Sprache, die nicht erstickt, sondern erblüht

Unsere Visitenkarte: gelten lassen, üben, zuhören und aufhören können

Paul Claudel (1869–1955) wird die Aussage zugeschrieben, er sei bis heute erstaunt, dass sich die christliche Botschaft durch die Predigt verbreitet habe. Jesus Christus wollte kein i-Tüpfelchen („Iota“) am Gesetz geändert wissen. Und vielleicht ist das, bei aller theologischen Problematik, die sich hier ausdrückt, für uns immerhin ein Ansporn, einmal zur Kenntnis zu nehmen, dass jede Äußerung in der Verkündigung – eben jedes i-Tüpfelchen – ankommt und dass es auf jede Äußerung in der Verkündigung ankommt: bei wem auch immer, wann auch immer, und vor allem: wie auch immer. Insofern ist nichts vergeblich.

Bild: Claus Auster flickr.com CC BY 2.0, bearbeitet

Allerdings vergeben wir tatsächlich viele Chancen: Sie liegen wohl primär nicht darin, jede wie auch immer abgefahrene Verrenkung im komplizierten und doch durchschaubaren Auf und Ab der Mode-, Bewusstseins- und Unterhaltungsindustrie mitzuvollziehen und in guter Absicht übereifrig auf Anschlussfähigkeit hin zu überprüfen (wer ist überhaupt anschlussfähig an wen oder zu wem?). Was haben wir nicht schon alles probiert? Kooperativ, konstellativ, kollateral, interkulturell, diakonisch und dialogisch, diagonal, que(e)r …

Wo aber ist der ruhende Punkt des Karussells, um den sich alles dreht?

Bewegte kommen, Bewegte gehen, und wiederholt geraten über einen erstaunlichen Erfolg, viele Menschen im Gebet zu vereinen, reine soziologische Gesetzmäßigkeiten aus dem Blick: Vor Begeisterung vergessen Verantwortliche neuer Bewegungen, dass sich, auch bei Kadern!, die Schwerkräfte im Menschlichen nicht ändern oder, wenn überhaupt, dann nur sehr langsam. Immer wieder kommt dann der Band-waggon-effect zum Tragen: (Geistliche) Bewegungen nehmen überraschend an Fahrt auf, nicht zuletzt, wenn eine kritische Masse überschritten ist, die qua Menge anziehend wirkt. In großen Medien Echo zu finden tut immer gut, vor allem denjenigen, die lange Jahre durch eine öde Wüste ziehen mussten. Das soll aber nichts heißen, denn nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern. Und doch werden gegebenenfalls Claims im Sinne einer verhaltenen Exklusivität dann hörbar, Konvertiten docken an … der einzige Ort, fragt man sich dann leicht beklommen, an dem es aufwärts geht?

Warum auch nicht dem seinen Lauf lassen? Warum so skeptisch? Alles schön, alles gut. Es gibt hier viel Aufbruch und Abbruch. Dass eine wahrhaftige Botschaft zu verkünden eines langen Atems bedarf, können sich auch religiös Suchende denken, oder gar Skeptiker. Wir dürfen indes das Kriterium der Sprache anlegen, das in der Verkündigung eine Rolle spielt. Erik Flügge geißelt den unterstellten „Jargon der Betroffenheit“ in seiner einiges Aufsehen erregenden Publikation 2016 mit überscharfen Worten: „Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt.“ Er lässt sich aber von Instanzen in ihr, wie es scheint, gerne befragen.

Es gibt keine perfekte Sprache kirchlicher Verkündigung – außer wir selbst
sind die Visitenkarten!

