschaften. Mein ursprünglicher Traum einer glücklichen Ehe und Familie schien in weite Ferne gerückt.  Eines Tages dachte ich, ich schreib jetzt mal meine Kündigung und schaue, wie sich das anfühlt. Gesagt, getan – es hat sich gut angefühlt. Ich habe sie ausgedruckt und hingeknallt, ohne von außen ersichtlichen Grund.

Ab da war ich frei. Frei von einem Leben nach den Erwartungen anderer, von falschen Erwartungen an mich selbst. Es war ein Ausbruch aus der „Comme-il-faut“-Blase, mein erstes Aufbäumen gegen den Zeitgeist. Entsprechend fanden auch die meisten Menschen in meinem Umfeld die Entscheidung, zu kündigen, ohne einen neuen Job zu haben, falsch und unverantwortlich. Mir war das total wurst.

Neuer Aufbruch

Danach habe ich meinen Onkel angerufen: „Ich würde gern Exerzitien machen.“ Vier Monate später kam ich zu ignatianischen Exerzitien nach Wien, unter der Obhut meines Onkels und eines anderen Priesters, der mich durch die 20-tägigen Exerzitien führte. So begann dieser Weg. Die Exerzitien waren für mich zunächst ein Entzug. In Wien zu sein, wo ich studiert hatte, und nicht sofort in alte Zeiten und Muster zu verfallen, fiel mir extrem schwer. Eben nicht mal schnell 25 Leute anrufen, Partys und amouröse Treffen zu planen, sondern mich für Zeit mit Gott auszusondern – sonderbar schien mir das.

Das Einzige, was ich an den Exerzitien gut fand, war, dass ich überhaupt zu solch einem Schritt noch fähig war. Und dass mein Onkel in der Nähe war. Alles andere war zunächst schwierig. Ich wusste nicht mehr, wie man allein ist, wie man betet, wie man sich Gott zuwendet. Mich machte all die Zeit, die verrann, ohne dass ich etwas Lustiges oder Lust-Stillendes erlebte, nervös. Nach einiger Zeit jedoch erinnerte ich mich an meinen rudimentären Glauben und an meine Dankbarkeit. Das führte mich zumindest in einen Monolog mit Gott, in dem ich mich zu der Aussage hinreißen ließ: „Herr, wenn es dein Wille ist, dass ich Priester werde, dann lass es mich jetzt wissen. Schick mir ein Zeichen, das ich nicht übersehen kann, dann mache ich es. “

Ich bekam keine Antwort auf diese Frage oder dieses Angebot. Nicht sofort. Die Exerzitien, so denke ich, waren jedoch Grundlage und Anfang einer langen Reise mit Isi, meiner künftigen Frau. Direkt nach den Exerzitien bin ich mit Isi auf ein Seminar gefahren: „Neue Entscheidung, neues Leben“ – so lautete der Titel. Ein freikirchliches Seminar über Befreiung. Das volle Kontrastprogramm. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung, was eine Freikirche ist, vielleicht ein Kirchengebäude ohne Dach? Die Exerzitien, das Freikirchler-Seminar und v.a. die beginnende Freundschaft mit Isi waren der Anfang von etwas Neuem in meinem Leben. Es begann eine neue Zeitrechnung, eine Phase, in der Jesus in mein Leben kam, sanft und unaufdringlich. Diesmal aber mit Lebendigkeit und Verbindlichkeit. Mit Beziehung. Sechs Monate später lud ich Jesus ein, Herr über mein Leben zu sein. Ab diesem Zeitpunkt änderte sich alles. Zum Guten, zum Besten. Hätte Gott mir meine künftige Frau nicht über den Weg geschickt, würde ich das ausschweifende Leben vermutlich immer noch für den einzig wahren Weg halten. Heute kann ich sagen, das wäre für mich der schlechtere Deal gewesen.

In den nächsten Beiträgen werden wir hören, wie die Geschichte auf der Seite von Isi Maasburg aussah und wie ihr gemeinsamer Weg in der Kirche weiterging.