Blühende Wüste – Zwei alte Osterbilder

Fußspuren in der Wüste

Eine afrikanische Geschichte erzählt Folgendes: Ein Missionar beobachtete das seltsame Verhalten eines Beduinen. Immer wieder legte sich dieser der Länge nach auf den Boden und drückte sein Ohr in den Wüstensand. Verwundert fragte ihn der Missionar: „Was machst du da eigentlich?“ Der Beduine richtete sich auf und sagte: „Freund, ich höre, wie die Wüste weint. Sie möchte ein Garten sein.“

Giotto di Bondone, Capella all Arena, Padua: Noli me Tangere (ca. 1303–6).

Diese Geschichte passt sehr gut zu einem Osterbild, das ich sehr mag: Giottos (†1337) „Noli me tangere“ aus der Arena-Kapelle in Padua. Auch dort geht es um Tränen – die Tränen von Maria von Magdala scheinen aber bereits dem Staunen gewichen; und es geht um die Wüste. Die Szene spielt in einer kargen Wüstenlandschaft: Eine Landschaft, die weint – oder besser gesagt: die nicht mehr weint, sondern schon ganz ausgetrocknet ist. Links sehen wir zwei abgebrochene Stöcke. Bezeichnenderweise finden sie sich genau über dem Sarkophag, dem Zeichen des Todes. Auf dem Sarkophag sitzen zwei Engel und zeigen bergabwärts auf die Szene, die sich zwischen Jesus und Maria von Magdala abspielt: die erste Begegnung mit dem Auferstandenen. Maria, rot gekleidet mit dem Gewand der Liebe (eine Anspielung auf die junge Frau im Liebeslied des Alten Testaments, dem „Hohelied der Liebe“!), kniet vor Jesus. Offenbar hat sie ihn gerade erkannt, und ihre Hände bewegen sich in seine Richtung.

Jesus aber, in österlichem Weiß und mit Siegesfahne, wehrt ab: „Halte mich nicht fest“ (Joh 20,17). Ein spannendes Detail finden wir zu Füßen Jesu: Es grünt mitten in der Wüste. Offenbar fängt es überall zu grünen an, wo Jesu Füße die Erde berührt haben: Die Wüste beginnt zu blühen. Das ist eine tiefe Aussage des Malers: Was Jesus berührt, dort kehrt der Frühling ein, und dort grünt die Wüste. Von daher bekommt die Aussage: „Halte mich nicht fest!“ auch noch eine weitere Dimension. Halte mich nicht fest, denn sonst könnte ich nicht weitergehen und die Wüste zum Grünen bringen. Halte mich nicht fest in einer vergangen Gestalt, wo du mich einmal gefunden hast, denn ich will es noch an anderen Orten Frühling werden lassen.

Wüsten unseres Lebens

Dabei verlässt Jesus das Bild nach rechts – er scheint gerade weiterzugehen. Im Evangelium heißt es: „Jesus geht euch voraus“ (Mk 16,7). Er hat als Gekreuzigter und Auferstandener die Wüsten menschlichen Lebens durchschritten, damit sie wieder zum Garten Eden werden. Und er ist immer noch unterwegs – durch unsere ganz persönlichen Wüsten.

Um diesem Bild näherzukommen, sollten wir uns bewusst machen, was Wüsten eigentlich sind. Ursprünglich, vor langer Zeit, waren es fruchtbare, blühende Gärten. Heute ist das lebensspendende Wasser immer noch da – aber es liegt tief unter der Wüste begraben. Oben aber ist alles wüst und öd, tot und lebensfeindlich.

Die Wüste kann so auch ein Bild für unsere Seele sein. In der Tiefe sind „Quellen lebendigen Wassers“. Aber oben gibt es Regionen, wo die Wüste sich ausgebreitet hat und wo etwas abgestorben ist. Die Ursachen hierfür können vielfältig sein: Enttäuschungen, Verletzungen, Schuld – vielleicht bis zu unseren Eltern oder durch unsere Beziehungen, vielleicht, weil wir es an Pflege und „Bewässerung“ bestimmter Bereiche unseres Lebens haben mangeln lassen.

Ostern in uns

Ostern ist die Verheißung, dass überall wieder Leben zurückkehrt. Deswegen klopft der Auferstandene an die verschlossenen, dunklen Räume dieser Wüsten. Meist sind sie im Keller unseres Seelenhauses – gut verschlossen und verdrängt. Dahinein möchte der Auferstandene gehen; dort soll wieder etwas blühen und lebendig werden. Manchmal braucht es erst einmal wieder ein Bewusstwerden dieser schmerzlichen Bereiche und Erfahrungen. Oft sind auch die Tränen noch nicht geweint, die – wie bei Maria aus Magdala am Grab – das Wasser und der Anfang des neuen Lebens sind. In einem Text aus Taizé heißt es: „Der auferstandene Christus kommt, um im Inneren ein Fest lebendig werden zu lassen … Er gibt uns Mut und Phantasie, einen Weg der Versöhnung zu bahnen.“

Ostern hat wesentlich damit zu tun, dass wir Mut und die Sehnsucht nach Versöhnung haben dürfen: nach Heilung unserer Verletzungen und Frieden für unsere Angst. Nicht umsonst ist das Ostergeschenk Jesu das Sakrament der Versöhnung (Joh 20,23), und nicht umsonst ist der erste Satz des Auferstandenen, als er zu den Jüngern kommt: „Der Friede sei mit euch.“ Er ist hineingesprochen in unsere schmerzhaften, angsterfüllten Räume und Erfahrungen.

