Kann denn Liebe Sünde sein?

Amoris laetitia – Die Freude der Liebe. Die Liebe ist eigenwillig, schwer zu fassen und meistens turbulent. Von Dr. Martina Kreidler-Kos  

Kann denn Liebe Sünde sein? Darf es niemand wissen, wenn man sich küsst, wenn man einmal alles vergisst, vor Glück? Kann das wirklich Sünde sein, wenn man immerzu an einen nur denkt, wenn man einmal alles ihm schenkt, vor Glück?"  Man kann sich nur darüber wundern, wie gut der alte Song von Zarah Leander zu den Fragen passt, die uns noch 2017 beschäftigen: „Kann denn Liebe Sünde sein?“ Kann denn irgendjemand irgendwem vorschreiben, wen er oder sie lieben darf und wen nicht? Auf der einen Seite gibt es diejenigen, die nur noch den Kopf schütteln: „Soll doch jeder und jede nach seiner oder ihrer Façon glücklich werden. Wer, mit wem, wann, wie – liegt in der Verantwortung des Einzelnen. Generelle Normen oder gar Vorschriften? Längst passé!“ Der andere Aufschrei: „Soll es denn jetzt gar keine Verbindlichkeiten mehr geben? Ist heutzutage einfach alles erlaubt?“

Papst Franziskus hat letztes Jahr einen Überraschungscoup gelandet: Sein Schreiben mit dem fröhlichen Titel: „Die Freude der Liebe – Amoris laetitia“ gab’s für die Weltkirche geschenkt. Er hätte damit alle Debatten beenden können – aber er hat sie neu eröffnet! 

Ihm wird gelegentlich vorgeworfen, er würde zu wenig Klartext reden. Ich kann nur sagen: Gott sei Dank! Endlich einer, der verstanden hat, dass es in der Liebe nie um schwarz oder weiß geht. Liebe hat ganz viele Farben. Das ist mühsam, aber auch wunderschön. In einem Wort aus dem Alten Testament heißt es: „Stört die Liebe nicht, weckt sie nicht auf, bis es ihr selbst gefällt“ (Hld 2,7) – eine tiefe Erkenntnis, die immer noch gilt: Liebe ist eigenwillig, schwer zu fassen und meistens turbulent.

Hand aufs Herz, genau diese Liebe lieben wir:

die uns erwischt, ohne uns zu fragen, die uns packt und nicht mehr loslässt, die uns zum Narren hält und bis in die letzte Faser unseres Herzens selig macht. Wir lassen alles stehen und liegen, wir reisen bis ans Ende der Welt, wir holen einander die Sterne vom Himmel – ohne auch nur einmal nach der Effizienz zu fragen. Da ist dieser eine Mensch, und wir würden alles für ihn tun. Wie gut, dass es diese starke, exklusive Form der Liebe gibt. Zuneigung kann man zu vielen Menschen entwickeln, Freundschaften in mancherlei Richtungen pflegen. Erotische Liebe dagegen ist absolut und exklusiv: Im Jetzt und Hier gibt es sie immer nur einmal. Wer gerade bis über beide Ohren verliebt ist, der verliebt sich nicht noch mal. Im besten Fall gilt das für ein ganzes Leben. 

Erotische Liebe verlangt und genießt und beschützt immer ein einzelnes Gegenüber.

Und sie tut dies auf rätselhafte Weise. „Was ist so Besonderes an ihm?“, „Was findest du eigentlich an ihr?“, das können immer nur die anderen fragen. Ob dieser Mensch, den ich liebe, groß ist oder klein, dick oder dünn, blond oder schwarz – er oder sie ist auf alle Fälle goldrichtig. Nie ist man Gott dankbarer für seine gelungene Schöpfung, nie hält man den Schöpfer für großartiger, als wenn man in den Armen des geliebten Menschen liegt. Nicht umsonst wurde ein kleines, feines Lied in den letzten Jahren ein so gigantischer Hit: „Just the way you are!“ von Bruno Mars. Du bist umwerfend, singt dieser Megastar für ein Mädchen: „You are amazing“ – einfach, weil du bist, wie du bist: „just the way you are“! 

Und doch ist es seltsam. Erotische Liebe ist durch alle Zeiten hindurch als Konkurrentin zur Gottesliebe betrachtet worden. Das hat mit dieser Totalität zu tun: Es gibt Momente in unserem irdischen Leben – und ich hoffe sehr, wir alle kennen und hüten solche Momente –, da ist Sehnsucht gestillt, da gibt es das vollkommene Glück. Da brauchen wir nichts mehr als nur diesen einen Menschen, um mit dem Leben vollkommen im Reinen zu sein. Da würden wir am liebsten die Zeit für immer anhalten. „Wer friert uns diesen Moment ein?“ – dieser Song von Andreas Bourani ist einer der meistgespielten auf Hochzeiten. All diese Erfahrungen finden wir, man höre und staune, im Schreiben von Papst Franziskus wieder. Eine neue, andere, wertschätzende, feine Sicht von erotischer Liebe und Sexualität: „Gott hat den Menschen mit der Sexualität ein wunderbares Geschenk gemacht“, heißt es darin (AL 150). Eines ist klar: Es gibt so unendlich viel Missbrauch, so viel Gewalt, so ungeheure Zerstörungen. In ihrem Kern aber ist gerade die erotische Liebe der Liebe Gottes sehr, sehr nahe: Denn auch er sagt zu uns: Ich liebe dich, so wie du bist: „Just the way you are.“ 

