Kunst – die Glauben erlebbar macht

Ein Interview mit dem Kunsterzieher Uli Schubert über inspirierte junge Menschen und die gemeinsamen Anliegen von Kunst und Religion. Von Thomas Weifenbach.  

Uli Schubert, geboren 1983 in Würzburg, gestaltet jährlich mit seinen Schülern und Schülerinnen im Kunstunterricht das Fastentuch der Pfarrgemeinde Liebfrauen in Ravensburg. Mit seiner Frau und zwei Kindern wohnt er in Weingarten. Seine Begeisterung gilt der Kunst in mannigfaltigen Ausdrücken. Durch die Arbeit in der Schule hat er das Glück, stets mit inspirierenden jungen Menschen im Austausch zu sein.

Das Fastentuch von 2017 (mehr Bilder und Informationen gibt es am Ende des Interviews)

Frage: Wie entstand die Idee zum Fastentuch, was war der erste Gedanke, und gibt es einen roten Faden durch die Jahre hindurch?

Schubert: Die Idee entstand Anfang 2013 auf einer Geburtstagsparty. Dort habe ich mich lange mit einem ehrenamtlichen Mitarbeiter der Pfarrgemeinde über Kunst und Religion unterhalten. Das Ergebnis war dann eine erste Zusammenarbeit in der künstlerischen Umsetzung des Fastentuches, die bis heute andauert. Da sich die Liebfrauengemeinde jedes Jahr ein Thema mit Predigtreihe zur Fastenzeit überlegt, besteht unsere Aufgabe darin, dies aufzugreifen, zu visualisieren und ästhetisch erlebbar zu machen.   

Frage: Das Gebetsanliegen von Papst Franziskus im Monat August ist für Kunstschaffende, dass sie mit ihrer Kreativität zeigen, wie großartig Gott ist. Inwieweit kann ein künstlerisches Projekt auf Gott hinweisen, den Betrachter stärken und vielleicht sogar herausfordern?

Schubert: Kunst und Religion haben meiner Meinung nach ein gemeinsames Anliegen: das sichtbar oder erlebbar zu machen, was man so erst mal nicht sieht. Also hinter den Vorhang zu schauen. Realitäten und Wirklichkeiten zu entdecken, die uns im alltäglichen Leben zunächst verborgen bleiben. Kunst ist somit prädestiniert, sich mit dem Glauben auseinanderzusetzen. Auch wenn es hier immer wieder starke Spannungen gibt. Gerade, wenn Religion als theologisches Regelwerk verstanden wird, da Kunst prinzipiell freier und subjektiver an Dinge rangeht. Aber Kunst kann auf jeden Fall eine Sichtweise ästhetisch darstellen, die, bei aller Subjektivität, viele Menschen emotional oder geistig erfasst. Im Idealfall wird Kunst dann als gemeinsame emotionale Wirklichkeit wahrgenommen. So kann Kunst manchmal ein Gefühl evozieren, das nonverbal ausdrückt, was Glauben im Herzen bedeutet. Je nach Sichtweise und Interpretation des Betrachters kann das natürlich stärken, weiterdenken lassen oder auch hinterfragen. 

Frage: Was ist die Quelle eurer Inspiration – was inspiriert dich und die Schulklasse?

Schubert: Unsere Inspiration, also Eingebungen, Gefühle und Ideen für die Gestaltung entsteht durch die Auseinandersetzung mit einer (Glaubens-)Frage. Einer Frage, die Gott entweder an uns (Menschen) richtet oder die wir selber an ihn (Gott) haben oder an uns selbst. So entwickelt sich durch das Gespräch und den Austausch unter den Schülern/innen über diese Frage die künstlerische Idee und Herangehensweise. Dabei steht aber erst mal die freie Assoziation zum Thema im Vordergrund.  

Frage: Wie stark sind die Schüler und Schülerinnen in den kreativen Prozess eingebunden? Bleibt es inhaltlich „nur“ im Fachunterricht Kunst, oder tauscht man sich dann automatisch auch mal über den Glauben aus?

Schubert: Die Themen waren bisher so, dass man automatisch ins Gespräch kommen muss, da die Inhalte weit über das hinausgehen, was im normalen Fachunterricht gemacht wird. Auch sind die Fragestellungen andere als bei einer normalen kunstanalytischen, kunstgeschichtlichen Arbeit. Im Prozess versuche ich mich möglichst zurückzuhalten, damit es zum Großteil die künstlerische Auseinandersetzung und ästhetische Umsetzung der Schüler ist. Zwei bis vier Schüler kümmern sich um die künstlerische Endfassung, und oft helfen viele bei der Anfertigung des Materials und der Installation in der Kirche.

Frage: Welche Erfahrungen und Rückmeldungen gibt es von den Beteiligten?

