Ein Haus der Hoffnung

Eine Reportage über die „Schwestern vom Guten Hirten“ aus Burkina Faso
Von Christian Selbherr 

Wer ans eiserne Tor klopft, ist in großer Not. Junge Mädchen, die zwangsweise verheiratet werden sollen. Frauen, die ungewollt schwanger geworden sind oder der Prostitution entkommen möchten. Die „Schwestern vom Guten Hirten“ aus Burkina Faso können keine Wunder vollbringen, aber sie finden fast immer eine Lösung.

Das eiserne Tor der Schwestern vom Guten Hirten (Die Fotos im Beitrag sind alle von Jörg Böthling)

„Oh ja, es kommen viele Frauen zu uns, die einen Ausweg aus der Prostitution suchen,“ sagt Schwester Yvonne Clémence Bambara. Sie leitet das Zentrum der „Schwestern vom Guten Hirten“ in Bobo-Dioulasso. Die zweitgrößte Stadt von Burkina Faso ist ihre Heimat, sie weiß, dass Menschenhandel und die Ausbeutung von Frauen und Mädchen weit verbreitet ist.

Sie wissen, was Gewalt, Missbrauch und Ausgrenzung bedeuten

Mary K., beispielsweise wurde in Calabar geboren. Eine nigerianische Hafenstadt am Atlantik, nahe der Grenze zu Kamerun. Im 19. Jahrhundert war Calabar einer der größten Umschlagplätze für Sklavenhändler. Diese Zeiten mögen vorbei sein – doch das Schleusertum, der Handel mit Frauen und Männern hat wieder Hochkonjunktur. Jedenfalls schlug auch Mary K. den Weg in Richtung Norden ein. Vielleicht wollte sie sogar bis nach Europa? In Burkina Faso blieb sie - und kämpft heute um ein gutes Leben. Das war früher ganz anders. Denn damals arbeitete Mary K. in einem Nachtklub. Als Prostituierte.

Mary K. und ihr Getränkestand

Eigentlich kommt Mary K. aus Nigeria. Wie sie nach Burkina Faso gelangte, was sie alles tun musste, um ihren Körper zu verkaufen, darüber redet sie heute nicht mehr gerne.

„Wir haben ihr einen kleinen Kredit gegeben,“ sagt Schwester Yvonne. Damit konnte Mary K. einen eigenen Getränkestand eröffnen. „Ich verkaufe Cola und Tee,“ sagt sie. Neben ihr glüht ein kleiner Ofen mit Holzkohle, das Wasser dampft aus der blechernen Kanne. Schwester Yvonne sieht das ganz praktisch: Ein Anfang ist gemacht. In ihrem Büro hat sie ein kariertes Buch, in dem sie genau auflistet, wer bei ihr und ihren Mitschwestern um Hilfe gesucht hat. Hinter Mary K.s Namen könnte sie einstweilen einen Haken setzen. 

Bevor sie dazu kommt, tritt ein junges Mädchen ins Büro. Schüchtern fragt sie um Rat, die Schwester bittet sie, sich zu setzen und hört ihr zu. Lydia S. (Name geändert) ist gerade erst im Zentrum angekommen. Sie wurde von den Sozialbehörden geschickt. Auch in Burkina Faso gelten Menschenhandel und Zwangsprostitution als Verbrechen, die Behörden müssen Täter finden und sich um die Opfer kümmern. „Das Gesetz ist die eine Sache“, sagt Schwester Yvonne. „Aber die Wirklichkeit sieht oft anders aus.“ Nun also, warum ist Lydia S. gekommen? „Man hat mir weh getan“, sagt sie mit leiser Stimme. Geduldig hört die Schwester ihr zu, stellt nur ganz behutsam Fragen.

