Gemeinsam auf die Wahrheit zustreben

Dialog und Sendung – zwei Seiten einer Medaille. Von Frau Prof. Dr. Gerda Riedl

"Gemeinsam auf die Wahrheit zustreben" – zu schön um wahr zu sein? Das Zitat entstammt dem Dokument Mission und Dialog des Päpstlichen Rates für die Nichtchristen aus dem Jahr 1984. In einem Midrasch wird Folgendes überliefert: ein Ungläubiger, wohl ein Römer, fragte Rabbi Jochanan ben Sakkai (30 – 90): "Wir Römer haben unsere Feiertage und ihr habt eure Feiertage. Wir haben das Kalenderfest am 1. Januar, das Saturnalienfest im Dezember und den Herrschaftstag und ihr habt Pessach, den 8. Tag der Versammlung, und das Laubhüttenfest. Welcher ist der Tag, an dem wir und ihr gemeinsam feiern können?" – Rabbi Jochanan ben Sakkai antwortete ihm: "Der Tag, an dem es regnet." – Zweifellos Stoff zum Nachdenken. 
Wenn die Unterschiede aber so groß sind und wir als Christen gar davon ausgehen, dass das Diktum des johanneischen Christus gilt: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich" (Joh 14,6), sind wir dann nicht ausschließlich zur Mission verpflichtet? Wozu ein Dialog? Oder pointiert gefragt: Gefährdet nicht der interreligiöse Dialog die christliche Mission? Denn ein ernsthafter interreligiöser Dialog ist mitnichten als Instrument oder taktisches Manöver zur Missionierung zu betrachten: Er bedeutet Wahrnehmen, Kennenlernen der Position des Andersgläubigen ebenso wie Darlegung der eigenen Glaubensüberzeugung.

Frau Prof. Dr. Gerda Riedl (Foto: Daniel Jäckel, Pressestelle Bistum Augsburg)

Ein exklusivistisches Verständnis der eigenen Religion müsste unweigerlich den Dialog zugunsten der Mission ablehnen. Von pluralistischen Religionstheologen wird freilich das gegenteilige Extrem vertreten: Der Dialog ersetzt die Mission, weil alle religiösen Wege zum gleichen Ziel führen und diesbezüglich keiner den Vorzug vor einem anderen verdient. Die sich seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil abzeichnende kirchliche Position hingegen versteht sich als inklusivistisch: sie betrachtet den interreligiösen Dialog als Erweiterung der Mission. Die Glaubensüberzeugung von der End-Gültigkeit der eigenen Religion hindert nicht daran, das Streben nach Wahrheit und das Wahre und Heilige in nichtchristlichen Religionen zu erkennen und zu schätzen (vgl. II. Vatikanisches Konzil, Nostra Aetate 2). Es bildet vielmehr einen bedeutsamen Anknüpfungspunkt. 

Wie ist es biblisch betrachtet eigentlich um die Mission, um unsere Sendung bestellt?

Im Markusevangelium heißt es im sogenannten sekundären Markusschluss: "Geht hinaus in die ganze Welt (kosmos) und verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfung (ktisis; eigentlich Kreatur)". (Mk 16,15; sekundärer Markusschluss). Am Ende des Matthäus-Evangeliums lesen wir die berühmte Aufforderung: »Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.« (Mt 28,19 f.) Und im Lukas-Evangelium ist prophetisch angekündigt: »Der Christus wird leiden und am dritten Tag von den Toten auferstehen und in seinem Namen wird man allen Völkern Umkehr verkünden, damit ihre Sünden vergeben werden. Angefangen in Jerusalem, seid ihr Zeugen dafür.« (Lk 24,46-48) Der johanneische Christus verbindet gar seine Sendung durch den Vater mit der Sendung seiner Jünger: »Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.« (Joh 20,21)

Und doch bleibt festzuhalten: der historische Jesus betont wiederholt, dass seine Sendung nur dem Haus Israel gilt. "Diese Zwölf sandte Jesus aus und gebot ihnen: Geht nicht den Weg zu den Heiden und betretet keine Stadt der Samariter, sondern geht zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel! Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe!" (Mt 10,5) Mit schwer zu ertragenden Worten weist Jesus zunächst eine nichtjüdische Frau ab, die ihn um Hilfe bittet: "Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt. ... Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den kleinen Hunden vorzuwerfen", um dann aber doch zu helfen und zu konstatieren "Frau, dein Glaube ist groß ..." (Mt 15,21-28: Der Glaube der heidnischen Frau; hier: VV. 24.26.28). Und schließlich finden wir auch in der Erzählung vom Hauptmann von Kapharnaum ein weiteres Beispiel der Zuwendung Jesu zu einem Nichtjuden (Mt 8,5-13; vgl. auch die syrophönizische Frau in Mk 7,24-30; par. Mt 15,21-28).

Erschwerend kommt hinzu, dass das Erste Testament eine Sendung überhaupt nicht kennt,

  • wohl aber den Bund Gottes mit Noach und "allen Wesen aus Fleisch" (Gen 9,17)
  • wohl aber Nichtjuden als Werkzeuge des Allerhöchsten (Melchisedek, Gen 14,18-20; Naaman, 2 Kön  5,1-27; 
Kyros, Jes 45,1 ff.)
  • wohl aber eine Sendungsgeschichte an Nichtisraeliten (Jonabuch)
  • wohl aber den Gedanken der Völkerwallfahrt (Jes 2,1-5; Mi 4,1-3)
  • außerdem die Abrahams-Verheißung: Segen für alle Völker zu sein (Gen 12,3)
  • und schließlich die Verheißung einer universalen Ausgießung des Geistes "über alles Fleisch" am Ende der Zeiten (Joël 3,1-5; ausführlich zitiert in der Pfingstrede des Petrus Apg 2,16-21).

