Meine Zeit steht in deinen Händen

Spiritueller Tourismus – viel mehr als ein Trend. Von Julius-Alexander Past 

Alle Zeit, sagen wir, ist Lebenszeit. Wir achten inzwischen darauf und haben ein Gespür entwickelt, was wir, aber auch was andere mit unserer Zeit tun. Über Zeit, über unsere Zeit wollen wir stets autonom verfügen. Don’t waste my time! – Dieser Ausspruch ist geradezu zum Schlagwort geworden. Zu längerem Warten sind wir kaum mehr bereit. Vieles zerrt an unserer Geduld, weil es, wie wir finden, nicht moderner Taktung entspricht. Was aber hat all dies mit Lebenszeit zu tun, mit unserer Lebenszeit?

Lourdes Basilika Copyright Bayrisches Pilgerbüro; bearbeitet

Als innerweltliche Größe durchaus greifbar, weil auf den Moment bezogen, auch messbar, bleibt Zeit doch immer unwägbar. Sie ist eine jeweils kulturspezifische Methode persönlicher Planung. Eingeteilte, strukturierte Zeit offenbart stets den Menschen und seinen individuellen Umgang mit den Basisressourcen. Wenn wir also inhaltlich planen, füllen wir unseren Lebensraum mit der anscheinend zur Verfügung stehenden Zeit. 

Ist Zeit ein Trugmittel, vermag sie nicht über den Moment und die Dauer letztlich zu täuschen?

Menschenwerk zeigt sich allzu deutlich im Zeitlichen, da es doch vor allem von Nutzenkorrelaten getragen wird. Aber wir sprechen auch von sogenannten „Auszeiten“. Was hat es damit auf sich? Vorausgeschickt sei, dass hier keine Parallele zum Hier-und-Jetzt gemeint ist. Denn wir stehen ja mit beiden Füßen auf der Erde, auf dem Boden der Tatsachen also. Nein – es geht beim Thema Auszeit vielmehr darum, den Fliehkräften des Alltags ein Suchen nach Sinn und Erfüllung entgegenzusetzen und die eigene Lebensenergie neu zu bündeln. Auszeiten sind nicht inhaltsleer. In ihnen steuern wir uns selbst noch bewusster: durch Aufbruch oder Rückzug, durch Gebet, durch Schweigen, durch Fasten und vieles mehr. Wir suchen nach den Grundkoordinaten unserer Persönlichkeit, um zu verstehen, woraus sich unsere Kräfte speisen. Herkömmliche Planung der arbeitsfreien Zeit, in der wir Abstand gewinnen wollen, weicht immer mehr qualifizierten Nischenformaten. Der spirituelle Tourismus hat mittlerweile eine vom Reisemarkt insgesamt nicht mehr wegzudenkende Position erreicht und ist ein etabliertes Branchenformat. Den Aufbruch zu wagen auf Wegen, an Orten und in Räumen persönlicher Sinnfindung, allein ebenso wie in einer größeren Gruppe, ist eine öffentliche Bekundung persönlicher Spiritualität. Als Christen verstehen wir unter Spiritualität ein Geführt-Sein, eine geistliche Haltung, die ihren Urgrund im Wirken des Heiligen Geistes hat. Im Christentum ist so verstandene Spiritualität auf besondere Weise gemeinschaftsstiftend und kann vor allem zu einer einzigartigen ökumenischen Kraftquelle werden. Denn im geschwisterlichen Aufbruch wird Gemeinschaft erlebt, Glaubensgemeinschaft, die als Weggemeinschaft zu Gott sichtbar wird. Gottes Wege zu beschreiten erfordert Mut: sich von Gott finden, ansprechen, im Herzen berühren lassen, aufbrechen zu ihm. Das ist die zielsichere, vom Glauben gesteuerte Navigation zu dem, der uns suchen, entgegeneilen und in uns das Feuer seiner Liebe entzünden will.

