Du! Für immer!

Liebe ist mehr als ein Gefühl des Verliebtseins. Sie braucht Entscheidung, Mut, Willen und die Offenheit für das Geschenk der Liebe. Von Lucia Hauser 

VERLIEBT, fasziniert, angezogen und völlig hingerissen vom anderen sein – jeder, der das erlebt hat, kennt dieses unbändige, starke und schöne Gefühl. In diesem Zustand dreht sich jeder Gedanke um den anderen, eine Explosion von Freude! Doch nach einer gewissen Zeit folgt meist die Erkenntnis, dass der andere doch nicht so perfekt ist wie gedacht. Manchmal bedeutet dies das Ende einer Beziehung, es kann aber auch eine große Chance sein, sich ganz auf den anderen einzulassen und einen Schritt zur wahren Liebe zu machen. Auch bei uns war das so. Als wir vor 28 Jahren heirateten, waren wir sehr verliebt und hatten große Pläne für unseren gemeinsamen Lebensweg. Nach und nach haben wir uns jedoch mehr gebremst als beflügelt. Größere und kleinere Krisen waren die Folge. 

Wahre Liebe fragt nach dem Du

Die Gefahr der heutigen Zeit ist, dass das Wort „Liebe“ verkürzt und verzerrt dargestellt wird. Liebe wird oft nur mit Gefühl gleichgesetzt. Verschwindet das Gefühl, endet das für viele Paare mit Trennung. Es herrscht eine regelrechte Jagd nach dem Kick der Gefühle: Die eigenen Wünsche, Träume und Erwartungen stehen im Fokus. Eine Gesellschaft mit Lustmaximierung begünstigt diese Situation: „Ich will alles – und zwar sofort!“ Von diesem Ego-Programm ist niemand ausgenommen. Steht die Selbstverwirklichung an erster Stelle, ist wenig Platz für das Du. Ein ständiges Kreisen um das Ego führt schleichend zu innerer Leere und höhlt die Beziehung aus.

„Nur das kranke Auge sieht sich selbst.“  Viktor Frankl

Nach 16 Jahren Ehe hat uns bei einem Seminar für Ehepaare „der Blitz getroffen“.

Wir haben erkannt, dass wir uns mit Mittelmäßigkeit zufrieden gegeben und das Potenzial unserer Beziehung nur teilweise entfaltet hatten. Das lag vor allem daran, dass wir unsere romantische Liebe von damals nicht zur wahren Liebe weiterentwickelt hatten. Jeder hatte etwas für sich aus der Beziehung holen wollen. Die wahre Liebe jedoch fragt nach dem Du, der Liebende gibt sich hin – mit allem, was er ist und hat. War es nicht genau das, was wir uns am Traualtar versprochen hatten? Wir haben erfahren, dass unsere Liebe tiefer, schöner, vertrauter, kreativer, dynamischer wird – wenn wir uns bewußt dem Geschenk der wahren Liebe öffnen und uns auf die Suche danach machen.

„Das Leben ist sinnlos, bis wir die Liebe entdeckt haben.“   Johannes Paul II.

Folgende Prinzipen können dabei eine große Hilfe sein:

Liebe ist eine Fähigkeit

Liebe ist eine Fähigkeit, die jeder Mensch lernen und entwickeln kann. Wenn ich mich entscheide, meine Liebesfähigkeit zu trainieren, werde ich sicher Erfolg haben. Es ist eine Frage der Entscheidung und des Willens. In der wahren Liebe, wo Herz, Emotion, Verstand und Wille integriert sind, lerne ich, den anderen ganz wahrzunehmen. Es ist ein liebender Blick, der tiefer sieht, der das innerste Wesen des geliebten Menschen, seine ganze Person erfasst. Ich bin bereit für gute Überraschungen – und für weniger gute. Ich weiß, dass der andere genauso wenig perfekt ist wie ich und es auch nicht sein muss. Er ist einmalig und einzigartig – wie ich auch. Die Liebesfähigkeit wird so immer tiefer entwickelt, weil ich nicht mehr der Maßstab bin. Hier überschreite ich mein Ego und finde die Freiheit der Liebe, die nicht an mich und meine Wünsche gebunden ist. Sie taucht ein in das Herz des anderen.