So kommt es in der Praxis der frühesten Kirche zu schweren inneren Auseinandersetzungen um die Erlaubtheit einer gesetzesfreien Heidenmission (Apg 10 f.; Gal 2; Apg 15,1-21: Die Streitfrage zwischen Juden und Heiden). Der Völkerapostel Paulus versteht sich nach eigener Aussage ausdrücklich als Heidenmissionar (Röm 11,13; Gal 1,16; 2,7-9). Er argumentiert mit der Abrahams-Kindschaft, die nicht auf Abstammung, sondern auf Glauben beruht (Röm 4; Gal 2,6-19)  und deutet den auferweckten Herrn als neuen Adam und Haupt der neuen Menschheit (Röm 5,14; 1 Kor 15,45). Die (deutero-) paulinischen Spätschriften erblicken in Jesus Christus das Ebenbild des unsichtbaren Gottes mit universaler Bedeutung, denn "durch ihn, in ihm und auf ihn hin ist alles geschaffen" (Kol 1,15-20; vgl. Eph 1,10; 
1 Tim 1,5).

Das Ergebnis dieses Selbstvergewisserungsprozesses der frühesten Kirche:

  • Das junge Christentum bedeutet eine Spiritualisierung und Universalisierung des Judentums.
  • Das junge Christentum begreift sich nicht als neues, sondern als erneuertes Volk Gottes.
  • Ekklesia – die Herausgerufene aus allen Völkern – ist besonders bei Paulus nur ein Teil des Gottesvolkes. Die Berufung des Volkes Israel bleibt unangetastet (vs. Barnabas-Brief; entst. zwischen 60 und 120 n. Chr.).
  • Ekklesia – die Herausgerufene aus allen Völkern – meint den messianischen Teil des einen Volkes Israel. Ihn repräsentiert die Kirche. Den anderen Teil repräsentiert die Synagoge, – das rabbinisch gewordene Judentum. Beide Teilvölker Gottes können sich zu Recht auf die Verheißungen Gottes an das biblische Volk Israel berufen.

Damit beginnt freilich auch eine recht wechselvolle und bisweilen belastete Missionsgeschichte und wir kehren zur Ausgangsfrage zurück: Erübrigt sich die Sendung der Kirche vor dem Hintergrund theologischer Folgerungen des Zweiten Vatikanischen Konzils und des kirchlichen Lehramtes im Sinne einer Neubegründung der Sendung als Dialog und Mission (statt: individualistischem Seelenheils-Gedanken oder kollektivem Einpflanzungs-Gedanken)? Erübrigt sie sich angesichts der theologische Folgerungen der Folgezeit: Ende oder Moratorium der Sendung – Heilsmöglichkeiten der Nichtchristen (Nostra aetate 2: Strahl der Wahrheit) – Ersatz der Sendung durch Förderungsmaßnahmen (Entwicklungshilfe) – Aufbau eines religionsübergreifenden Projektes ›Weltethos‹ (Hans Küng)?

Ein Antworthorizont findet sich in zwei Beispielen der Apostelgeschichte: 
Sowohl die Pfingstpredigt des Petrus in Jerusalem (Apg 2,14-36) wie auch 
die Areopagrede des Paulus in Athen (Apg 17,17-34) sind adressatenorientiert. In beiden Fällen wissen die Apostel um die religiösen Überzeugungen ihrer Gesprächspartner und suchen sie zu verstehen: "Er redete in der Synagoge 
mit den Juden und Gottesfürchtigen 
und auf dem Markt sprach er täglich mit denen, 
die er gerade antraf." (Apg 17,29) Diese Gesprächsmethode bedeutet "Anknüpfung im Widerspruch": Charakteristisch ist das Bemühen, den Gesprächspartner tiefer in das Evangelium Jesu Christi vom anbrechenden Reich Gottes einführen zu wollen und doch kann dies nicht geschehen ohne eine Grundhaltung, die den Anderen ebenso verstehen will, wie für die eigene Glaubensüberzeugung Verständnis gesucht wird. So dass tatsächlich gilt: „gemeinsam der Wahrheit entgegenstreben", ein Stück des Wegs gemeinsam gehen im vollen Bewusstsein, dass auch wir noch nicht am Ziel angelangt sind.

Nur wenn Dialog als Mission empfunden und Mission als Dialog betrieben wird, vermag ein Prozess des gegenseitigen Verstehens in Gang gesetzt werden. Im Wissen darum, dass jeder Verkündigungserfolg geistgewirkt ist, ist solche Verkündigung ein echtes Angebot und keine verdeckte Strategie.Eine advokatorische Verkündigungstheologie verlangt daher nach:

  • Öffentlichkeitswirksamem Auftreten: 
(Ausrufe-) Zeichen setzen!
  • Eirenischer Darstellung der eigenen Glaubensüberzeugung
  • Verzicht auf vereinnahmende Funktionalisierung und nivellierende Horizontverschmelzung
  • Heilswirksamem Mitwirken am Heil der Mitgeschöpfe und
  • Vertrauen auf das Wirken des Heiligen Geistes.