Ihre Eltern haben sie zu einem Onkel in Obhut gegeben. Sie fanden, dass sie nicht mehr für ihr Kind sorgen konnten und rechneten damit, dass Lydia es dort besser haben würde. Vor allem aber gab ihnen der Onkel etwas Geld, das sie dringend brauchen konnten. Dafür sollte das Mädchen im Haushalt der verwandten Familie helfen - kochen, waschen, putzen, und auf die kleineren Kinder aufpassen. Wobei „klein“ in diesem Falle seltsam klingt. Denn Lydia ist selbst kaum elf oder zwölf Jahre alt. Ein Alter, in dem für junge Mädchen in vielen Regionen Westafrikas die Probleme erst anfangen. Sie gelten als „heiratsfähig“, werden als Braut an wesentlich ältere Männer versprochen. Auch solche Geschichten kennt Schwester Yvonne nur allzu gut. In ihrem Zentrum leben mehrere Mädchen, die einfach von zu Hause fortgelaufen sind, weil sie sich vor der arrangierten Ehe fürchteten. Sie wollten keinen Mann, der ihr Großvater sein könnte.

In der Ausbildungsküche erlernen die Frauen einen Beruf

Vielleicht kommt auch eine Berufsausbildung infrage. So wie sie Emilie P. gerade macht. Gleich nebenan betreiben die Schwestern ein eigenes Restaurant mit Namen „Le Yélemani“.

Am kommenden Samstag hat sich eine Hochzeitsgesellschaft angesagt. Das Brautpaar will mit 100 Gästen feiern – eine Familie aus der Mittelschicht, die es auch in Burkina Faso gibt. Dort heiratet man, wenn man möchte, und nicht weil man dazu gezwungen wurde. Für dieses Fest also laufen schon die Vorbereitungen.

Im Lokal wird der Saal dekoriert, in der Lehrküche probieren die Auszubildenden neue Gerichte aus. Emilie P. wischt sich die Hände an ihrer Schürze ab. Dann hat sie kurz Zeit.

„Ich war wirklich verzweifelt, bevor ich hierher gekommen bin,“ sagt sie. Auch Emilie P. kommt von weit her: Aus dem Nachbarland Mali. Die 25-Jährige hat keine Eltern mehr, musste ihr Heimatdorf verlassen, landete in einem Nachtklub. Sie dachte sogar daran, sich das Leben zu nehmen. Jetzt will sie sich mit einer Lehre ins Leben zurückkämpfen. Dazu ist sie fest entschlossen: „Damit werde ich mir eine eigene Zukunft aufbauen.“ Irgendwann will sie sogar wieder nach Mali zurück – um den Leuten dort zu zeigen, dass etwas aus ihr geworden ist.

Es lohnt sich, um jedes Leben zu kämpfen

Aber man braucht Geduld dafür. Das ist die Erfahrung der „Schwestern vom Guten Hirten“. Zu fünft leben die Ordensfrauen in ihrer Gemeinschaft. Fünf Frauen aus fünf Nationen. Auch Schwester Hilaria Puthirikkal gehört dazu. Geboren in Indien, kam sie mit 18 Jahren nach Deutschland, wo sie mehrere Jahre in der Jugendhilfe arbeitete. Dann lebte sie 27 Jahre auf der Insel Madagaskar, baute dort ganze Dörfer für Frauen, die von der Gesellschaft ausgestoßen waren. Sie fanden einen Weg zurück. „Es ist einfach herrlich zu sehen, wenn Menschen sich entwickeln und selbständig werden,“ sagt Sr. Hilaria. Vor sechs Jahren wagte sie noch einmal einen Neuanfang und ging nach Westafrika. Schnell merkte sie, dass ihre Arbeit wirklich gebraucht wird: „Frauen werden in Burkina Faso wirklich in jeder Hinsicht ausgebeutet.“ Trotz aller Bemühungen, die es auch in Burkina Faso gibt: „Der Staat ist einfach noch nichtweit genug.“ Deshalb müssen andere Organisationen einspringen – wie die Schwestern.

Die Schwestern vom guten Hirten; Sr. Yvonne (erste von rechts)
Blick auf den Hof

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