Schubert: Die Resonanz der Schüler ist super. Für sie ist es eine tolle Gelegenheit, sich mit einem Thema frei und anders auseinanderzusetzen, als es im normalen Unterricht passiert. Allein die Größe des Werks mit 7 x 6 Metern, und dass das eigene Werk dann an einem öffentlichen und prominenten Ort präsentiert wird, ist eine neue und spannende Erfahrung. Pfarrer und Gemeinde sind ebenfalls sehr begeistert und froh über unsere Arbeit und das Projekt. Sogar Klassen aus anderen Städten kommen im Religions- und Kunstunterricht in die Kirche und schauen sich das Fastentuch an.

Frage: Durch die Geschichte hindurch wurde die Kunst von der Kirche geprägt, und umgekehrt. Ist das heute noch so der Fall? In welchem Verhältnis sollten heute Kunst und Kirche stehen?

Schubert: Die Kunstgeschichte ist extrem dadurch geprägt, dass die Kirche über Jahrhunderte, und allgemeiner der Kult über Jahrtausende, der zentrale Auftraggeber für die Kunst war. Das war im Christentum und in anderen Religionen so. Heute ist Kunst extrem mannigfaltig und von der Religion viel losgelöster. Ich glaube, Johannes Paul II. hat gesagt: „Die Kirche braucht die Kunst – aber braucht die Kunst auch die Kirche?“ Meines Erachtens meint er damit, dass sich die Kunst von der Auseinandersetzung mit dem Transzendenten weit entfernt hat. Ich sehe das eigentlich nicht so. Es gibt in der Kunstszene viele Akteure, die diese Frage weiterhin stellen – aber natürlich ganz anders als es vor 100 oder gar 500 Jahren der Fall war.

In welchem Verhältnis sollten die beiden stehen? Das kann ich natürlich nicht „absolut“ beantworten. Es wäre toll, wenn die Kirche eine große Offenheit gegenüber der spezifischen Herangehensweise von Kunstschaffenden hätte und die Kunst diese Offenheit als Chance verantwortungsvoll wahrnehmen würde. Beide Seiten könnten so eigene Fragestellungen und ästhetische Auseinandersetzungen mit dem, was „hinter dem Vorhang“ ist, schaffen und damit weit über die eigene „Szene“ hinaus wirken.

Fastentuch 2017


Der Spiegel ist für uns Zeichen und Werkzeug der Selbstvergewisserung. Hier erkennen wir in der Summe der spiegelnden Flächen, das Gesicht Christi auf dem Weg zur Kreuzigung.

Narziss verweigert die Liebe der anderen, weil er in seinem Spiegel nur sich selbst sehen kann. Der Blick des Christen richtet sich auf Christus in mir und auf Christus im anderen – über alle Grenzen hinweg. So bleibt unser Blick nicht bei uns stehen. 

Dieser Blick schafft Verbundenheit und Hoffnung auf eine utopische Liebe, denn die Gemeinschaft ist auf dem Weg. Der Spiegel des Schweißtuchs zeigt, dass dieser Weg den Leidensweg Jesu einschließt.

Fastentuch 2016

Wie das Fastentuch nicht den leidenden Christus vom Kreuz nimmt, sondern nur die entwürdigende Nacktheit verhüllt, kann unsere Barmherzigkeit nicht das Leid der Menschen, die Opfer von politischen und religiösen Verirrungen wurden, tilgen.

Ein Geflecht aus vielfältigen Gesten und konkreten Handlungen, die wir für sie tun, gibt ihnen und uns ein Stück unserer gemeinsamen menschlichen Würde wieder.  

Fastentuch 2015


Das biblische Thema der diesjährigen Fastenzeit bilden die Psalmen. Für gläubige Juden sind diese 150 Gebete Lebensadern ihres täglichen Gebetslebens.

So auch für Jesus, der in den letzten Momenten seines Lebens mehrere dieser Gebete am Kreuz zitiert. Mit einem bekannten Schlaf-Psalm (31,5) befiehlt Jesus in der Nacht des Todes sein Leben in die Hände des himmlischen Vaters.

In den Evangelien werden die Folgen des letzten Ausatmens Jesus beschrieben. Mit dessen Tod verdunkelt sich der Himmel, die Erde bebt, der Vorhang im Tempel zerreißt. (Lukas, 23.44-46)

Dieses Fastenbild reagiert ebenfalls stark auf jeden Windhauch. Drei Schülerinnen des Welfen-Gymnasiums schaffen einen sensiblen Vorhang aus 6000 Halmen, die 240 Gebetsschnüren umkleiden. Wie in einem Seismographen zeichnen die unterschiedlichen Farbflächen ein lebendiges Bild vor dem Anblick des verwundeten Christus am Kreuz.