Das wird eine Aufgabe der Zukunft sein:

verstehen zu lernen, was unsere Kraft und unsere Sehnsucht zu lieben mit unserem Glauben zu tun haben. Das haben wir als Glaubende und als Kirche nur ganz, ganz selten versucht: Weil wir so gut, so groß und so persönlich von der Liebe zwischen zwei Menschen noch nie gedacht haben. Hier haben wir einiges aufzuholen, und ausgerechnet Papst Franziskus hat dazu den Startschuss gegeben: „Vertraut der Liebe“ – ist die Zusammenfassung seines neuen Schreibens. Und: Wenn ihr das tut, dann werdet ihr sehr schnell merken, dass nicht alle Regeln außer Kraft gesetzt sind. Im Gegenteil, aber diese Regeln werden endlich verstehbar. Und sie lauten: In der Liebe geht es um die Würde des anderen. Alles, was diese Würde verletzt, darf nicht sein.

Das Sakrament der Ehe

Damit sind wir verrückterweise direkt beim Ehesakrament: bei der Freiheit. Zur Ehe gehört das frei gesprochene Ja. – Wunderbar, das ist absolut kompatibel mit dem, was Menschen jedweder Weltanschauung unterschreiben würden. Und dann: die Dauer. – Fragen Sie verliebte Paare, stellen Sie sich vor ein Standesamt oder eine Kirche. Man liebt nicht auf Zeit. Jeder und jede wünscht sich die Ewigkeit für ihr Glück. Und schließlich: die Exklusivität. Nur du – und nur du allein. Genau das haucht man einander in den schönsten Stunden ins Ohr und nicht: du – bis eventuell was Besseres kommt.

Freiheit, Treue und Ausschließlichkeit sind keine Sonderideen der Kirche, sondern Elemente, die der Liebe innewohnen. Aber im Ehesakrament steckt noch mehr. Erstens: Eine Ehe soll fruchtbar sein. Auch das verstehen wir eigentlich gut: Liebe wächst immer über sich hinaus. Man hat Bärenkräfte, wenn man sich geliebt weiß, Rückenwind, kann Bäume ausreißen, Bäume pflanzen oder Kinder großziehen. Die Kraft der Liebe kann und soll auch anderen zugutekommen. Worüber die Kirche neu nachdenken muss, ist ihre Fixierung auf die Verknüpfung von Sexualität und Fruchtbarkeit. Schon das II. Vatikanum hat sich auf den Weg gemacht und eine menschenfreundlichere Sicht auf Sexualität ins Spiel gebracht. Hier gilt es, laut weiterzudenken – und auch das tut der Papst in Amoris laetitia. Sexualität taucht auch im Zusammenhang mit Lust und Freude auf – selbstverständlich immer verbunden mit der guten Idee, dass sie sich an der Würde der Menschen messen lassen muss.

Kann denn Liebe Gottes Geschenk sein?

All diese schönen und brisanten Dinge über die Liebe sind nachzulesen im Schreiben von Papst Franziskus. Ich verspreche, Sie werden an vielen Stellen aufatmen und viele Momente sehr genießen. Wir haben noch eine ganze Menge schöner, neuer unbekannter Wege vor uns – den Gott der Liebe gerade über die Liebe kennen- und verkünden zu lernen. Denn der letzte Punkt, der die katholische Sicht auf die Ehe nun wirklich besonders macht, ist der: Die Liebe zwischen zwei Menschen bildet etwas ab von der Liebe Gottes. Wir dürfen so groß und so unbefangen von der Liebe denken, denn da, wo sie ergriffen und gestaltet wird, wo sie erneuert, behütet, genossen, vielleicht auch erlitten, gefeiert, gelebt wird – da ist die Liebe Gottes spürbar. Da bekommen wir Menschenkinder eine leise Ahnung davon, wie stark seine Liebe zu uns wirklich ist.

Um am Ende noch einmal zu Zarah Leander zurückzukehren: Die Frage, die wir uns heute stellen sollten, ist vorsichtig, neu, aufregend endlich nicht mehr die nach der Sünde, sondern die nach der Freude: Kann denn Liebe Gottes Geschenk sein? Ja, kann sie nicht nur – ist sie.

Literaturhinweise:

Mit Lust und Liebe Glauben. Amoris laetitia als Impuls für Gemeinde, Partnerschaft und Familie. Von Martina Kreidler-Kos/Christoph Hutter. Mit einem Begleitwort von Bischof Franz-Josef Bode, Schwabenverlag 2017

Von Felsblöcken und Zärtlichkeit. Amoris laetitia in Verkündigung und Liturgie. Von Martina Kreidler-Kos/Wolfgang Tripp, Schwabenverlag 2017 (erscheint am 19. September 2017)

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