Maria

An Maria kann man sehen, welches Menschenbild Gott hat 
Von Prof. Dr. Marianne Schlosser 

Maria? Ist das nicht doch eher ein Randthema? Etwas für besonders Fromme? Oder vielleicht für weniger Fromme, die halt am Brauchtum hängen? Sieht man genauer hin, dann stellt man schnell das Umgekehrte fest. Maria ist vielfältig verknüpft mit zentralen Inhalten unseres Glaubens: wer Jesus Christus ist, was wir unter Kirche verstehen, und wie wir unser eigenes Verhältnis zu Gott, unsere christliche Berufung auffassen. Denn sie ist die Mutter Jesu Christi, unsere Schwester und Mutter im Glauben, sie ist die Erst-Erlöste, das Urbild der Kirche, ein Leuchtturm für unsere Hoffnung. Und Marienverehrung ist dann "gesund", wenn sie auf der Wahrheit des Glaubens aufruht.

Maria von Monte Mario: eines der ältesten Marienportraits, Dominikanerinnenkonvent Santa Maria del Rosario (Foto: Michael Hesemann)

Jungfrau und Gottesmutter 

Schon in sehr frühen Glaubensbekenntnissen und im ältesten uns bekannten Hochgebet hat Maria einen Platz: Wir glauben an den Sohn Gottes, unseren Erlöser, „geboren von [Maria] der Jungfrau“. „Jungfrau“ ist der früheste Titel Marias, noch bevor ihr auf dem Konzil von Ephesus (431) der Titel „Gottesgebärerin“ oder „Gottesmutter“ feierlich zuerkannt wurde. Beides gehört zusammen und betrifft das Verhältnis zu ihrem Sohn – der nicht nur ihr Sohn ist, und der keinen irdischen Vater hat (Mt 1,18–23; Lk 1,26–38).

Dass Jesus Christus von einer Jungfrau empfangen und geboren wurde durch das schöpferische Wirken des Geistes Gottes, ist älteste christliche Glaubensüberzeugung. Sie wurde festgehalten und verteidigt, obwohl gerade dieser Aspekt bei Gegnern aus dem Judentum wie dem Heidentum auf Ablehnung und Spott stieß: Dort verstand man genau, dass die Christen das wörtlich meinten. Die frühen Theologen hielten ganz unangepasst daran fest, dass Jungfräulichkeit kein Symbol für die persönliche Frömmigkeit Mariens, keine theologische Idee mit dem Ziel einer nachträglichen „Vergöttlichung“ Christi, und erst recht kein Mythos über die Zeugung eines gottmenschlichen Zwitterwesens sei, sondern schlicht aussagt, dass Gott in der Menschwerdung seines Sohnes – der dabei nicht aufhört, Gott zu sein und beim Vater zu bleiben! – etwas Neues, Einzigartiges tut. Oder anders: Mit dem Bekenntnis, dass Maria als Jungfrau die Mutter des Herrn wurde, bekennt man, dass Gott wirklich, nicht nur irgendwie geistig-spirituell, sondern konkret in dieser Welt handelt – wie es Lukas nüchtern und ganz unmythologisch beschreibt, unter Angabe von Ort, Zeit und beteiligten Personen.

Gott tritt in der Person des Sohnes selbst in seine Schöpfung ein; zugleich greift er die Geschichte Israels auf und führt sie zur Vollendung – und die Mitwirkende dabei ist Maria, Tochter des erwählten Volkes, und Repräsentantin der gesamten Menschheit, mit der Gottes Sohn verwandt werden will. Derjenige, der hier geboren wird, ist der verheißene Messias, mit „Wurzeln“ in der Geschichte Israels, und ist zugleich „von oben“: Nicht eine bislang noch nicht existierende Person wird gezeugt, sondern Gottes Schöpfergeist erschafft die menschliche Natur des Sohnes Gottes in und mit Maria. Christus ist wirklich Sohn seiner Mutter, und zugleich der ewige Sohn Gottes – der seiner Mutter „seit Ewigkeit voraus“, und daher auch ihr Schöpfer und ihr Erlöser ist.

