Heiliger Geist

Der Geist schafft den Menschen neu nach Gottes Sinn und Jesu Maßstab 
Von Prof. Dr. Bertram Stubenrauch 

Am weitesten trägt das liturgische Wissen um den Heiligen Geist: „Herr, unser Gott, du hast deine Kirche mit himmlischen Gaben beschenkt. Erhalte ihr deine Gnade, damit die Kraft aus der Höhe, der Heilige Geist, in ihr weiterwirkt ...“ (Schlussgebt der Messe am Pfingstsonntag) 

Deckenmosaik im Baptisterium der Arianer in Ravenna, Italien. (Bild: St1hart.de, wikimedia.org, CC BY 3.0, bearbeitet)

In diesem Gebet wird klar zum Ausdruck gebracht, woher der Geist kommt und wie er wirkt:

Er kommt „von oben“, das heißt, er kommt aus Gott. Er stammt aus der Mitte der göttlichen Liebe, die unermesslich bleibt. Gottes Liebe also ist es, die der Heilige Geist der Welt zuträgt, und diese Liebe bedeutet reine Gnade: Gott, der Vater, hat sie seinem Geschöpf erwiesen, ohne dass es ein Anrecht darauf gäbe. Gnade wird gewährt ohne Vorbedingung und ohne Gegenleistung; sie ereignet sich einfach, sie geschieht. Gnade bedeutet, dass Gott seine ganze Aufmerksamkeit auf den Menschen konzentriert, dass er ihm nicht irgendetwas, sondern das Allerkostbarste schenkt. Wie großartig muss der Mensch beschaffen sein, dass er etwas so Gewaltiges wie den Heiligen Geist aufzunehmen vermag!

Der Geist ist eine Gabe an die Kirche.

Ein Christ für sich allein ist überhaupt kein Christ, so wurde einmal gesagt (Tertullian). Egoismus fördert der Heilige Geist nicht. Wenn man den Hinweisen nachgeht, mit denen die Bibel auf den Heiligen Geist aufmerksam macht, so fällt ins Auge, dass es immer um Begegnungen, um Kontakte, um die Zusammenführung geht. Der Geist kommt auf Jesus herab, während dieser von Johannes getauft wird, und er bezeugt ihn so als Gottessohn. Der Geist kommt über die Jüngerschaft und über Maria, Jesu Mutter, herab, um österliche Gemeinschaft zu begründen. Er bringt Charismen hervor, die zwar einzelnen Gläubigen gelten, aber ihre Wirkkraft darin entfalten, dass sie allen zugute kommen. So führt die Kirche in der Kraft des Heiligen Geistes fort, was Jesus zu seinen Lebzeiten begonnen hat: Menschen werden zusammengeführt, damit sie lernen, einander zu schätzen und auf dem Weg zu Gott zu begleiten.

Im Heiligen Geist nimmt das Gottesvolk, das mit der Erwählung Israels ins Dasein trat, messianische Konturen an. Es ist ein Irrtum zu meinen, das Leben könne gelingen ohne „die Anderen“. Gleichgültigkeit gegenüber den Nächsten hat Jesus immer verurteilt. Seine Verheißung gilt allen Geschöpfen, all denen, die Geist haben und deshalb Geist suchen – den heiligen Geist, der das Gute will, es fördert und über alle Maßen erhöht. Auch das ist Gnade: unendlich mehr zu erhalten, als erwartet werden kann, und weitaus Größeres zu empfangen, als sich erhoffen lässt. In der Kirche hat die Hoffnung über alle Hoffnung hinaus ihre gottgewollte Wohnstatt. Deshalb hört das Gottesvolk nicht auf, Gottes Geheimnis zu feiern. Begreifen lässt sich das Heilige nicht, aber man kann zu ihm rufen und es bezeugen. Genau das tut die Kirche, und sie wird es weiter tun, bis sie Gott von Angesicht zu Angesicht schaut.

Der Heilige Geist ist, wie gesagt, Gottes Geist, der Geist des Vaters.

Aber er ist auch der Geist Jesu Christi. Der Apostel Paulus spricht mit großer Selbstverständlichkeit vom Geist „des Vaters“, dann wieder vom Geist „des Sohnes“. An Ostern und Pfingsten – es handelt sich um eine unzertrennliche Einheit – wurde der Geist vom Vater her durch den am Kreuz und durch die Auferweckung erhöhten Herrn gegeben. Die Kirche – und mit ihr all jene, die zu ihr gehören – nimmt mit dem Heiligen Geist zweierlei auf: Er schenkt zum einen den auferweckten Jesus, der nunmehr auf ganz neue und uneingeschränkte Weise in der Kirche gegenwärtig bleibt. Und er schenkt zum anderen sich selbst: Das ist die Kraft, Jesus zu erkennen, das ist der Tiefblick, in Jesus den Vater zu sehen, die Findigkeit, Kirche zu gestalten, die Auszeichnung, Gott im eigenen Herzen wohnen zu lassen, nicht zuletzt die Bereitschaft, das Empfangene weiterzugeben.

Dass der Geist unablässig wirkt, wird oft verkannt; darum machen sich auch und gerade in der Kirche immer wieder Resignation und eine eigentümliche Dumpfheit breit. Aber so wirkt der Gottesgeist nun einmal: rücksichtsvoll und behutsam, nicht herrisch, nicht triumphalistisch, nicht laut. Er weiß – wie Jesus –, was in den Herzen der Menschen ist und lenkt sie gemäß seiner Weisheit und Weitsicht. Deshalb kann und darf niemand den Geist festhalten, ihn niemals allein für sich reklamieren. Wer den Geist kennt und sein Wirken anerkennt, muss ihn auch freigeben; es ist der Geist aller Menschen. Er wirkt in der Kirche, ganz gewiss; aber er wirkt auch jenseits ihrer Grenzen. Er wirkt in den Herzen der Getauften, natürlich, denn er ist kein Allerweltsgeist, kein wohlfeiles Alles und Nichts zugleich. Doch sein Resonanzraum ist die ganze Menschheit, die ganze Welt, der Kosmos, das Universum. Es tut deshalb gut, immer wieder zu beten: Komm, heiliger Schöpfergeist!

Der Geist schafft den Menschen neu. 

Der Heilige Geist, vom auferweckten Jesus im Namen des Vaters österlich und pfingstlich gesendet, bereitet das Gottesreich im Leben der Kirche und der Gläubigen vor – allen Widerständen, Verzerrungen und Dumpfheiten zum Trotz. Seine Gaben tun das Ihre. Sie sind der konkrete Gegenstoß im göttlichen Kampf gegen das Böse: Wo Hochmut waltet, schenken sie wahre Selbsterkenntnis. An die Stelle des Geizes setzen sie Gelassenheit. Statt der ungebremsten Gier fördern sie das Geziemende und Edle. Sie dämpfen die Wut, die so schnell und so schwer verletzen kann und sich so oft verhärtet. Was die Sucht im Menschen zerstört, wird durch sie geheilt, und was der Neid, diese unerbittliche Weltmacht, anrichtet, machen sie wieder wett. Bei alledem helfen sie, dass die Freude an Gott erhalten bleibt; es gibt die religiöse Routine, von einer Art Krankheit sprach man früher. Sie muss nicht zum Schicksal werden.  

Glaube, Hoffnung und Liebe – die drei großen theologischen Tugenden kommen vom Heiligen Geist. Dazu die vier Grundtugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Maß. Der Geist schafft den Menschen neu nach Gottes Sinn und Jesu Maßstab. 

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