Die Karwoche in Jerusalem

Wo die Vergangenheit zur Gegenwart wird. 

Die Erfahrung der Karwoche in Jerusalem, wo die größten Ereignisse der Heilsgeschichte und im Leben Jesu an den historischen Stätten gleichsam aktualisiert werden, ist für jeden Pilger ein bewegendes und unvergessliches Erlebnis. Dieses Jahr fallen diese Feierlichkeiten für alle christlichen Denominationen auf denselben Termin. 

Blick auf Jerusalem (Foto: Michael Wielath)

Der Beginn der Liturgie startet am Palmsonntagmorgen mit einem feierlichen Hochamt unter der Leitung des Lateinischen Patriarchen in der Auferstehungskirche. Am Nachmittag versammeln sich Tausende ortsansässiger Christen, Pilger, Priester, Mönche, Ordensbrüder und Nonnen in Betfage. Von dort aus hat das einzige Mal in der Geschichte des Heiligen Landes ein Herrscher Jerusalem nicht mit einer Streitmacht, nicht mit Ross und Wagen erobert. Auf einem Esel reitend hielt Jesus als Friedenskönig Einzug in die Heilige Stadt. Mit Palmwedeln in den Händen jubelten ihm seine Anhänger zu und empfingen ihn als den versprochenen Messias, als Sohn Davids. An dieses Ereignis vor 2000 Jahren knüpft die Palmprozession an. Nun ziehen die Menschen den Ölberg hinunter in die Altstadt. Franziskanische Mönche in ihren braunen Kutten, Pfarrgemeinden aus Jerusalem, Bethlehem und Nablus, Jenin, Ramallah, Bir Zeit und anderen Städten sowie viele Pilger aus aller Welt, die sich gerade in Jerusalem aufhalten.

Unter Lobgesängen zieht die Palmprozession von Betfage den Ölberg hinunter (Foto: Fleckenstein)

Alle schwingen sie Palm- oder Ölzweige in ihren Händen. Ganz zum Schluss schreitet der Lateinische Patriarch mit seinem Klerus einher. Die Prozession führt am Garten Getsemani entlang, hinunter in das Kidron-Tal und durch das Löwentor in die Altstadt. Bei der St. Anna-Kirche, dem Standort des Bethesda-Teichs, wo Jesus den Gelähmten heilte (Joh 5,1–18) endet die Palmwedel-Prozession.

Nach der Ansprache des Lateinischen Patriarchen kommen die Spielmannszüge der christlich-arabische Pfadfinder zum Einsatz. In ihren farbenfrohen Uniformen spielen sie voller Begeisterung ihre Dudelsäcke, blasen auf der Trompete oder schlagen ihre Trommeln. „Hosianna dem Sohn Davids! Gesegnet sei, der da kommt im Namen des Herrn!"

Das Letzte Abendmahl, das Jesus mit seinen Jüngern feierte und bei dem er ihnen die Füße zum Zeichen seiner eigenen Demut wusch, war Teil des jüdischen Passah-Festes. Bei diesem seinem letzten Sedermahl setzte Jesus die Eucharistie ein, bevor er noch am selben Abend nach Getsemani am Ölberg zurückkehrte, um dort verraten, verhaftet und an die Römer ausgeliefert zu werden. Dieses dramatischen Abends wird am Gründonnerstag in der Todesangstbasilika im Garten Getsemani gedacht. Der Garten mit seinen acht antiken Ölbäumen erinnert an den mit seiner Todesangst ringenden Jesus, unmittelbar vor seiner Festnahme.

Diese alten Ölbäume im Garten Getsemani sind heute noch Zeugen der Todesangst Christ vor seiner Verhaftung (Foto: Fleckenstein)

Die Gittertore vor der Getsemani-Kirche, die normalerweise verschlossen sind, stehen heute offen. Der Abend beginnt mit einer meditativen Nachtwache, der sogenannten „Ora Santa“, dem Wachen und Beten mit Jesus im Ölgarten. Die Ortschristen singen auf Arabisch.

Ein Psalm und das Evangelium werden auf Deutsch gelesen. Das Vaterunser auf Latein. Rings um die Kirche sind mehrere Leinwände aufgestellt. So können Außen-stehende neben dem Ton auch visuell die Gebetsstunde mitverfolgen.

Am Ende des Gottesdienstes formen sich die Gläubigen zu einer Prozession mit Kerzen und Fackeln durch das Kidron-Tal hinauf bis zur Hahnenschrei-Kirche St. Peter Gallicantu, an dem Platz, wo sich nach der christlichen Tradition der Palast des Hohenpriesters Kajaphas befand. 

