Glaube braucht Erfahrung

Damit christlicher Glaube weitergegeben wird, braucht es Gotteserfahrungen.
Von Burkard Vogt 

„Hier gibt es einen Geist!" So hatte ich in meiner Zeit als Jugendseelsorger gemeinsam mit meinem Team die Kinder und Jugendlichen begrüßt, die mit uns zu einer vierzehntägigen Ferienfreizeit in ein Haus an der Ostsee aufgebrochen waren. Es sei allerdings kein böser Geist, sondern ein guter Geist, erklärte ich. Das Dumme ist nur: Geister kann man ja nicht sehen. Das heißt aber nicht, dass sie nicht etwas bewirken. Deswegen vereinbarten wir mit den Teilnehmern, dass wir nun jeden Morgen nach dem Frühstück ein Experiment durchführen, um nachzuweisen: Es gibt hier einen guten Geist. Für die Experimente galt als oberster Grundsatz: Sie mussten spannend sein, Spaß machen, die Phantasie anregen und sich bloß nicht in die Länge ziehen.

Segenskreis im Gottesdienst "TimeOut"

Vielleicht ahnen Sie schon, worauf das hinaus lief? Mit Vertrauens- und Wahrnehmungsübungen, Spielen und sogar einem gemeinsamen Tanz machten wir erlebbar, was ein guter Geist ist und wie er wirkt. Von da aus war es nicht mehr weit bis zur Deutung, dass ein guter Geist uns heilig und der Heilige Geist eine der Erscheinungsformen Gottes ist. Gott wurde durch die sogenannten Experimente verbunden mit Erfahrungen wie Vertrauen, Freude, Genießen, Gemeinschaft, Zusammenklang, Angenommensein. 

Damit unser christlicher Glaube weitergegeben wird, braucht es nach meiner Überzeugung diese Gotteserfahrungen. Schöne Lobpreislieder, engagierte Predigten oder wohlformulierte Gebete bleiben ein Strohfeuer, wenn sie sich nicht mit dem Erlebten decken. Wir sollten als Christen weniger Antworten auf nicht gestellte Fragen geben, womöglich lieber erst mal dabei helfen, gute Fragen zu formulieren. Deswegen halte ich das christliche Tun für die beste Art der Predigt. Nächstenliebe leben und Zeugnis geben, wenn man mich fragt, warum ich das tue, halte ich für richtiger als permanent ungefragt Zeugnis zu geben und am Ende meinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden.

Das geht auch in der Liturgie. Ein Beispiel: Seit knapp zwanzig Jahren feiern wir bei uns in Aschaffenburg den ökumenischen Gottesdienst „Time Out", bei dem  Erfahrungsräume eine zentrale Rolle spielen. Nach der Einführung in das jeweilige Thema sind etwa 25 Minuten Zeit, sich in kleinen Gruppen an dem anzudocken, was den Einzelnen an diesem Thema bewegt. Und weil jeder Mensch anders ist, werden immer verschiedene Zugangsweisen angeboten. Das geht von der Meditation über Gesang, Tanz, Malen, Kurzfilme bis zu Gesprächen. Der Kreativität sind nur die Grenzen des Raumes und der Zeit gesetzt. Wenn wir aus den Gruppen zurückkommen, um das Evangelium zu hören, hören wir es dann mit anderen Ohren. Im Idealfall betrifft es mich plötzlich in meinem persönlichen Leben, legt eine Spur in meinen Alltag. Dazu soll auch die Auslegung helfen, die sich anschließt. Dabei versuchen wir uns im Vorbereitungsteam an einem „Weniger Worte wirken mehr" zu orientieren: Eine DINA4-Seite und Arial 12 als Schriftart ist die Vorgabe – und manchmal schon zu viel. Den abschließenden Segen verbinden wir dann wieder mit einer Erfahrung: Wir stehen im Seilkreis, wir stützen uns gegenseitig den Rücken oder ähnliches.

Halte ich mich selbst an das Konzept „Weniger Worte wirken mehr", dann ist dieser Text jetzt schon zu lang. Doch ein Erlebnis muss hier noch Platz haben. Gut 20 Jahre meines Gemeindereferentenlebens gehörte die Firmvorbereitung zu meinen Aufgaben. Schon bald wurde mir klar, dass auswendig lernen lassen von Glaubensformeln vergebene Mühe ist. Wenn ich den Jugendlichen ein Jahr nach der Firmung, zum Beispiel im Religionsunterricht, begegnete, war bei den meisten alles wieder vergessen. Deswegen erarbeitete ich nach und nach ein Konzept, in dessen Zentrum ein gemeinsames Wochenende stand und das ähnlich wie bei der Ferienfreizeit auf Erfahrungselemente aufbaute. Zum Abschluss der Wochenenden konnten die Firmlinge sich im Rahmen des Gottesdiensts einen Halbedelstein aussuchen, den sie als Erinnerung mitnehmen durften. Dazu sollten sie formulieren, was ihnen in diesen Tagen wertvoll geworden ist. Natürlich nahmen das die einen mehr und die andere weniger ernst. Den Edelstein aber wollten alle.

Irgendwann sprach mich dann aber am Rande eines Fußballplatzes ein junger Mann an. Es stellte sich heraus, dass er vor fünf Jahren mit mir auf einem dieser Wochenende gewesen ist. Ein Kirchgänger war er nicht geworden, auch gab es wohl keinen Kontakt mehr zur Pfarrgemeinde. Aber offensichtlich engagierte er sich für die Gemeinschaft des  Fußballvereins. Wir kamen auf das Wochenende zu sprechen, an dass er sich noch gut erinnerte. Er holte seine Geldbörse aus der Tasche und ließ mich hinein sehen. Da lag der kleine Edelstein, den er sich vor fünf Jahren ausgesucht hatte. „Der ist mein ständiger Begleiter", sagte der Jugendliche zu mir. Für mich ist das Glaubensweitergabe. Alles weitere lege ich in Gottes Hände.

TimeOut-Gottesdienst
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