Liebe ist eine Entscheidung

Die Entscheidung, zu lieben und diese Fähigkeit zu entwickeln, hat eine gewaltige Kraft. Auch Rückschläge bremsen diese Kraft nicht. Sich ganz auf den anderen einzulassen, heißt: Ich stelle keine Bedingungen. Ich sage ganz Ja zu ihm. Ich entscheide mich, seine unendliche Würde zu achten. Ich mache ihn nicht für mein Glück verantwortlich. Er darf nie Mittel zum Zweck sein. Manipulation, Dominanz, Kontrolle, Beherrschung des anderen darf es daher nicht geben. Das widerspricht der Liebe. Ich bedenke in allem, was meine Entscheidung, mein Wunsch, meine Idee für den anderen bedeutet. „Mein Wunsch ist, dass es dir gut geht.“ Und das ist nicht von der Stimmung oder dem Gefühl abhängig. Auch wenn ich schlecht gelaunt bin, kann ich mich dafür entscheiden.

„Der Mensch ist das Wesen, das immer entscheidet. Und was entscheidet es? Was es im nächsten Augenblick sein wird.“  Viktor Frankl

Die radikale Entscheidung für die wahre Liebe führt uns auf einen Weg, der uns mehr und mehr in das Sein transformiert, welches der ursprüngliche Gedanke Gottes für uns war. Und es ist letzlich eine Entscheidung für Gott, der die Liebe selbst ist.

Liebe ist Hingabe und Tun

Wahre Liebe resultiert aus dem Tun. Mein Tun formt und prägt mich. Ich werde zu dem, wie ich handle. Der Alltag konfrontiert uns ständig mit Situationen, die eine Antwort verlangen. Für ein Leben und eine Beziehung in Fülle ist die Bereitschaft zur Hingabe entscheidend: „Du bist mir wichtiger als ich.“ Dieser Satz ist eine Provokation, weil er so anders ist als das, was man permanent hört.

Liebe ist Hingabe. Und echte Hingabe führt nicht zur Entleerung, sondern zur Erfüllung, weil der Mensch für Gott und die Liebe geschaffen ist. Gott ist die Liebe, und er will mich mit seiner Liebe erfüllen und durchströmen. Durch die Bereitschaft, sich hinzugeben, findet eine Verwandlung statt. Wenn ich aufhöre, um mich selbst zu kreisen, beginne ich, wahre innere Freiheit zu erfahren und entfalte dabei mein Menschsein. Das ist erfüllend und macht nebenbei noch glücklich.

„In der Liebe überschreitet der Mensch sich selbst, er lässt sich los, weil ihm etwas am anderen liegt, weil er will, dass das Leben des anderen gelingt.“   Johannes Paul II.

Liebe ordnet Gefühle den Werten unter

Stephen R. Covey bringt es in seinem Buch „Die 7 Wege zur Effektivität“ (2016) auf den Punkt: „‚Lieben‘ gibt es in der Sprache aller fortschrittlichen Gesellschaften als Verb. Reaktive Menschen machen daraus ein Gefühl. Sie lassen sich von Gefühlen antreiben. Wenn unsere Gefühle unsere Handlungen dominieren, liegt das daran, dass wir unsere Verantwortung abgetreten und ihnen die Macht zu dieser Kontrolle überlassen haben. Pro-Aktive Menschen machen aus Liebe ein Verb.

Liebe ist etwas, was man tut: die Opfer, die man bringt, das Geben. Wenn man etwas über die Liebe erfahren will, sollte man jene betrachten, die anderen Opfer bringen, auch wenn sie dafür keine Gegenliebe erhalten. Wenn sie Eltern sind, schauen sie die Liebe an, die sie für ihr Kind haben. Liebe ist ein Wert, der durch liebende Handlungen verwirklicht wird. Pro-Aktive Menschen ordnen ihre Gefühle ihren Werten unter.“

Liebe übernimmt Verantwortung

Jeder Mensch hat einen freien Willen und kann sich entscheiden zu lieben. Für jede freie Handlung und Entscheidung trägt er die Verantwortung. Freiheit und Verantwortung sind untrennbar miteinander verbunden. 

