Armes Afrika?

Ein Beitrag über Burkina Faso im Monat der Weltmission von Pfr. Ulrich Lindl 

Armes Afrika: Natürlich könnte ich jetzt so anfangen, und Burkina Faso gäbe einiges her für einen allseits vertrauten Mitleidseffekt, an den wir uns aber nie gewöhnen dürfen. Das Internationale Katholische Hilfswerk „missio“ hat Burkina Faso, in diesem Jahr zum Beispielland für den Monat der Weltmission ausgewählt, der deutschlandweit am 22. Oktober seinen Abschluss in Landsberg am Lech im Bistum Augsburg findet. Burkina Faso ist etwa so groß wie die ehemalige Bundesrepublik und zählt knapp 20 Millionen Einwohner. Niger, Ghana und die Elfenbeinküste sind nur drei angrenzende Staaten Westafrikas. 1960 wurde das ehemalige Obervolta in die nationale Unabhängigkeit entlassen. Geplante Aktionen in der Diözese Augsburg im Monat der Weltmission.

Foto: Jörg Böthling

Ohne Frage: Burkina Faso ist ein armes, das sechstärmste Land der Erde. Wahr ist auch, dass fast die Hälfte der Menschen unterhalb der Armutsgrenze leben und mit weniger als 1,25 US-Dollar pro Tag auskommen müssen. Das ist wenig, sehr wenig - auch in Burkina Faso. Die Lebenserwartung der Menschen liegt fast 30 Jahre unter der hierzulande. Die Abgase in Quagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso mit ihren geschätzten drei Millionen Einwohnern, brennen mir mit dem Staub der trockenen Hitze noch heute in den Augen. Mit einer Delegation von missio und aus der Diözese Augsburg haben wir das Land im Februar dieses Jahres bereist und durften dabei unseren Gästen begegnet, die wir im Oktober im Bistum Augsburg willkommen heißen.

Armes Afrika?

Ob Sie´s mir glauben oder nicht: Ich habe in Burkina Faso viele glückliche Menschen erlebt, glücklichere vielleicht als bei uns, in unserem so fortschrittlich-entwickelten und auch wohlhabenden Deutschland. Darum möchte ich auch mit dem Reichtum beginnen. Dem Reichtum Afrikas, dem Reichtum von Burkina Faso: Dem Reichtum an Lebensfreude, an Offenheit und Gastfreundschaft. Das Land ist kinderreich und reich an hoch motivierten jungen Menschen. Reich an Beziehungen und zwischenmenschlichem Zusammenhalt. Und da ist ein unermesslicher Reichtum an Glauben. Die Afrikaner seien anfällig für Gott…, sagt man. Und das stimmt! Und ich frage mich: Was heißt schon reich – wer ist eigentlich arm? 

Reden wir von lieber von (Un-) Gerechtigkeit. Es ist ganz einfach ungerecht, dass Menschen in ein und derselben Welt so ungleich behandelt werden. Es ist ungerecht, dass eine geringere Lebenserwartung bereits mit in die Wiege gelegt wird. Es ist auch ungerecht, wenn die Folgen der Klimaerwärmung zunächst und vor allem jene treffen, die am wenigsten dafür können. Auch in Burkina Faso nehmen die Trockenperioden zu. Verheerend ist das für ein Land, in dem rund 80 Prozent der Bevölkerung von der Landwirtschaft abhängig sind. Es ist ein Armutszeugnis für die „reichen Welt“, Armut durch Mauern ausgrenzen zu wollen.

Gegen die Ungerechtigkeit angehen!

Ja, wir müssen gegen die Armut angehen. Das ist eine Ver-Antwort-ung auf eine umfassende Globalisierung (auch der Probleme), die uns mehr und mehr spüren lässt, dass wir doch nur eine Welt haben. Und diese eine Welt ist und bleibt die eine Welt für alle. Eine zweite haben wir nicht. Und eine „Dritte Welt“ darf es bei Gott nicht geben! Spätestens hier wird unser Einsatz zu einer Frage von Pflicht und Schuldigkeit. Denn wir leben über unsere Verhältnisse. Wenige nehmen sich zu viel heraus. Für die vielen anderen bleibt damit ganz einfach zu wenig übrig. Das ist ungerecht.

Allein Gerechtigkeit schafft den Frieden. Und Frieden und Gerechtigkeit schenken Zukunft. Das eine liegt doch auf der Hand: Es geht mit unserer einen Welt nur gut, wenn es allen besser geht. Und auch das stimmt: Wir „Wohlständigen“ haben etwas gut zu machen. Wo setzen wir am besten an? Am besten bei den Stärken. Stärken wir die Stärken. Burkina Faso ist -bei aller Armut- zugleich ein starkes Land!

Jugend hat Visionen

Burkina Faso ist jung! Der Altersdurchschnitt liegt bei rund 17 Jahren. Dagegen schauen wir in Deutschland „ganz schön alt“ aus. Jugend hat Visionen. Es ist an uns, diesen Visionen eine Zukunft zu geben. Ein Missionar im Südsudan hat mir auf die Frage geantwortet, was denn sein vordringlichstes Anliegen von Entwicklungshilfe sei: „Bildung, Bildung, Bildung!“ Viele bekommen nach der Schule keine Ausbildung, wenn sie überhaupt die volle Schulzeit absolvieren können. Nur wenn die heranwachsende Generation die Chance auf Bildung hat, kann sie die Zukunft auch selbst gestalten.