Die Glaubende

Was erfahren wir sonst noch im Neuen Testament über Maria? Zuerst einmal begegnet sie uns als die Glaubende schlechthin: „Selig ist, die geglaubt hat“, ruft Elisabeth (Lk 1,45). Als diejenige, die dem Wort Gottes das Herz geöffnet hat, gehört Maria nicht nur zu den leiblichen Verwandten Jesu – von denen er sich ja zuweilen deutlich distanziert (Mk 3,31–35; Lk 8,19–21) –, sondern zu der neuen Familie, die zu sammeln Jesus gekommen ist: „Selig sind, die das Wort Gottes hören und es befolgen“ (Lk 11,27f.). Als die erste Glaubende, die tapfere Gefährtin, ist sie nicht nur Mutter, sondern auch Jüngerin. 

Kein Wunder, dass man schon sehr früh (Mitte des 2. Jahrhunderts) eine Parallele zog zwischen Eva, der Gehilfin Adams, und Maria, als Gehilfin des „zweiten Adam“. Maria wird als „neue Eva“ bezeichnet, die das Versagen der ersten Eva gewissermaßen wettmacht, und damit auch eine neue Stammmutter wird, die Mutter der Glaubenden. Durch ihre Zustimmung: „Mir geschehe nach deinem Wort“, und die glaubende, hoffende und liebende Einlösung dieses Wortes in ihrem Leben, hat Maria einen besonderen Anteil am Werk ihres Sohnes. Denn Jesus ist „die Frucht ihres Leibes“, wie wir so oft beten – indem wir die Worte der Elisabeth wiederholen (Lk 1,42). Was ihm geschah, an Leiden, Kämpfen, Freuden und Sieg, musste ihr besonders nahegehen. Die Betrachtung der „Schmerzen und Freuden Mariens“ findet vor allem Ausdruck in den Rosenkranzgeheimnissen, aber auch in Andachten, Litaneien und Liedern („Christi Mutter stand mit Schmerzen“, „Freu dich, du Himmelskönigin“).

Mehr noch: Die Überzeugung, dass Maria auch für die übrigen Brüder und Schwestern ihres Sohnes, für die „Glieder seines mystischen Leibes“, besondere mütterliche Verantwortung trägt, dass sie treu und verlässlich ist, mit einem Herz für alle Bedrängten, spiegelt sich in zahllosen Gebeten. Das älteste Mariengebet (3. Jahrhundert) ist solch eine Anrufung um Hilfe in der Not; wir beten es noch heute: „Unter deinen Schutz und Schirm …“. Im letzten wurzelt dieses Zutrauen zu Maria in dem Wort Jesu, der am Kreuz Johannes Maria anvertraut hat (Joh 19,26f.).  

Die Begnadete

Romano Guardini hat einmal gesagt, von Maria sei die Antwort des „stärksten Glaubens, den je ein Mensch aufbringen musste“, gefordert gewesen. Wie muss jemand sein, die zu solch einer Aufgabe gerufen ist?

„Sei gegrüßt, Begnadete“, so wird Maria von Gabriel angesprochen, und „sie erschrak über diese Anrede“ – wohlgemerkt: über die Anrede, nicht über den Engel! – „und dachte nach, was dieser Gruß bedeuten solle“. Und noch einmal wird bestätigt: „Du hast Gnade gefunden bei Gott“. Im ganzen Alten Testament, so schreibt der große Exeget des 3. Jahrhunderts Origenes, habe er die Anrede „Begnadete“, die einem Eigennamen gleiche, nirgendwo anders gefunden. Sie ist ein Hinweis auf die besondere Heiligkeit und Gnadenfülle Marias: Schon bevor sie der Botschaft zustimmte, war „der Herr mit ihr“.

Entsprechend wird sie voll Liebe und Verehrung von den östlichen Christen „Pan-hagia“ genannt, „die ganz und gar Heilige“. Wir rufen sie an als die „allerseligste“, die „süße Jungfrau Maria“ – an der nichts Verkehrtes, Selbst-Verschlossenes, „Bitteres“ ist. Denn „süß“ bezeichnet in der Sprache der Bibel und der Liturgie, was Teil hat an Gottes Güte und unverletzlichem Leben, im Gegensatz zu Schmerz und „bitterem Tod“, der Folge der Sünde.

