Kunst – Glaube – Kirche

Muss ein Künstler, der für die Kirche arbeitet, gläubig sein?
Von Josef Alexander Henselmann 

Ich werde manchmal gefragt, ob man als Künstler gläubig sein muss, um Kunst im sakralen Raum schaffen zu können. Man ist versucht, spontan ja zu sagen, und das ist auch das, was im Allgemeinen als Antwort erwartet wird, gerade von jemandem wie mir, der Papst Benedikt XVI. für den Münchner Dom porträtiert hat und der im Laufe seines Bildhauerlebens schon viel für die katholische Kirche gearbeitet hat. In meinem Fall mag es auch stimmen. Ich habe das Glück, meinen Kinderglauben in das Erwachsenenleben herübergebracht zu haben, ohne groß zweifeln zu müssen, trotz mancher Schicksalsschläge.

Atelier (Foto: Daniel Schäfer, Photography)

Aber so einfach ist es nicht mit der Antwort auf die Frage, ob man glauben können muss, um Kunst für die Kirche machen zu können. Ich kenne Kollegen, die sich Atheisten nennen, sich gar kirchenfeindlich gebärden und trotzdem anrührende und wahrhaftige Bilder und Bildnisse schaffen, die vielleicht gar nicht für eine Kirche gemacht wurden, aber trotzdem ihren Weg in den sakralen Raum finden. Wie passt das zusammen? Lassen Sie mich dafür etwas weiter ausholen.

Kunst kommt von Können.

So sagt der Volksmund, aber wahrscheinlicher ist, dass das Wort Kunst von dem altdeutschen Verb „kunden“ kommt, so wie es in dem heute noch gebräuchlichen Wort, „verkünden“ enthalten ist. Kunst sollte etwas zu sagen haben, die Menschen berühren, interessieren und zum Nachdenken anregen, welche Botschaft hinter einem Kunstwerk steht.

Bis zum Anfang des letzten Jahrhunderts war es für die Künstler relativ einfach mit der Botschaft. Es war die Aufgabe der Künstler, Gott oder die Herrscher zu verherrlichen. In diesen Zeiten entstand viel Dekoration bzw. dekoratives Beiwerk, das sich aber oft im Zusammenspiel der vielen Details wieder zu einem bewegenden Ganzen fügte.

Heute wird die Kunst häufig um ihrer selbst willen gemacht.

Und von dem Künstler wird eine eigene Botschaft, am besten eine eigene Philosophie oder ein eigenes Weltbild erwartet, das natürlich zwangsläufig von der Biographie und dem Umfeld des Künstlers geprägt wird. Das kann mehr oder weniger interessant sein, führt aber auch zu einer gewissen Nivellierung und Ähnlichkeit von Kunstwerken, die von Künstlern geschaffen wurden, die in einem ähnlichen Umfeld arbeiten. In allen Epochen gibt es aber auch herausragende Bildnisse, die die Zeiten überdauert haben, weil eben da noch mehr ist als die Meisterschaft des Künstlers.

Nun fragt man sich, was es ist, das ein Kunstwerk herausragend macht, und das nicht nur, weil es einer augenblicklichen Mode folgt, sondern Epochen und Kulturen übergreifend ist. Ich denke darüber schon sehr lange nach und bin zu folgendem, zugegebenermaßen sehr subjektiven, Schluss gekommen, da ich natürlich nur für mich sprechen kann und nicht für meine Kollegen.

Mein Bestreben ist es, dass die nächste Skulptur, das nächste Bild besser ist als alle vorherigen. Das Kunstwerk muss besser sein als der Künstler. Das heißt, es muss von irgendwoher etwas kommen, das den Künstler über sich und seine Möglichkeiten hinauswachsen lässt. Stefan Zweig hat in seinem Buch „Sternstunden der Menschheit“ sehr anschaulich beschrieben, wie auch durchschnittliche Künstler oder gar Amateure in wenigen Stunden Großes und Zeitloses schaffen können.

Jeder von uns, auch der Künstler, ob er glaubt oder nicht, ist ein Werkzeug Gottes.

Warum soll also nicht ein göttlicher Funke, eine Idee oder eine Ahnung genau den Unterschied machen zwischen einer Durchschnittsarbeit und einem herausragenden Kunstwerk! Und um wieder zum Ausgangspunkt zurückzukommen: Warum soll nicht auch ein Atheist Träger dieser Wahrhaftigkeit und des göttlichen Funkens sein? Es gibt Grundwahrheiten in der Kunst wie in der Physik, der Mathematik und in den verschiedenen Religionen. Für mich sind diese Grundwahrheiten von Gott gemacht. Von Gott, den wir nicht verstehen können, der aber uns versteht.

Jeder von uns, auch der Künstler, ob er glaubt oder nicht, ist ein Werkzeug Gottes.

Auszüge

Kurze Auszüge von Prof. Dr. Josef Henselmanns Arbeiten. Mehr Informationen gibt es auf seinen Webseiten: www.josefhenselmann.com oder www.josefhenselmann.de 

Kirchenraum der Pfarrkirche Heilig Blut, München (Foto: Daniel Schäfer)
Pastoralreferenten-Ausbildungszentrum, München (Foto: Daniel Schäfer)
Portrait Eva, Bronze, 1999 (Foto: Daniel Schäfer)

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