Ostern wird in uns und für uns, wo wir Christus in unsere dunklen Keller einlassen und wo wir unseren Schmerz dem barmherzigen Blick Jesu öffnen. Wie es in dem Laudes-Sonntagshymnus heißt: „Dein Blick löscht Fehl und Sünde aus, in Tränen löst sich unsere Schuld“ – und wir können ergänzen: unser Schmerz. Erlösung geschieht an uns, wo wir es Jesus erlauben, seinen heilenden Blick auf diese schmerzhaften Momente unseres Lebens ruhen zu lassen, damit der Schmerz ausgelitten werden kann und unter der Wüste des Schmerzes wieder die lebensspendenden Wasser aus der Tiefe sprudeln können. So kann in die Wüste neues Leben zurückkehren. Wo Jesus den Schmerz und unsere Wunde berühren durfte, kommt die Freude zurück – und der Friede.

Aufblühen in unserem Inneren

Das hat wunderbar der Dominikanerbruder Fra Angelico (†1455) ins Bild gebracht. Dort spielt die Szene zwischen Maria Magdalena und Jesus in einem blühenden, paradiesischen Garten – einem sogenannten „hortus conclusus“, einem geschlossenen Garten (wieder eine Anspielung auf das Hohelied – 4,12). Zarte Blumen in Weiß und Rot bedecken die Erde. 

Fra Angelico: Noli me tangere. San Marco, Florenz (um 1440).

Das Besondere daran: Die Wunde Jesu am rechten Arm ist genau ein solcher roter Tupfer; die Wunde der Kreuzigung ist zur Blume in diesem Paradiesgarten geworden. Ein wunderbares Bild für die Verwandlung, den die Auferstehung Jesu bringt: Was schmerzhaft war, wird zur Blume; Zeichen des Todes werden zu Orten des Lebens und der Freude. 

Wir kennen das aus Biographien, wo Menschen sich versöhnt haben: untereinander oder mit ihrer Vergangenheit und ihren Verletzungen. Die vorher schmerzende Wunde wird plötzlich zum Ort des Friedens. Der Tod ist gewichen, der Friede hat gesiegt; und die Seele kommt von neuem zum Blühen.

Das Spätmittelalter kannte das schöne Bild vom „Seelengärtlein“ – mit vielen Gräsern, Kräutern und Blumen. Gott möchte, dass unsere Seele zum Paradies wird. Unsere Seele soll reich, bunt und blühend werden.

Laden wir also Jesus, den Auferstandenen, als Gärtner unserer Seele ein, dass er sie zum Blühen bringe – vielleicht auch zuerst mit der Hacke, die er auf dem Bild Fra Angelicos trägt, damit er umgräbt und umwendet, wo etwas umgegraben werden soll, damit unsere Seele und unsere Beziehungen fruchtbar werden und aufblühen in österlichem Frieden und österlicher Freude. 

Der auferstandene Christus kommt, um im Innersten des Menschen ein Fest lebendig werden zu lassen. Er bereitet uns einen Frühling der Kirche: Eine Kirche, die über keine Machtmittel mehr verfügt, bereit, mit allen zu teilen, ein Ort sichtbarer Gemeinschaft für die gesamte Menschheit. Er wird uns genügend Phantasie und Mut dazu geben, einen Weg zur Versöhnung zu bahnen. Er selber wird uns bereit machen, unser Leben hinzugeben, damit der Mensch nicht mehr des Menschen Opfer sei. Gezeichnet vom Alltag, mit Fehlern und Schwächen, mit Sorgen und Nöten unseres Lebens. Herr, da sind wir. Offen für dein Wort, das immer Vergebung meint. Offen für deine Botschaft, die immer Freude bringt. Herr, da sind wir. Bereit zur Umkehr. Bereit zum Frieden. Bereit zum Leben. Herr, da sind wir. (Gemeinschaft von Taizé)

P. Provinzial Thomas G. Brogl 

Kommentar(e)

Eva-Maria, Mittwoch, 12-04-17, 10:08:
"Blühende Wüste":
Psalm 23...."Der Herr ist mein Hirte.....Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser...."

Mein "kleines"/grosses Glaubens-Lebenszeugnis dieser Fastenzeit 2017:

Wo in der Welt allein der Leistungsdruck und die Bewertungen menschlicher Kategorien wichtig sind und uns bisweilen zu Sklaven unser Selbst (und anderer) machen; da hat Gott mich durch seinen Geist frei und wahrhaft menschlich(er) gemacht
ER macht mich unabhängig(er) von den Meinungen und Einschätzungen der anderen über mich, meine "Leistungen" oder mein äußeres Erscheinungsbild.

Ich kann (wieder) durchatmen - belebt von der Quelle des Lebens:
ER deckt mir den Tisch im Angesicht meiner Feinde....
ER sieht mich an mit liebevollen warmen Augen und bringt mit SEINEM Blick und SEINEM Wort des Lebens meine Wüste (n) zum Blühen:
"Ich liebe dich, du Mensch - so wie ich dich geschaffen habe....Genau SO gefällst du mir. Du bist in meinen Augen wertvoll und kostbar."
DAS TUT EINFACH NUR GUT!

????????...Auferstehung ...?????

"In deinem Licht schauen wir das Licht."
Psalm 36,10
...und fast möchte ich schon heute das (Oster-) Halleluja hinzufügen...????????????????????
Danke, mein Herr und mein Gott!

Eva-Maria Budäus