Wie dem auch immer sei. Ein Geheimnis ist das nicht: Es gibt keine perfekte Sprache kirchlicher Verkündigung – außer wir selbst sind die Visitenkarten, die Talent und Mühe in immer neue Sprachformen legen, die uns helfen, Bewährtes mit Neuem zu verbinden. Dass es keine Patentrezepte in Sachen Sprache gibt, auch nicht der säkularen, diese Erkenntnis dürfte so alt – oder jung – sein wie die Sprache selbst. Hauptsächlich wehrt sich Sprache stets gegen ihre entwürdigende Verzweckung und stellt sich ihr entgegen. Wenn wir uneigennützig verkündigen, kann es uns jedoch gelingen, angemessen zu sprechen: ganz präsent zu sein und uns doch ganz zurückzunehmen. Einst sprach man hierbei von „authentisch“ – heute ein recht elastischer Ausdruck, den aber Herr Flügge, unterstellt, in den sprachlichen Giftschrank sperren wollen würde!

Immerhin tut sich zwischen dem früher geübten „Geliebte in Christo“ und dem selbst heute noch zu hörenden „Ey, Alter, was geht?“ (Stichwort: Jugendarbeit) ein ganzes Spektrum auf. Um uns hier adäquat zu verhalten, bedarf es eines gewissen Talentes, der Übung und innerer Aufrichtigkeit! Und: der Kunst des Schlusspunktes!

Erstens gibt es in Wirklichkeit Profis der Verkündigung.

Wer welche Talente warum erhalten hat, ist letztlich nicht auszumachen. Nicht neidisch sein auf andere! Durch demütig erlittene Lebenserfahrung lassen sich Talente allerdings potenzieren; was kein Selbstläufer ist. Ich spreche etwa von einem evangelischen Prediger in meiner mittelfränkischen Heimat, der beliebt war, weil man ihm anhörte, das Gepredigte in Form einer Sucht erlitten zu haben. Gewiss ist Sucht kein wünschenswerter Katalysator. Aber man kann erleben, langsam zu erlernen, das Erlebte Teil der Verkündigung werden zu lassen. Das ist kein wünschenswertes Privileg, sondern eine Art Sühne! Und es bringt leidenschaftliches Talent hervor, das nicht jedermanns Sache ist.

Zweitens: Üben hilft!

Einem Stotterer zu erklären, er solle nur die öffentliche Rede üben, weil es helfe, die Scheu vor der Öffentlichkeit zu verlieren, ist nicht ganz richtig. Ist aber auch nicht ganz falsch. Üben ist eine Form der Selbstüberwindung, die nicht mehr in vieler Munde geführt wird. Und: üben kann lange Weile mit sich bringen.

Drittens: Manche möchten uns nicht hören.

Biblisch ist das in die bemerkenswerten Worte gefasst: „Davon wollen wir dich ein ander Mal hören!“ Gilt das nicht auch für uns? Hören wir selbst genau auf das, was Gegner uns vorhalten? Ich empfinde das als schwer, aber insgesamt recht instruktiv. Statt Gegnern der Botschaft Makel welcher Art auch immer zu unterstellen, sollten wir aus ihren Argumenten und, falls nicht vorhanden, wenigstens aus ihren Formen lernen. Auch Hofnarren gilt es zu beachten. Sie können spitzige Splitter der Wahrheit sagen, auch wenn sie – scheinbar – niemand zur Kenntnis nimmt. Sie zu beachten (z.B. in Massenmedien), mag dies noch so unangenehm sein, könnte uns unterstützen, aufrichtig die Dinge zu sehen – und nüchtern.

Schließlich: Sagen wir nicht immer zu allem alles.

Setzen wir Punkte, Schlusspunkte. Punkte setzen hilft, Aussagen vorab zu präzisieren. Bemühen wir uns verstärkt, zu schweigen. Mit wie großen Worten wird nicht in Diskussionen der Wert des Schweigens wiederholt gelobt?

Drucken wir also unsere eigene Visitenkarte, der Name darauf sollte nicht so wichtig sein. Vielmehr könnten fortlaufend die gerade entfalteten Begriffe erscheinen: Talente (anderer) gelten lassen; üben; zuhören; aufhören. Wirkte eine solche Visitenkarte erst einmal auf uns, bräuchten wir sie eventuell gar nicht mehr vorzuzeigen. So könnte Verkündigung geschehen, die nicht an ihrer eigenen Sprache erstirbt.

Dr. Veit Neumann

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