Geistliche Gemeinschaften

Die Suche nach Gott und der intensive Wunsch, ein Leben aus dem Glauben zu führen
Von Pater Thomas 

„Die neueren Geistlichen Gemeinschaften und Bewegungen sind wichtige Momente kirchlichen Lebens und gelebter kirchlicher Identität. Ihre Vielfältigkeit, die sich besonders in ihren jeweiligen spirituellen Ausprägungen zeigt, kann eine Möglichkeit sein, den eigenen Glauben in einer solchen Gemeinschaft zu vertiefen und sich mit ihr gemeinsam auf einen geistlichen Weg zu begeben.“ So Bischof Dr. Konrad Zdarsa in seinem Vorwort zu der Broschüre „Geistliche Gemeinschaften und Bewegungen in der Diözese Augsburg“, die 2017 von der Abteilung „Spirituelle Dienste“ des Bischöflichen Ordinariats neu herausgegeben wurde.

(Foto: Manfred Lösch)

„Dem Leben auf der Spur“,

so ein Motto der Gemeinschaft Lumen Christi, „Vom Heiligen Geist bewegt, mit Christus in der Welt unterwegs“ lautete ein Kernsatz der Charismatischen Erneuerung, „Liebe ist eine Entscheidung“ der Gemeinschaft Marriage Encounter, die sich der katholischen Ehe annimmt. So allgemein die spirituellen Schwerpunkte dieser geistlichen Gruppen manchmal auch wirken mögen, so unverwechselbar und überzeugend wird ihr Charisma, sobald man ihnen bei ihren Treffen begegnen darf, den Geistlichen Gemeinschaften und Bewegungen der katholischen Kirche. So unverwechselbar wie die Menschen, die sich zu solchen Gemeinschaften zum Teil vor Jahrzehnten schon zusammengefunden haben.

„Den Glauben vertiefen, das Christsein intensiver leben“ würden dabei vielleicht die meisten Mitglieder dieser Gemeinschaften als Motivation angeben. Geistliche Gemeinschaften und Bewegungen leben aus dem Bewusstsein, dass christlicher Glaube nur in immer wieder erneuerter persönlicher Hinwendung zu Jesus Christus und in Gemeinschaft verwirklicht werden kann. Diese Überzeugung wird im Leben der Gemeinschaften und Bewegungen meist sehr konkret: in dem spezifischen Charisma, der Lebensform und dem Ziel der jeweiligen Gemeinschaft. Frauen und Männer unterschiedlichen Alters, Jugendliche, Kleriker, „Laien“ und Ordensleute, Menschen unterschiedlicher Konfessionen oder sogar Religionen finden hier zusammen unter dem Dach einer katholischen geistlichen Gemeinschaft oder Bewegung.

Zur Pfingstvigil in Rom würdigen Päpste regelmäßig den besonderen Beitrag

der neuen kirchlichen Bewegungen und Gemeinschaften zur Sendung der Kirche. Im Nachklang zu einer europäischen Bischofssynode schrieb der mittlerweile heiliggesprochene Papst Johannes Paul II. in seinem Schreiben „Ecclesia in Europa“ (28. Juni 2003): Die neuen kirchlichen Bewegungen und Gemeinschaften helfen „den Christen, radikaler nach dem Evangelium zu leben; sie sind eine Wiege verschiedener Berufungen und bringen neue Formen gottgeweihten Lebens hervor. Sie fördern vor allem die Berufung der Laien und führen dazu, dass sie in den verschiedenen Lebensbereichen zum Ausdruck kommt. Sie begünstigen die Heiligkeit des Volkes; sie können Botschaft und Aufforderung für diejenigen sein, die sonst der Kirche nicht begegnen. Häufig unterstützen sie den ökumenischen Weg und eröffnen Möglichkeiten für den interreligiösen Dialog; […] sie sind sehr behilflich dabei, in der Kirche Lebendigkeit und Freude zu verbreiten.“

Die Mehrzahl der Gemeinschaften und Bewegungen entstand bereits vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Die Schönstatt-Bewegung und Legion Mariens in der Zwischenkriegszeit, die Fokolar-Bewegung während des Zweiten Weltkriegs. Durch das Konzil haben aber viele Bewegungen und geistliche Gemeinschaften Aufschwung und Inspiration erhalten – vor allem durch die Betonung des gemeinsamen Priestertums aller Gläubigen und der Bedeutung einzelner Begabungen und Charismen für den Aufbau des Leibes Christi.

Die Terminologie „geistliche Bewegungen“, „neue geistliche Bewegungen“, „geistliche Gemeinschaften“ sind keineswegs einheitlich. Dies braucht nicht weiter zu verwundern, denn es gehört ja gerade zum neuen Aufbruch, dass er nicht einfachhin in klassische Termini unterzubringen ist. Neue geistliche Bewegungen sind nach Kardinal Kasper „mehr oder weniger festgefügte oder auch lockere Zusammenschlüsse gleichgesinnter Katholiken oder Christen, die gemeinsam ihren Glauben vertiefen und im praktisch gelebten Alltag gegen die Widerstände der säkularisierten Welt leben wollen.“[1] Die festere Bindung der Mitglieder, etwa durch ein „Versprechen“ oder eingetragene Mitgliedschaft, unterscheidet aber die geistliche Gemeinschaft grundsätzlich von der kirchlichen Bewegung.

Die Suche nach Gott und damit verbunden der intensive Wunsch, ein Leben aus dem Glauben zu führen, verbindet sie, eine große Freude ist in allen geistlichen Bewegungen und Gemeinschaften spürbar. Es geht ihnen „um eine Erneuerung des menschlichen Denkens und Wollens aus dem Geist des Evangeliums“[2]. Da dies unter den Bedingungen eines „verdunstenden Glaubens“ in unserer Gesellschaft immer schwieriger wird, wird es für sie zur Herausforderung, nach positiven Möglichkeiten des Lebens als Christen und spezifischen Aufgabenstellungen, die keine Lobby haben, auch nicht in der Kirche, Ausschau zu halten. Mit der bewussten Annahme christlicher Lebensformen kommen die geistlichen Gemeinschaften auch Bedürfnissen einer Gesellschaft entgegen, in der immer mehr Menschen über ihre Einsamkeit und innere Leere klagen.

Geistliche Bewegungen und Gemeinschaften tragen große „Schätze“ in sich.

Gerade auch für unsere Zeit: Sie bieten die Möglichkeit gelebten christlichen Glaubens in Ergänzung zur Pfarrei, für so manchen vielleicht die überraschende Erfahrung, wieder neu die Tiefe und das Tragende des katholischen Glaubens zu erleben. Jede geistliche Bewegung und Gemeinschaft hat dabei ihr unverwechselbares Charisma, das von Christen Wahl und Entscheidung, immer wieder eine echte „geistliche Unterscheidung“ verlangt. Alle geistlichen Gemeinschaften und Bewegungen wirken diözesan-, deutschland- oder sogar weltweit; so kann in aller regionaler, kultureller oder konfessioneller Verschiedenheit die Einheit der Kirche, der Weg aller Menschen auf Christus hin erfahren werden. Aber zunächst, wie Bischof Konrad 2011 es einmal anlässlich eines Treffens dieser Gemeinschaften und Bewegungen in der Diözese Augsburg gesagt hat, zu „Orten werden, wo Menschen atmen können“.


[1] Karl Lehmann, Neuere geistliche Gemeinschaften und Bewegungen im Leben der Kirche, in: F. Valentin / A. Schmitt, Lebendige Kirche, S. 15.

[2] ebd. S. 21.

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