Berufung

Meine Antwort auf Gottes Ruf von Pfarrer Andreas Miesen

Gerade komme ich vom Augsburger Messegelände, wo ich auf der „Vocatium“ (von lat. vocatio=Berufung) war. Wer allerdings meint, diese Fachmesse für Ausbildung und Studium sei wegen ihres Namens etwa eine kirchliche Veranstaltung, der hat weit gefehlt. Hier präsentieren sich vor allem Unternehmen und Hochschulen und werben bei Jugendlichen für ihre Ausbildungs- und Studiengänge. So wie nicht jede Messe eine hl. Messe ist, so hat auch das Wort „Berufung“ bekanntermaßen völlig unterschiedliche Bedeutungen. Da empfindet jemand seinen Beruf als Berufung, weil er eine besondere Gabe hat, die er aus einem inneren Antrieb heraus unbedingt zur Entfaltung bringen will. Einem anderen wird ein Lehrstuhl verliehen, auf den er sich beworben hat, und ein dritter legt Rechtsmittel gegen ein Urteil ein. Alle sprechen in ihren Zusammenhängen von „Berufung“. Selbst im religiösen Bereich meinen wir durchaus Unterschiedliches, wenn wir das Wort Berufung in den Mund nehmen.

Zum einen sprechen wir davon, dass der Umkehr-Ruf Jesu (Mk 1,15) an alle Menschen ergeht, dass alle Christen in Taufe und Firmung dazu berufen sind, Jesus nachzufolgen und Gott und den Menschen zu dienen. Zum anderen soll jeder Mensch seine eigene und persönliche Berufung entdecken, d.h. dem einzigartigen Plan auf die Spur kommen, den Gott mit ihm hat. Und schließlich gibt es die geistlichen Berufungen zum Ordenschristen, Diakon und Priester.

Wie finde ich zu meiner Berufung?

Nur wenn ich die Frage nach Gott, nach dem Ersten und Letzten im Leben, nach dem Woher und dem Wohin nicht einfach ignoriere, nur wenn ich sie nicht zuschütte oder verdränge, nur dann kann ich diesem Gott und seinem Ruf an mich auch auf die Spur kommen. Nur wenn ich mich nicht damit zufriedengebe, dass sich mein Leben im Essen, Schlafen, Lieben und Arbeiten gänzlich erschöpft, nur dann werde ich es auch nicht für ganz undenkbar halten, dass dieser Gott mir etwas zu sagen hat. Und das ist dann auch die erste und grundsätzliche Entscheidung, die ich in meinem Leben einmal treffen muss: Möchte ich diesem Gott wirklich trauen? Möchte ich ihm zutrauen, dass er mir etwas zu sagen hat?

Jesus begegnen und Berufung erkennen

Jeder Mensch ist von Gott gewollt, d.h. von ihm ins Leben gerufen und beim Namen genannt (Jes 43,1). Unser Gott ist also grundsätzlich ein rufender Gott. Das zeigt sich unüberbietbar in Jesus Christus, seinem fleischgewordenen Wort an uns Menschen. Weil Gott aber ein rufender ist, ist er auch ein anrufbarer Gott. Ich als Mensch kann mit ihm in Beziehung treten und er hat mir etwas zu sagen, das für mein Leben bedeutsam ist. Sein Ruf an mich geht über all das hinaus, was andere Menschen mir sagen könnten oder worauf ich von selbst kommen kann, deshalb ist es für mich wegweisend, seinen Ruf wahrzunehmen, ihn zu hören und zu deuten. Jesu Ruf im Evangelium ist zuallererst einmal der Ruf zur Umkehr und zum Glauben. Sein Umkehrruf meint ausnahmslos alle Menschen, auch wenn er nicht gleich alle in die Lebensform der direkten Jüngerschaft ruft. Das machen uns beispielsweise Lazarus und seine Schwestern Marta und Maria deutlich. Sie sind in der Nachfolge Jesu, sind mit ihm sogar persönlich befreundet (vgl. Joh 11,11), aber sie gehören dennoch nicht zum engeren Kreis um ihn, zu denen also, die mit ihm unterwegs sind. 

„Du aber folge mir nach“ (Joh 21,22)

… so spricht der Auferstandene zu Petrus. Das ist eine klare Ansage. Aber wer ist heute schon mit einer so unmittelbaren Klarheit gesegnet? Eher wird es einem ähnlich ergehen wie dem jungen Samuel (1 Sam 3,1-21), der erst im Gespräch mit dem Priester Eli seine Berufung erkennen und einordnen kann.

Auf der oben genannten „Vocatium“ kam ein Jugendlicher an unseren Informationsstand von Berufe der Kirche und sprach davon, dass er in sich etwas spürt, das ihn an die engere Nachfolge denken lässt. Allerdings sei ihm noch völlig unklar, wie er dieses innere Gefühl einzuordnen habe. Dieser junge Mann weiß noch nicht genau, wen oder was er da in sich hört, er braucht Hilfe, er braucht die Unterstützung und das Urteil geistlicher Menschen. Wie Samuel sich von dem Priester Eli helfen lässt, auf Gottes Ruf zu hören, so ist grundsätzlich die Bereitschaft notwendig, dass ich mich dem Urteil anderer aussetze, mich auf ein Gegenüber einlasse, das mir hilft, die Geister zu unterscheiden. Und das ist die Grundaufgabe jeder pastoralen Arbeit und dezidiert von geistlicher Begleitung: dabei zu helfen, den Ruf Gottes zu hören, ihn zu deuten und zu einer persönlichen Antwort zu finden.

Antwort auf Gottes Ruf

Die grundlegende und erste Antwort auf Gottes Ruf ist der Glaube an ihn. In Taufe und Firmung wird meine Antwort auf seinen Ruf sakramental konkret und will in meinem Leben entfaltet werden. Auf diesem Weg des Antwort-Gebens in der Nachfolge Jesu finde ich zu meiner Identität und kann meine Berufung weiter klären und leben. Das Jesuswort aus dem Johannesevangelium ist dafür programmatisch: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt“ (Joh 15,16). Nicht der Mensch sucht sich seinem Bedürfnis entsprechend Gott und eine Berufung aus, sondern Gott erwählt den Menschen; er beruft und er sendet ihn. Nachfolge Jesu hat immer ein Ziel, das ich nicht selbst bin und das weit über mich hinaus weist. Wen Jesus ruft, den ruft er immer, um ihn zu senden. Und wer sich ihm anvertraut, der findet in Nachfolge und Sendung seine Berufung und damit den Sinn seines Lebens.

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