Was ist Zeit?

Der heilige Augustinus zum Thema Zeit – arrangiert von Peter Bornhausen 

In den „Bekenntnissen“ des heiligen Augustinus († 430), der ersten Autobiographie der Literaturgeschichte, findet sich eine philosophische Meditation über das Wesen der Zeit. Der Kirchenvater weist die gewöhnliche Auffassung von Zeit als Seiendes ab und entdeckt in der eigenen, dreifachen Tätigkeit von Erinnern, Aufmerken und Erwarten das Wesen der Zeit als Ausdehnung des Geistes – und in sich selbst die Anwesenheit der Ewigkeit.

Die Astronomische Prager Rathausuhr (Foto: Andrew Shiva, Wikipedia, CC-BY-SA 4.0, bearbeitet)

Des heiligen Kirchenvaters Aurelius Augustinus Bekenntnisse. 

„Niemals also hat es eine Zeit gegeben, wo du nicht schon etwas geschaffen hattest, weil du ja die Zeit selbst geschaffen. Und keine Zeit ist ewig wie du, weil du immerdar bleibst; bliebe auch sie immer, dann wäre es keine Zeit. Denn was ist Zeit? Wer könnte den Begriff leicht und kurz erklären? Wer könnte ihn auch nur in Gedanken erfassen, um ihn dann in Worten zu entwickeln? Was aber erwähnen wir öfter in unsern Gesprächen, was erscheint uns bekannter und vertrauter als die Zeit? Und wir verstehen in der Tat, wenn wir davon sprechen, den Begriff, wir verstehen ihn auch, wenn wir einen anderen davon sprechen hören. Was ist also Zeit? Wenn mich niemand fragt, so weiß ich es; will ich es aber jemandem auf seine Frage hin erklären, so weiß ich es nicht. Doch so viel kann ich gewiss sagen: ginge nichts vorüber, so gäbe es keine Vergangenheit, käme nichts heran, so gäbe es keine Zukunft, bestände nichts, so gäbe es keine Gegenwart. Wie kann man aber sagen, dass jene zwei Zeiten, Vergangenheit und Zukunft, sind, wenn die Vergangenheit nicht mehr und die Zukunft noch nicht ist? Wäre dagegen die Gegenwart beständig gegenwärtig, ohne sich je in die Vergangenheit zu verlieren, dann wäre sie keine Zeit mehr, sondern Ewigkeit. Wenn also die Gegenwart, um Zeit zu sein, in die Vergangenheit übergehen muss, wie können wir dann sagen, dass sie an das Sein geknüpft ist, da der Grund ihres Seins darin besteht, dass es sofort in das Nichtsein übergeht? Also müssen wir in Wahrheit sagen: die Zeit ist deshalb Zeit, weil sie zum Nichtsein hinstrebt.“ 

Aus dem Lateinischen übersetzt von Dr. Alfred Hofmann. (Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 18; Augustinus Band VII) München 1914, Elftes Buch, Kapitel 14. http://www.unifr.ch/bkv/kapitel63.htm

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