Viele Ehepaare gestalten ihre Beziehung unbewusst, ihr Lebensskript ist diffus. Bei Schwierigkeiten wird die Verantwortung dem anderen zugeschoben. Entscheiden sich jedoch beide, ihr Leben und ihre Werte bewusst und von der wahren Liebe geprägt zu gestalten, übernehmen sie Verantwortung für sich und somit auch für das Leben ihrer Kinder und der ihnen anvertrauten Menschen.

Liebe hat ein gemeinsames Ziel

Jedes Ehepaar braucht ein Ziel, an dem es sich ausrichten und erkennen kann, ob es noch auf dem richtigen Kurs ist. Ein Ziel motiviert, und daraus wachsen Kraft und Leidenschaft. Auch wenn die beiden hinfallen, stehen sie wieder auf und kämpfen weiter für die Liebe. Sie sind bereit, dabei auch Verletzungen und Schrammen in Kauf zu nehmen.

Denn sie wissen: Als echte Einheit sind wir sehr stark. Aber wenn man die Erfüllung der tiefsten Sehnsüchte von zwischenmenschlicher Liebe allein erwartet, wird man enttäuscht werden. Menschliche Liebe kann nur begrenzt erfüllen – auch die „große Liebe“ wird nie genug sein.

Gott selbst ist die Liebe, und er ist da

Wir müssen es nicht allein schaffen!

Durch das Sakrament der Ehe ist die Liebe nicht mehr etwas rein Natürliches, sondern die Liebe Gottes pulsiert in ihr – auch wenn das Paar schlecht drauf oder verletzt ist, streitet, an die Grenzen kommt. Hingabe total: Körper, Seele und Geist. Mann und Frau werden eins, ein Fleisch. Du! Für immer!

Das Sakrament der Ehe wird erst beim ehelichen Einswerden ganz vollzogen. Und jedes Mal, wenn ein Ehepaar zusammenkommt und eins wird, erneuert es so das Eheversprechen. Gott ist dabei präsent, es ist eine heilige Handlung. Das eigene Leben und das Leben der anvertrauten Menschen werden auf existenzielle Weise von Gottes Liebe durchdrungen. Jedes Ehepaar soll die Liebe Gottes in der Welt sichtbar machen.

„Denn was ist die Ehe? Eine richtige Berufung, genauso wie es das Priesteramt und das Ordensleben sind. Zwei Christen, die heiraten, haben in ihrer Liebesgeschichte den Ruf des Herrn erkannt; die Berufung, aus zwei Menschen, einem Mann und einer Frau, ein Fleisch, ein Leben werden zu lassen. Und das Sakrament der Ehe umhüllt diese Liebe mit der Gnade Gottes, verankert sie in Gott selbst. Dieses Geschenk, die Gewissheit dieses Rufes ist ein sicherer Ausgangspunkt, man braucht sich vor nichts zu fürchten; gemeinsam kann man alles bewältigen!“   Papst Franziskus, Amoris Laetitia

Liebe Leben – Seminar für Ehepaare

Die Liebe verändert alles zum Guten, verwandelt den Alltag. Sie ist das Abenteuer.

In jedem Ehepaar steckt ein gewaltiges Potenzial, das darauf wartet, geweckt und entwickelt zu werden. Die erforderliche Ausrüstung: Entscheidung, Mut, Willen und Offenheit für das Geschenk der Liebe. All diese Inhalte, und vieles mehr, vermitteln wir auf unseren Wochenenden „Liebe Leben“ – für Paare, die sich auf die Ehe vorbereiten, Ehepaare, die Sehnsucht nach mehr haben, und für Paare in einer Krise. Wir verzichten dabei auf Gruppendynamik oder Austausch in Kleingruppen. Ein Gebetsnetzwerk von 30 Klöstern und vielen Gläubigen trägt Teilnehmer und Team.

Mehr Informationen unter: „Liebe Leben

Literaturhinweis

Die 7 Wege zur Effektivität von Stephen R. Covey, Gabal, 2016

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