Dass Maria von jeder persönlichen Sünde frei war, wurde so gut wie nie in Frage gestellt. Im Gegenteil, man findet schon in der frühen Kirche die Auffassung, dass Maria bereits vor ihrer Geburt, zur Vorbereitung auf ihre Berufung, besondere Gnade empfangen habe – wie man es auch von Johannes dem Täufer (Lk 1,15) und dem Propheten Jeremia annahm (Jer 1,5). Der Glaube, dass Maria vom ersten Beginn ihrer Existenz an ganz in Gottes Gnade stand, ist der Inhalt des Dogmas von ihrem „unbefleckt Empfangen-Sein“ (Immaculata conceptio). Die größte Gnade, die sich denken lässt, ist die Bewahrung vor jeder Sünde. Weswegen jemand, der nicht in Sünde fällt, Gott zu größerer Dankbarkeit verpflichtet wäre, als jemand, dem vergeben wird. Dieser Gedanke ist nicht so selbstverständlich, und man begreift, dass es länger dauernder theologischer Klärung bedurfte, bis das Dogma 1854 feierlich verkündet werden konnte. Denn es musste klar sein: Wenn Christus der Erlöser ausnahmslos aller Menschen ist (Röm 5,18), dann bedarf auch Maria der Erlösung, ja sogar noch mehr als alle anderen Menschen, da sie „im Voraus“, „im Hinblick auf die Verdienste ihres Sohnes“ von der Erbsünde befreit wurde.

Da erheben sich freilich gleich weitere Fragen: Wie kann man das denn wissen? Und was heißt überhaupt Erbsünde? Vielleicht kann dieser Gedanke zum Verstehen helfen: „Erbsünde“ bezeichnet einen Mangel-Zustand. Der Grund dafür ist nicht, dass Gottes Schöpfung mangelhaft wäre, sondern er geht auf eine Freiheitsentscheidung zurück: die Aufkündigung des Vertrauens und des liebevollen Gehorsams gegenüber Gott, die Ursünde, wie sie in Gen 3 beschrieben wird. Den daraus resultierenden Zustand kann man als einen Mangel an Freiheit zum Guten umschreiben (mit vielen anderen Folgen). Dann heißt umgekehrt „begnadet, voll der Gnade sein“: in einem Höchstmaß frei zum Guten zu sein – eine Liebe zu Gott zu haben, die stärker ist als alle anderen Wünsche oder Ängste. „Heiligkeit“ ist ein anderes Wort dafür.

Können wir uns das vorstellen? Ein wenig schon! Wir wissen, dass wir diese Freiheit nicht aus uns selbst haben, dass nicht unsere Eltern sie uns vererbt haben. Es ist die „Freiheit der Kinder Gottes“, die Christus denen erworben hat, die an ihn glauben: die Freiheit, die jemand besitzt, der weiß, dass Gott ihn kennt, und der ihm ungebrochen vertraut, frei von ängstlicher Selbstbehauptung, freudig und mutig zu allem Guten bereit … In dieser Gnade war Maria vom Beginn ihrer Existenz an. In ihr konnte sie sagen: „Mir geschehe nach deinem Wort“ – sich als „zweite Eva“ dem Heilsplan Gottes zur Verfügung stellen.

Mutter der Glaubenden

Und das führt uns einen wichtigen Schritt weiter: Was Maria schon vor der Menschwerdung des Erlösers zuteilwurde, ist die Gnade und Heiligkeit, die Christus der Kirche als ganzer erworben hat. Maria, die sich dem Wort Gottes öffnete, ist als Person „Kirche“, wie Franziskus von Assisi es ausdrückt: „sein Zelt“. In Maria existierte die Kirche schon, bevor Jesus die Apostel berief. Umgekehrt, so hat das II. Vaticanum in der Kirchenkonstitution Lumen gentium vor Augen gestellt, kann die Kirche aller Zeiten in Maria wie in einem Spiegel sehen, was sie selbst sein soll: Wohnung Gottes unter den Menschen. Wenn daher im Neuen Testament zuerst die Kirche als „makellose (immaculata) Braut“ Christi bezeichnet wird (Eph 5,27), deren Reinigung und Heiligung der Erlöser mit seinem Blut vollbrachte, dann muss dies gerade auch für Maria gelten, die der Prototyp aller Glaubenden ist. Das Dogma von der Bewahrung Marias vor aller Sünde, vor jedem Schatten der Gott-Widrigkeit, beinhaltet eine große Freude: Gottes Gnade ist mächtig und willens, Heiligkeit zu wirken; Maria ist als Erst-Erlöste das „Meisterstück“, „Ursache unserer Freude“ (Lauretanische Litanei), ein „Pfand“ für die Heilsgewissheit der ganzen Kirche.

