Vergebung und Ehrlichkeit

Ehrlichkeit holt uns aus der Hölle – was Paaren wirklich hilft.
Von Cornelia Schmalzl-Saumweber 

Was ist Sünde? Früher habe ich mal irgendwo auf meinem Glaubensweg eine Definition gelernt, die mir auch heute noch sofort in den Kopf schießt: „Sünde ist alles, was gegen die Liebe verstößt.“ Klingt einfach, ist es aber nicht. Sünde und Liebe sind Begriffe, die kollektiv, kirchlich und persönlich aufgeladen sind. Obwohl wir alle das selbe Wort sagen, meint jeder etwas komplett anderes oder zumindest in Nuancen etwas anderes. Unser Glaubens- und Lebensweg hat die je eigenen, oft unbewussten Definitionen zu diesen Begriffen geschrieben. (Es ist sicher spannend zu diesen Begriffen einmal eine eigene Definition zu schreiben und dann mit anderen/dem Partner darüber ins Gespräch zu kommen.) Ich bevorzuge in meiner Arbeit mit Ehepaaren und gescheiterten Liebenden inzwischen das Wort „Verfehlung“ anstelle von Sünde.

Viele christliche Ehepaare treten mit den Werten Ehrlichkeit und Treue an. In den Ehevorbereitungskursen der Erzdiözese München und Freising nehmen wir uns oft eine Einheit lang Zeit, die Werte, die die Paare gemeinsam haben aufzuschreiben. Diese beiden kommen nahezu immer vor. Das Ehepaar setzt sich das Ziel: Wir wollen ehrlich zueinander sein. Entschlossen, aus vollem Herzen und mit bestem Willen möchten sie dieses Ziel erreichen, weil sie darin das Glückspotential erkennen.

Ehrlichkeit: Ich darf und muss mich dem anderen zumuten.

„Es ist uns nicht gelungen,“ sagen dann manche nach Monaten, Jahren oder Jahrzenten. „Wir mogeln uns durch manche Themen. Die Ehrlichkeit des anfangs ist der Bequemlichkeit gewichen. Lieber keinen Konflikt.“ Und genau das bringt die Beziehung in die Langeweile und jeden einzelnen in gewisse Einsamkeiten. Aus diesem Mangel heraus, kann dann auch Untreue entstehen. Das, was man in der eigenen Beziehung vermisst, sucht man dann anderswo. Dieser Teufelskreis lässt sich durch Ehrlichkeit durchbrechen. Ich darf und muss mich dem anderen zumuten.

Der zweite wichtige Schritt ist dann die Vergebung,

aber nicht oberflächlich und schnell. Wer in einer Beziehung ehrlich Vergebung zusprechen will, muss vorher alles gefühlt haben, was diese Ehrlichkeit des Partners in ihm ausgelöst hat. „Ich habe mich in jemanden anders verliebt. Es ist gerade schwer, dir treu zu sein.“ Was macht das mit Ihnen, wenn sie es als Ehepartner hören?

Nein, es gibt keine schnellen Rezepte, wie Ehen lange glücklich bleiben, aber vielleicht doch Erfahrungen, wie es gehen kann. Ehrlichkeit, auch in der Vergebung. „Es tut mir weh, was du sagst. Ich weiß nicht, wie es weitergeht, aber es ist gut, dass du ehrlich bist. Ich verstehe, dass wir beide die Situation herbeigeführt haben. Wir haben unser Ziel verfehlt. Wie geht es jetzt weiter?“

Aus Ehrlichkeit kann Vergebung und aus Vergebung eine Versöhnung mit Neuanfang entstehen.

In der Geschichte über den letzten Menschen in der Hölle wird beschrieben, wie ihn die Uneinsichtigkeit in der Hölle hält. Ehrlichkeit ist ein Wundermittel gegen die „Hölle“, in der man manchmal emotional in Paarbeziehungen sitzt. Und wenn sie mich nach einer meiner Definitionen von Liebe fragen: Liebe ist der Mut zur Ehrlichkeit.