Den Leidensweg Jesu durch die Altstadt begehen die Gläubigen am Karfreitag auf der Via Dolorosa. Diese folgt einer Route, die Franziskanermönche im 14. Jahrhundert festgelegt haben. 14 Stationen des Weges kennzeichnen die Stellen, an denen Jesus unter dem schweren Kreuz, das er selbst tragen musste, drei Mal zusammenbrach, seiner Mutter begegnete, wo Simon aus der Stadt Zyrene von den römischen Soldaten gezwungen wurde, das Kreuz tragen zu helfen, wo eine mutige Frau aus der Menge Jesu blutiges Gesicht mit einem Schweißtuch abwischte, wo Jesus zu den weinenden Frauen von Jerusalem sprach. Die letzte Station liegt innerhalb der Auferstehungskirche in der Golgotakapelle. Eine lebensgroße Kreuz-Ikone markiert den Ort der Hinrichtung Jesu. Darüber die von Pontius Pilatus angebrachte Spottschrift in Griechisch, Lateinisch und Hebräisch: „Jesu von Nazareth König der Juden“. Doch selbst in dieser Verhöhnung offenbart sich die alles Böse besiegende Kraft Gottes; denn die Anfangsbuchstaben des hebräischen Textes ergeben den Namen Jahwe.  

Der Salbungsstein, auf dem nach christlicher Tradition der Leichnam Jesu mit kostbarem Nardenöl gesalbt wurde (Foto: Fleckenstein)

Gleich am Eingang des Gotteshauses befindet sich der sogenannte Salbungsstein. Nach einer alten Tradition wurde Jesus nach der Kreuzesabnahme darauf gelegt und mit kostbarem Nardenöl gesalbt.

Die griechisch-orthodoxen Pilger berühren damit ihr „Grabtuch“, auf dem der Leichnam Jesu aufgedruckt ist. Vorher haben sie dieses Tuch an der Taufstelle Jesu als Zeichen ihrer Kindschaft Gottes in den Jordan getaucht.

Für sie ist es eine Reliquie, mit der sie bei ihrem Tod zugedeckt werden und die sie mit ins Grab nehmen als Zeichen dafür, dass auch sie am Jüngsten Tag mit Jesus auferstehen werden.  

Während der Osternacht wird in der Auferstehungskirche das eindrucksvolle „Fest der Lichter“ begangen. Tausende von Pilgern aus aller Welt füllen mit den Lokalchristen erwartungsvoll die Rotunde. Alle tragen sie Bündel von Kerzen in den Händen. Der griechisch-orthodoxe Patriarch betritt das Heilige Grab. Er ist nur mit einem einfachen, weißen Gewand bekleidet. Hinter ihm wird das Grab versiegelt. Die Menge der Gläubigen singt und psalmodiert. Das Ganze schwillt zu einem Crescendo, zu einem Fortissimo an.

Den Höhepunkt erreicht die Karwoche an Ostern in der Auferstehungskirche mit dem „Fest der Lichter“ (Foto: Fleckenstein)

Die dunkle Auferstehungskirche scheint zu vibrieren. Die Spannung erinnert an die Minuten, bevor am Ostermorgen der Stein vom Grab gesprengt wurde. Während die Menschen mehr und mehr in Ekstase geraten, während junge Männer sich gegenseitig in die Luft werfen, springt die versiegelte Grabtür auf.

Der Patriarch tritt mit dem lodernden „Himmelslicht“ heraus, das er auf symbolische Weise vom Erzengel Gabriel empfangen hat. Hunderte von Händen strecken sich ihm entgegen. Mit dem Ruf „Christus ist auferstanden, er ist wahrhaft auferstanden“ wird das Licht weitergereicht.

In Sekundenschnelle ist die Finsternis der Auferstehungskirche in ein Lichtermeer, in einen leuchtenden Freudensaal verwandelt. Auf den Augen der Menschen liegt der Schein des „Heiligen Osterlichts“. 

Dann tragen die Bewohner Jerusalems das „Lumen Christi“ unter den frohen Klängen der Osterglocken durch die Basarstraßen in die Wohnungen, damit sich auch ihre Herzen daran entzünden und „die ganze Umgebung Licht sei“, wie ein alter Osterhymnus des 2. Jahrhunderts sagt.

Am Ostermontag bietet die „Gemeinschaft der Seligpreisungen“, die in Emmaus-Nicopolis eine Niederlassung hat, einen „Ostermontag-Marsch“ vom 30 km entfernten „Abendmahlssaal“ in Jerusalem zum Ort des Brotbrechens an. Am späten Nachmittag erreichen sie den biblischen Ort. Dort feiert der Patriarch von Jerusalem in den Ruinen der byzantinischen Basilika mit den anwesenden Pilgern Eucharistie. Die Vergangenheit wird in die Gegenwart hereingeholt. Das „Haus des Kleophas“ öffnet erneut seine Türen und teilt mit allen „das Brot des Lebens“.

Karl-Heinz Fleckenstein, Jerusalem

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