Verfasst am 27. Juni 2016Schwester Mechthild Steiner OP

Ausdauer

Bild: Schwester Mechthild Steiner

Ich bewundere meine Mitschwester.

Sie stellt sich der überwältigenden Aufgabe sämtliche Zweige und Äste des diesjährigen Baumschnitts mit einer Axt in gleich große Stücke zu zerhauen und in Bündel zusammen zu binden, so dass sie dann im Heizofen des Gewächshauses verbrannt werden können. Wir haben viele Obstbäume und sehr viele abgeschnittene Zweige und Äste. Es ist wirklich eine Mammutaufgabe, wie man auf dem Foto gut erkennen kann.

Ich bewundere meine Mitschwester, weil sie diese Arbeit beharrlich und voller Mut angeht. Als ich diesen Berg von Zweigen und Ästen gesehen habe, habe ich gedacht: „Das schafft sie nie!“ Sie selbst sieht das etwas rosiger, ist aber davon überzeugt, dass sie diese Aufgabe nicht nur dieses Jahr beschäftigen wird. Und obwohl kein Ende in Sicht ist, macht sie sich unverdrossen an die Arbeit. Immer wieder, oft jeden Tag, ein paar Stündchen.

Ich bewundere meine Mitschwester deswegen, weil ich selbst oft vor solchen mir unüberwindlich groß erscheinenden Aufgaben zurückschrecke. Ein riesiger Berg von Arbeit und ein zweifelndes „Das schaffst du nie!“ raubt mir oft allen Mut, so dass ich noch nicht mal anfange. Natürlich schaffe ich es dann tatsächlich nicht. Ich will immer alles schnell fertig machen. Oder - wenn das nicht möglich scheint - schiebe ich lieber alles so weit wie möglich hinaus.

Ich bewundere meine Mitschwester, denn sie geht diese Arbeit an und darum schafft sie sie auch. Nicht heute, vielleicht auch nicht morgen, aber jeden Tag ein bisschen und ich bin sicher, dass dieser Berg von Ästen eines Tages klein gehackt und verbrannt sein wird. Diese ihre Beharrlichkeit ermutigt auch mich, mich an Aufgaben zu wagen von denen ich befürchte, sie nie zu vollenden.

Und es gibt mir neue Kraft, mich tiefer mit meinem Glauben zu beschäftigen, und auch über die Glaubenswahrheiten nachzudenken, die ich vielleicht nie verstehen werde.

Es bewegt mich auch die Tugenden zu üben, bei denen ich vielleicht bis an mein Lebensende versagen werde. Es hilft mir, mich in allen Dingen, auch in meinem Glauben, um Ausdauer zu bemühen, denn die Ausdauer führt zu einem vollendeten Werk (vgl. Jak 1,3).

Schwester Mechthild, Wettenhausen