Entwicklungshilfeminister Gerd Müller bringt es wie so oft auf den Punkt: „Gerade in Afrika müssen wir der Bevölkerungsexplosion eine Bildungsrevolution entgegensetzen.“ Dabei sind vor allem auch handwerklich ausgerichtete und berufsqualifizierende Bildungsangebote von wesentlicher Bedeutung. Hier sind kirchliche Träger seit jeher stark aufgestellt. Gerade auch in Burkina Faso.

Die Familie bringt´s

Zukunft ist kein Importartikel, sondern wächst in den Menschen vor Ort heran, zu allererst in den Familien. Die Menschen in Burkina Faso leben und denken „in Familie“, sagt Abbé Isidor - auch über die Familien hinaus. Es zählt das, was verbindet. Auch darum ist Burkina Faso ein gesellschaftlich und politisch stabiles Land, trotz der mehr als 60 Volksstämme und Sprachen, die es in seinen Grenzen zählt. Afrika ist durch und durch beziehungsreich. Das spürt man in Burkina Faso ganz besonders. Beziehungen werden grundgelegt in Familien und Familien werden zusammengehalten von Frauen, die Mütter sind. Familie ist Keimzelle der Gesellschaft und der Ort, in dem wir in den Kindern der Zukunft schon jetzt begegnen.

Frauen stärken Familien

Ein Projekt, das uns bei unserer Delegationsreise besonders beeindruckt hat, verdankt sich der mutigen Initiative von Sr. Yvonne, Protagonistin der „Aktion furchtlos“ von missio München. Die Ordensfrau studierte soziale Arbeit und Theologie im Senegal und in Kanada. In Bobo-Dioulasso leitet sie ein Zentrum der „Schwestern vom Guten Hirten“. Hier finden Mädchen und Frauen, die unverschuldet in eine Notsituation gekommen sind,  sichere Zuflucht. Konfrontiert mit Problemen wie Zwangsheirat, Prostitution und Menschenhandel versucht die Schwesterngemeinschaft, Frauen zu stärken. Neben der Unterkunft gibt es auch einen Kindergarten. Kleine Kioske als Möglichkeit der Erwerbsgrundlage und ein Restaurant mit Ausbildungsmöglichkeit komplettieren das engagierte Projekt.

Dialog statt Konfrontation

Wir gehören alle zusammen. Ob arm oder reich. Welchem Stamm wir auch angehören und in welcher Religion wir auch glauben. Burkina Faso ist auch ein Beispielland des Dialogs zwischen den Kulturen und Religionen, nicht nur für Afrika. „Unsere Kultur beruht auf Toleranz“, sagt Kardinal Quedraogo. Eine gute Voraussetzung, miteinander ins Gespräch zu kommen. Burkina Faso ist ein echtes Vorbild für gelingenden Dialog in einer Welt, die so oft die Konfrontation der Gegensätze sucht.

Partnerschaft auf Augenhöhe

Burkina Faso ist -das sagt schon sein Name- das „Land der aufrechten Menschen“. So habe ich die Menschen auch erlebt. Mit ihnen kann man viel anfangen. Und darum geht es auch. Dabei ist eines von vornherein klar: Niemand ist so vertraut, mit dem, was die Menschen in Burkina Faso brauchen, wollen und auch können, wie die Menschen in Burkina Faso selbst. Darum ist eine vertrauensvolle Partnerschaft auf Augenhöhe so maßgeblich für jede nachhaltige Entwicklung. Gerade viele Missionare und kirchliche Einrichtungen waren, sind und bleiben in den Ländern Afrikas vor Ort bei den Menschen. Sie leben, arbeiten und glauben mit ihnen für eine bessere Zukunft. Diese Verlässlichkeit hat in der Vergangenheit viel Vertrauen aufgebaut. Vertrauen scheint mir einer der wichtigsten „Standortfaktoren“.

Landwirtschaft hilft bleiben

80 Prozent der Menschen in Burkina Faso leben in bäuerlichen Familien von der Landwirtschaft. Sie sind erd- und heimatverbunden. Wer etwas gegen die wachsende Landflucht unternehmen will, wer etwas tun möchte gegen die ausufernden „Mega-Citys“, die es mit ihren menschenunwürdigen Slums gerade auch in Afrika gibt, der sollte sich mit der Landwirtschaft beschäftigen. Es geht um auskömmliche Lebensgrundlagen für die vielen bäuerlichen Familien und um die Sicherstellung der Lebensmittelversorgung im eigenen Land. Gegenwärtig wird in Burkina Faso die Hälfte der benötigten Mengen an Reis importiert. Dabei könnte sich das Land selbst ernähren.

Optimierung der Wassergewinnung und Wasserverwendung, Modernisierung und Steigerung der Produktivität durch genossenschaftliche Strukturen, Entwicklung durchgängiger Wertschöpfungsketten sind nur einige Schlagworte für einen nachhaltigen Entwicklungsansatz im ländlichen Raum. 

Der Glaube an das Gute

All das hat viel mit dem Glauben zu tun. Einem Glauben, dem es von Gott her gesehen um den ganzen Menschen geht. „Die Christen werden dann akzeptiert, wenn die das Leben der Menschen besser machen“, sagt Bischof Modeste Kambou aus Gaoua. Um etwas besser zu machen, muss man zuerst an das Gute glauben. Die Rede von der Armut hilft da nicht wirklich weiter. Reden wir vom Guten, stärken wir die Stärken, gerade in Afrika. Wenn wir das tun, wenn uns das ein gemeinsames Anliegen wird, über alle  Grenzen hinweg, dann kann wirklich vieles besser werden. Ich bin überzeugt, dass es mit unserer Welt nur gut geht, wenn es allen besser geht. Dazu kann jede und jeder wo auch immer seinen entschiedenen Beitrag leisten.

Kommentar(e)

Keine Kommentare