Der Himmel ...

Ist nicht nur „frohlocken und Hosianna singen“. Von Pfarrer Prof. Dr. Thomas Schwartz 

Kennen Sie Alois Hingerl? Der bayerische Volksschriftsteller Ludwig Thoma bringt uns in der Figur des „Dienstmanns Nr. 172“ den Inbegriff des grantelnden Münchners nahe. Dieser wird nach seinem Tod mühsam von zwei Engeln in den Himmel getragen, wo er von Petrus den Namen „Engel Aloisius“, eine Harfe und eine Wolke zugeteilt bekommt, auf der er, gemäß der „himmlischen Hausordnung“, künftig nach einem festen Terminplan „frohlocken“ und „Hosianna singen“ soll. Da er auch noch auf sein geliebtes Bier zugunsten von „Manna“ verzichten muss, kommt er zum Schluss, der Himmel sei „schön fad“. Er beginnt trotzdem zu „frohlocken“ – und schimpft dabei so sehr, dass er den lieben Gott aus seinem Mittagsschlaf weckt. Dieser schickt ihn nach München zurück, wo er noch heute im Hofbräuhaus eine um die andere Maß Bier trinkt – und sich wie im Himmel fühlt.

Man mag einfach nur über diese literarische Liebeserklärung an die echten Münchner schmunzeln. Aber die kleine Erzählung ist für die Frage, was der Himmel sei – und was nicht –, ziemlich bedeutsam. Denn sie zeigt uns wie in einem Panoptikum eine Fülle von Vorurteilen über den Himmel, die mit der „Realität“ – oder besser mit dem christlichen Verständnis des Himmels – eigentlich nichts zu tun haben. Versuchen wir, diese Fehleinschätzungen über den Himmel aus dem Weg zu räumen. Dann klärt sich von selbst ein wenig von dem, was wir Christen unter dem Begriff „Himmel“ verstehen.

Der Himmel ist nicht (nur) für die Toten da

Unsere christlichen Vorstellungen über das Himmelreich beginnen im Hier und Jetzt. Die Rede vom Himmel ist keine Vertröstungsbotschaft im Blick darauf, dass wir Menschen sterben müssen. Vielmehr hat Jesus immer wieder vom schon beginnenden Himmelreich gesprochen, das jedem Menschen begegnen kann – zu seinen Lebzeiten. Und zwar dort, wo er sich auf die Botschaft Jesu einlässt: eine Botschaft, die von der Nähe und Liebe Gottes zu einem jeden Menschen berichtet. Wenn wir uns dieser Liebe Gottes aussetzen und immer dann, wenn wir sie auch unseren Mitmenschen gegenüber verkünden und leben, hat der Himmel auf der Erde schon begonnen.

Der Himmel hat keine Postleitzahl

Nach dem Tod werden wir nicht an einen anderen Ort versetzt. Der Himmel hat im Universum keine Postleitzahl. Er ist nicht lokalisierbar. Vielmehr gehört es zu den Grundaussagen unseres christlichen Glaubens, dass unter dem Begriff Himmel in erster Linie „Gemeinschaft mit Gott“ zu verstehen ist. Dazu brauchen wir keine Engel, die uns mit Mühe irgendwohin tragen. Zum Himmel bringen uns keine „Schlepperbanden“, sondern Jesus Christus. Er ist der Mittler und der Weg zum Himmel.

Wir werden im Himmel keine Engel

Keiner bekommt im Himmel Flügel und wird dann als Engel auf eine Wolke gesetzt. Menschen bleiben auch im Himmel Menschen, und Engel bleiben Engel. Wir sind als Menschen leib-geistige Lebewesen. Das bedeutet: Wir werden nur zu der unverwechselbaren Person, weil wir einen Körper haben oder – theologisch ausgedrückt – weil wir Leib sind. Ohne unseren Körper hätten wir Menschen keine Biographie. Gerade diese Biographie wird aber im Himmel durch Gott geheiligt, also heil gemacht. Engel haben keine Biographie, aber sie haben eine eigene Geschichte. Die wird vielleicht in einem anderen Artikel erzählt werden.

Im Himmel gibt es keine Uhren

Der Himmel ist in der christlichen Theologie keine Verlängerung des irdischen Lebens. Es gibt weder Uhren noch ist unser Leben in der Gemeinschaft mit Gott und den von ihm mit zum Leben Gerufenen irgendwie „getaktet“. Das wäre wirklich fade und furchtbar langweilig! Die Ewigkeit des Himmels kennt keine Arbeit und keine Langeweile. Man kann sie sich eher wie ein staunendes Schauen und Entdecken verstehen. Der Mensch im Himmel entdeckt die überflutend große Liebe Gottes und wird sozusagen ganz von ihr umhüllt und geborgen.

Im Himmel wird nicht mehr gegrantelt

Anders als unser Münchner Dienstmann Alois Hingerl werden wir weder schimpfen noch streiten, wenn wir Anteil am Himmel haben. Vielmehr gehört es zu unseren christlichen Grundüberzeugungen, dass Zeichen sowohl des anbrechenden als auch des vollendeten Kommens des Himmelreiches ist, dass wir Menschen in Frieden leben. Diese grundlegende neue Ordnung, die Gottes Gnade den Menschen zuteil werden lässt, wird durch den hebräischen Begriff „Shalom“ ausgedrückt. Damit ist nicht nur gemeint, dass man sich im Himmel nicht bekriegen wird, sondern dass wir in einer umfassenden Ordnung der versöhnten Eintracht leben werden. Im Himmel klappt es also auch mit dem Roten Radler.

Im Himmel hat man keinen Durst mehr

Wer im Himmel angekommen ist, leidet keinen Durst und keinen Hunger mehr. Das Bedürfnis nach einer Maß Bier ist genauso gestillt wie jenes nach dem „Manna“. Hunger und Durst stehen ja sowieso nur für die elementaren Grundbedürfnisse des Menschen. Im christlichen Verständnis steht der Himmel dafür, dass alle Bedürfnisse des Menschen, alle seine Sehnsüchte, alles Hoffen erfüllt sein werden, wenn wir in der Gemeinschaft mit Gott leben. Im Himmel brauchen wir auch kein Hofbräuhaus mehr. Im Himmel wird alles gut!