Mit der Eucharistie spielt man nicht

Geheimnis des Glaubens – die Verwandlung von Brot und Wein in den Leib Christi
Von Guido Horst 

Fronleichnam ist in Italien kein gesetzlicher Feiertag. Und auch die Prozession mit dem Allerheiligsten, die die Päpste früher an diesem Tag von der Lateranbasilika bis Santa Maria Maggiore anführten, gibt es nicht mehr. Schon im vergangenen Jahr hat sie Papst Franziskus auf den Sonntag nach Fronleichnam verlegt, und jetzt sogar nach Ostia an die Küste vor den Toren Roms.

Foto: Ellis – Loretto Gemeinschaft

Trotzdem: Das Telefon klingelt nicht, aus Deutschland ruft niemand an, auch die Mails fließen nur spärlich. Zeit also, nachträglich die Mitte Mai erschienene Titelgeschichte über den Vatikan zu lesen, die unser römischer Kollege Walter Mayr zusammen mit Clemens Höges für den „Spiegel“ geschrieben hat: „Die Gespenster des Vatikan. Wie Verbrecher und Heilige eine Weltmacht schufen“. Kriminalgeschichte pur. Päpste und Kirchenführer, Kardinäle und Vatikanprälaten – eine Bande von skrupellosen Machtmenschen, die eine Blutspur durch die Geschichte zogen. Das Übliche also, so wie man es von dem Hamburger Nachrichtenmagazin kennt. Es muss Walter Mayr schwer gefallen sein, da mitgewirkt zu haben. Er ist frommer Katholik, ein Verehrer der Gottesmutter und geht andächtig zur Kommunion. Nun denn ... Wie es so schön heißt: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.

Fronleichnam und das Geheimnis der Eucharistie.

Wenn die Kirche – insbesondere die römische Kirchenführung – nur ein Hort von Machtansprüchen und der Unterdrückung frommer Seelen gewesen wäre, dann hätte sie früher oder später das Ende aller Räuberreiche genommen: den unrühmlichen Untergang. Hat sie aber nicht. Da muss im Kern etwas Anderes sein, das die Kirche im Inneren nährt und weiter wachsen lässt. Da wären wir dann wieder bei Fronleichnam und dem Geheimnis der Eucharistie. Fronleichnam ist das Fest des Leibes und Blutes Christi. In Deutschland haben sich die Bischöfe nicht darüber einigen können, ob es Fälle geben darf, in denen einem nicht-katholischen Ehepartner in der Eucharistiefeier der Leib des Herrn gereicht werden kann. Wer das mit Sorge sieht, verweist darauf, dass die Messe eben keine Mahlfeier ist, bei der man auch Gastfreundschaft walten lassen kann, sondern Ausdruck des gemeinsamen Glaubens an die wirkliche Präsenz des Herrn unter den Gestalten von Brot und Wein – und nicht an ein reines Symbol. Die Befürworter sprechen viel vom konfessionellen Miteinander, vom Leiden des nicht-katholischen Ehepartners, der bei der Kommunion in der Kirchenbank bleiben muss, sogar von der möglichen Gefährdung einer Ehe. Auch spekulieren jetzt viele darüber, ob Papst Franziskus nicht am liebsten die deutschen Bischöfe ihren eigenen Weg gehen lassen möchte, wenn sie denn nur ein wenig einmütiger seien. Da geht es dann um die Frage der Dezentralisierung bei pastoralen Sonderwegen. Aber wer spricht noch von der Eucharistie als zentralem Mysterium von Glaube und Lehre? Darüber, dass sie der größte Schatz in der katholischen Kirche ist? Weil sie konkret und real den göttlichen Erlöser gegenwärtig macht.

Christus selbst wollte es so, dass die Eucharistie nicht als etwas Symbolisches gefeiert wird. Mit „großer Sehnsucht“, so sagt er bei Lukas, „hat mich verlangt, dieses Mahl mit euch zu essen“. Etwas Bedeutungsvolles kündigte sich an. Er nahm Wein und Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und reichte es mit den Worten: „Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis.“ Dann reichte er ihnen den Wein: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird.“ Jesus sagte das zu Männern, die nicht gewohnt waren, in Symbolen zu reden, und sich auch nicht wie die Schriftgelehrten unserer Zeit mit Begriffsdeutungen und Wortinterpretationen abgaben. Er wusste, dass sie ihn wörtlich nehmen würden. Trotzdem oder gerade deswegen sprach er so deutlich von seinem Leib und seinem Blut, vom neuen Bund, und erteilte den Auftrag, diese Handlung zu seinem Gedächtnis weiterhin zu begehen.

Die Kirche hat zweitausend Jahre an dem Auftrag Jesu festgehalten, in der Liturgie der Messe nach den Wandlungsworten aber auch den Ruf „Mysterium fidei! – Geheimnis des Glaubens“ eingefügt. Die Verwandlung von Brot und Wein in den Leib Christi – und zwar nicht der Bedeutung und dem Sinn nach, sondern wirklich und tatsächlich – bleibt ein undurchdringliches Offenbarungsgeheimnis. Es wäre Anmaßung, wenn der Mensch versuchen wollte, das, was dort vor zweitausend Jahren geschehen ist und sich seither in jeder heiligen Messe wiederholt, nach dem jeweiligen Wissensstand seiner Zeit einordnen und irgendwie greifbar machen zu wollen. Das eucharistische Mahl ist die sakramentale Vergegenwärtigung der Heilstat Christi am Kreuz. Es ist die unblutige Wiederholung des Opfertodes Christi, eines Opfers allerdings, bei dem nicht mehr der Mensch eine Gabe opfert, um Gott zu versöhnen, sondern der Sohn Gottes sich selbst hingibt. Nicht der Mensch mit seinen Gaben, sondern Gott selbst als Opfergabe ist Herr der Eucharistie, die der Kirche auf ihrem Weg mitgegeben ist, über die sie aber nicht frei verfügen kann.

Die Einsetzung der Eucharistie ist zugleich Offenbarung.

„Gott sagt, was er will, und was er will, ist“, schrieb Romano Guardini zu diesem großen Geheimnis des Glaubens. Die Realpräsenz Christi in der Messe ist kein Bild, das man deuten kann oder hinter dem eine immer weiter zu ergründende Symbolik liegt. Den Gläubigen – von den Päpsten und Kardinälen angefangen bis zum einfachen Laien in der Kirchenbank – bleibt nichts anderes übrig, als den Wunsch Christi zu akzeptieren. Dem Glauben der Väter treu zu bleiben fällt schwer, besonders dann, wenn der Druck von außen zunimmt, dieses Geheimnis den allgemeinen Regeln der Gemeinschaft und eines harmonischen Zusammenseins zu unterwerfen, und wenn im Inneren der Glaube schwach zu werden droht. Doch mit der Eucharistie spielt man nicht. Auch nicht dann, wenn man den getrennten Brüdern und Schwestern im ökumenischen Dialog einen Schritt näher kommen will.