Das Kreuz ist mein Buch

Konrad von Parzham, der letzte Volksheilige. Von Peter Bornhausen 

Johann Evangelist Birndorfer wurde am 22. Dezember 1818 auf dem Venushof im Weiler Parzham bei Bad Griesbach geboren. Das elfte Kind tief im Glauben verwurzelter Bauern war schon als Bub ungewöhnlich fromm: Eher still, betete Hans gern für sich auf dem Schulweg oder bei der Feldarbeit und suchte jeden Streit zu schlichten. „Der Birndorfer Hansl ist ein Engel“, sagten die Leute. Als er 14 Jahre alt war, starb die Mutter, zwei Jahre später der Vater.

Foto aus: Vera Schauber, Hanns M. Schindler, Bildlexikon der Heiligen, 1999. Mit freundlicher Genehmigung der Autoren

Weil er seinen Wunsch, Priester zu werden, nicht verwirklichen konnte, blieb er als Knecht auf dem elterlichen Hof. Erst mit 31 Jahren trat er in das Kapuzinerkloster St. Anna in Altötting ein. Sein Erbe, das er sich von seinen Geschwistern auszahlen ließ, verschenkte er. Nachdem er seine Gelübde abgelegt hatte, erhielt er den Ordensnamen Bruder Konrad und war ab 1852 als Pförtner tätig. Über 40 Jahre lang hatte er bis zu 18 Stunden am Tag mit den Hunderten von Pilgern zu tun, die täglich an der Klosterpforte läuteten, und erfüllte ihre Bitten und Anliegen, soweit er konnte. Niemand, der zu ihm kam, ob Handwerksbursche oder Bettler, verließ ihn wieder mit leeren Händen.

Jede freie Minute betete er, oft nächtelang. In den späten Abendstunden betete er in der Alexiuszelle vor dem Tabernakel, wo er die Sorgen und Nöte, die ihm an der Pforte anvertraut wurden, niederlegte und wo er auch die Kraft für das rechte Wort schöpfte, das er den Pilgern und Bittsuchenden mitgab. Jeden Morgen um fünf Uhr ministrierte er am Gnadenaltar der Schwarzen Madonna. Als ihm die tägliche Kommunion erlaubt wurde, empfing er sie frühmorgens, um bei anderen Gläubigen keinen Anstoß zu erregen. Die tägliche Betrachtung des Kreuzes lehrte ihn nach eigener Aussage die wahre Heiligkeit. „Das Kreuz ist mein Buch“, lautet sein wohl bekanntester Ausspruch.

Als er seines Alters und seiner Gebrechlichkeit wegen seinen Dienst aufgeben musste, konnte er von der Pforte doch nicht lassen. Er brach eines Nachts auf dem Weg dorthin zusammen, weil er befürchtete, man habe ein Läuten überhört, und starb wenige Tage später am 21. April 1894. Bei seinem Tod um 19 Uhr setzten die Glocken zum Angelusgebet ein. Wohl in weiser Voraussicht ließ der Guardian des Kapuzinerklosters Bruder Konrad auf dem Sterbebett ablichten – das einzige Foto, das von ihm existiert. 

Die Selig- und 1934 später dann die Heiligsprechung des unscheinbaren Bruders in der braunen Kutte wurde von der Bevölkerung ganz bewusst als Kontrast zur braunen Diktatur wahrgenommen, die sich im Deutschen Reich breitgemacht hatte. Seine anhaltende Beliebtheit erklärt sich aus dem Umstand, dass Bruder Konrad als wahrer Volksheiliger wahrgenommen wird. Gott und den Menschen gleichermaßen zugewandt, teilte er sie nicht in Gute und Böse ein, machte keinen Unterschied zwischen Fremden und Volksgenossen und hat weder die Sünder verurteilt noch die Frommen bevorzugt. Bis heute wollen unzählige Pilger seinen Beistand erfahren haben.

Die Klosterkirche, in der Konrad seine letzte Ruhestätte fand, wurde 1953 in Bruder-Konrad-Kirche umbenannt.