Verfasst am 16. November 2017Kilian Schadt

Zugegeben, meine Kinder bringen mich an meine Grenzen, oder auch mal darüber hinaus, wo ich die Kontrolle, ja sogar die Beherrschung verliere. Welche Eltern kennen sie nicht, die Situationen, in denen man nicht mehr weiter weiß und seinem Kind aus lauter Verzweiflung am liebsten mal so richtig ... einen Lutscher geben würde, damit es endlich Ruhe gibt? Was für eine große Herausforderung, unsere Kinder im Glauben zu erziehen!

Bild: Lars Plougmann, flickr.com, CC BY-SA 2.0, bearbeitet.

Dieses Jahr kam unser Sohn aus dem Waldkindergarten in die Grundschule. Die Umstellung erzeugte in ihm so viel Anspannung, dass er, kaum zuhause angekommen, seine Geschwister und uns Eltern anblaffte, ärgerte und sogar schlug. Das hat uns erstmal total überrollt und wir haben ihn anfangs nur ermahnt, in immer lauter werdendem Tonfall, sich doch gefälligst zu beherrschen und seine Geschwister in Frieden zu lassen. Meine Frau und ich sprachen viel darüber, weil wir mit seinem Verhalten und unseren Reaktionen darauf nicht zufrieden waren, aber einfach nicht weiterkamen. Wir haben gemeinsam gebetet und Gott um Kraft und Rat gebeten.

Erst nach mehreren Wochen zunehmender Beschimpfungen seinerseits kamen wir Stück für Stück dahinter, was eigentlich seine Not war. Zum einen hatte er im Klassenzimmer und auch im wirklich sehr engen Schulhof bei weitem nicht die Bewegungsfreiheit, die er im Waldkindergarten ausgiebig genossen hatte. Er ging zwar hochmotiviert und wissbegierig in die Klasse und freute sich besonders auf das Rechnen, aber zu seiner großen Enttäuschung durfte er in den ersten sechs Wochen in Mathe nur die Zahlen eins bis neun wiederholen, die er alle schon im Kindergarten kennengelernt hatte. Das führte auch dazu, dass er keine Motivation für Hausaufgaben hatte, bei denen er 50 Mal ein und die selbe Zahl in Kästchen verschiedener Größe schreiben sollte.

Die Religionslehrerin war von Anfang an krank, also hatte er für Religion ständig wechselnde Vertretungslehrer. Er verlor endgültig die Nerven, als er für Reli als Hausaufgabe seine Familie malen sollte. Warum? Das war einfach ungerecht, weil er als einziger eine Familie mit vier Kindern malen musste! Das dauert ja so lange, dass gar keine Zeit mehr zum Spielen bleibt! Außerdem bietet ein Blatt im Reliheft selbst im Querformat gar nicht genug Platz für sechs Personen!

Als er uns das alles so nach und nach erzählte, konnten wir uns zusammenreimen, dass wir uns durch sein aggressives Verhalten zuhause nicht mehr persönlich angegriffen fühlen durften. Sein Bewegungsdrang und sein Wissensdurst kamen einfach zu kurz. Wir fanden Wege, seinen Bedürfnissen trotz vollgestopfter Alltagsroutine entgegen zu kommen, achteten darauf, dass er nach der Schule genug Bewegung hatte, gaben ihm Rechenaufgaben und machten Rechenspiele mit ihm. Für die Großfamilie haben wir einfach ein Blatt an die Heftseite angeklebt, damit er genug Platz hatte. Außerdem gaben wir ihm mehr Zeit für die Aufgabe, weil ohnehin durch die wechselnden Lehrer niemand wirklich die Reli-Hausaufgaben kontrollierte. Schritt für Schritt entspannte sich daraufhin die Situation, auch wenn er immer noch darauf wartet, dass die Matheaufgaben ihn echt herausfordern.

Ich bin sehr dankbar, dass wir in solchen Situationen, wenn wir mittendrin feststecken und nicht mehr weiterwissen, zu Gott kommen können, um ihm unsere Familie hinzuhalten. Das Gebet hilft uns oft, unseren Blick auf eine Situation zu weiten, um von uns selbst weg auf die Bedürfnisse der anderen zu sehen. Jesus zeigt uns in seinem Verhalten (sogar gegenüber den nervigen Pharisäern) einen gnädigen Vater, der geduldig unser Gemecker und sogar unsere Anschuldigungen anhört, um dann aber auf unsere verborgenen Bedürfnisse und Gedanken einzugehen. Ihm geht es in erster Linie darum, in Beziehung zu bleiben und diese zu stärken und zu vertiefen. Er schenkt auch uns durch seinen Heiligen Geist die Kraft, die Beziehungen zu unseren Kindern zu stärken. Schon manches Mal habe ich meiner cholerischen Natur entsprechend laut auf ein wiederholtes respektloses Verhalten meiner Kinder reagiert. Aber oft konnte ich in solchen Situationen auch spüren, wie mich stattdessen eine friedliche Gelassenheit erfüllte, die mir half, ruhig zu bleiben und daraufhin liebevoll aber klar und konsequent mit meinen Kindern über ihr Verhalten zu sprechen. Meistens gelingt mir das dann, wenn meine letzte persönliche Gebetszeit nicht weit zurück liegt.