In einem persönlichen Glaubenszeugnis ist zu lesen:

„Ich weiß, dass Christus mich ergriffen hat und dass ich ‚laufe‘, um ihn zu ergreifen.“ Ein Bild voller Frische und Lebendigkeit! Es zeigt uns die Einfachheit des Glaubens: zwischen den Ausgangs- und Zielpunkten unserer Wege durch die Zeit überprüfen wir immer neu unsere Identität und binden uns an unsere Wurzeln zurück, an die Mitte, die unseren menschlichen Wesenskern reinigt, neu zum Strahlen bringt. So wie wir selbst wandelt sich auch unsere innere Haltung und unser Gebetsleben, das gleichsam im Fluss der Zeit stets die Spur zu Gott neu aufnimmt. Die Bitte, dass sich nur die Türen zu seinen Wegen in unserem Leben öffnen mögen, zählt gleichsam zu den Grundgebeten und verleiht unserem Alltag eine neue Perspektive. Diesseitige Meilensteine können dann unseren Blick für die Winke des Himmels schärfen. Denn es geht um die bewusste Abkehr vom Staccato der Zeit hin zu einer unseren Tiefengrund ergreifenden Verwandlung. Was mir heilig ist, will ich stets neu suchen. Um es zu finden und neu zu entdecken, breche ich auf. Es ist nicht selten ein Weg über die Hürden des Alltäglichen, des Beliebigen, und vielfach einfach nur „gegen“ die Zeit.

Im christlichen Kontext bewegen wir uns von der weltlichen zu einer göttlichen Schwerkraft.

Gott verwandelt den Menschen in seiner Zeit, schenkt sie ihm neu und verhilft ihm so zu geistlicher Selbstidentität im Dasein, in der Welt. Als ein anderer, als eine andere zurückkommen – das ist das Geschenk der Heilung, die Gott wirkt. Und so ist spiritueller Tourismus viel mehr als ein Trend, denn er kann uns zu den Quellen des Lebens führen. Spiritueller Tourismus antwortet auf die Sinnsuche unserer Zeit mit einer Fülle qualifizierter Orientierungsangebote. Meine Zeit als Zeit mit Gott, in der ich ihm begegnen und ihn ansprechen darf – das ist ein Schatz, den ich immer neu suchen und heben darf. Wenn wir uns mit Gott auf die Wege des Lebens machen, erschließt sich uns in seiner Liebe das Geschenk unserer Existenz und der Zeit auf wunderbare Weise immer neu.        

Rom mit Muße genießen

Diese beliebte Pilgerreise widmet sich der Ewigen Stadt in „entschleunigter“ Form. Neben dem Besuch der Hauptsehenswürdigkeiten erleben Sie das Zentrum der Christenheit auf entspannte Weise und mit Zeit und Muße für besondere Momente. Webseite: Bayerisches Pilgerbüro

Lourdes – das mütterliche Gesicht der Kirche

„Kommt in Prozessionen, trinkt aus der Quelle“ – wer lässt sich ansprechen von der Einladung der Gottesmutter? Millionen von Pilgern haben in den bald 160 Jahren nach den Marienerscheinungen Lourdes aufgesucht, haben zum Glauben gefunden, Heilung erlebt und Stärkung für den eigenen Weg erfahren. Wir laden Sie ein, in das Geheimnis von Lourdes einzutauchen und sich von der Liebe Gottes berühren zu lassen. Webseite: Bayerisches Pilgerbüro

Pilger-Wanderreise mit Muße im Heiligen Land

Bei dieser entschleunigten Reise nähern wir uns ganz gemächlich dem biblischen Geschehen, immer „mit der Bibel im Rucksack“. Wir konzentrieren uns auf das Wesentliche und lassen uns dabei viel Zeit zum intensiven Erleben und Genießen. Webseite: Bayerisches Pilgerbüro

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