Die künstlerische Darstellung der „Immaculata“ bringt dies zum Ausdruck: Die geheimnisvolle Frau aus Offb 12 – geziert von Sternen, gekleidet in die Sonne, den Mond unter den Füßen –, die der Seher Johannes als „großes Zeichen“ schaut, und in der man sowohl Maria als die Neue Eva wie das neue Gottesvolk, die Kirche, erkennen kann, zertritt der Schlange den Kopf und macht die Verheißung Gottes wahr (Gen 3,15b). 

Freiheit von Erbsünde, im Hinblick auf die Berufung, die Mutter des Erlösers zu werden:  Das heißt auch, dass der Zustand der Gnade bei Maria nicht einfach identisch ist mit dem paradiesischen Zustand. Gott macht einen neuen Anfang, aber nicht so, dass er die Geschichte zurückdreht. Die Sünde ist eine Realität, hat die Welt tief verwundet – und der „zweite Adam“ Christus wird die ganze Bitterkeit des Lebens und Sterbens tragen müssen. Daher ist auch Maria keine der gebrochenen Wirklichkeit enthobene, legendenhafte Gestalt! Sie wird gerade durch die Verbundenheit mit ihrem Sohn hineingezogen in das Leid, das der unheile Zustand der Welt mit sich bringt.  Es bleibt ihr nicht erspart, das Kreuz ihres Sohnes mitzutragen. Wenn Gnade bedeutet: Feinfühligkeit für das, was Gott am Herzen liegt, wie sollte dann mit dem Maß der Gnade nicht auch die Fähigkeit des Mitempfindens zunehmen. Die „Mater dolorosa“, deren Gnadenbilder an zahlreichen Wallfahrtsorten verehrt werden, trägt auch den Namen „Pietà“. Die Gläubigen aller Zeiten wussten ihr eigenes Leid bei dieser Mutter verstanden und in ihrer Fürbitte geborgen. 

Voll-Erlöste  

Aber sie hat auch besonderen Anteil am Sieg Christi. Das ist der Inhalt des letzten marianischen Dogmas aus dem Jahr 1950: Nach umfassenden Konsultationen, denen zahlreiche Petitionen vorausgegangen waren, erklärte Pius XII. „zur Ehre des Allmächtigen Gottes“, es gehöre zum Glauben der Kirche, dass die jungfräuliche Gottesmutter Maria „nach Vollendung ihres irdischen Lebens mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen wurde“.

Auch hier hat man gefragt: Gibt es überhaupt Anhaltspunkte, dies dogmatisieren zu können? Wenn doch in der Heiligen Schrift davon nicht die Rede ist, und die allerersten Jahrhunderte der Kirchengeschichte darüber zu schweigen scheinen? Und doch hatte das Fest Mariä Himmelfahrt – in den östlichen Kirchen: „Mariä Entschlafung“ – eine lange Tradition; die Überzeugung, dass der auferstandene Christus seine Mutter nicht im Grab gelassen habe, war tief und wie selbstverständlich in den Gläubigen verwurzelt. So gibt es bemerkenswerterweise auch keine Nachricht über Körperreliquien von Maria. Ein Tod, der nicht dem Tod entspricht, den wir kennen – so deutete ein Kirchenvater des 4. Jahrhunderts an. Er meinte damit: ein Sterben, Hinübergehen, das nicht die Konsequenz von Sünde oder Gottferne ist. Entsprechend kann man zwei Haupt-Gründe für die Vorwegnahme der Vollgestalt von Erlösung nennen, wie es auch die Verkündigung des Dogmas tut: Marias Freiheit von jeglicher Sünde und ihre Gottesmutterschaft, durch die sie „immer sein Los teilte“. Den Leib, der gelitten hat und auferstanden ist, hat Christus aus Maria angenommen; wenn es also „eine bestimmte Reihenfolge gibt“ (1 Kor 15,23), dann steht sie ihm am nächsten. Was aber an Maria jetzt schon vollendet ist, wird an allen Gliedern Christi geschehen (Röm 8,11 u.a.).

Gerade die beiden neuzeitlichen Dogmen handeln nicht nur von Maria; sie sprechen von der Würde jedes Menschen: von der Heiligkeit der Berufung durch Gott, der jeden Menschen vom ersten Augenblick seiner Existenz her kennt. Und vom Geheimnis der Vollendung gerade auch des Leibes, die wir als Christen glauben und erhoffen. An Maria wird sichtbar, wie Gott uns in sein eigenes Wirken einbeziehen will, nicht als Rädchen im Getriebe, sondern als Personen, mit unserem Tun, Leiden und Beten.

An Maria kann man sehen, welches Menschenbild Gott hat.

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