Wir sind nur Gast auf Erden

In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen: zu wissen, wo man hingehört
Von Andreas Theurer 

Neulich spazierte ich in Augsburg über den Westfriedhof. Ein schöner Friedhof. Mit viel Platz, langen Wegen, weiten Anlagen, schönen alten Bäumen, alten und neuen Gräbern. Wie bei vielen Friedhöfen eben. An einer Giesskannenwasserauffülltonne wurde ich Zeuge, wie ein altes hutzeliges Weible [darf man das überhaupt noch so sagen?] mit zittriger Stimme einen Friedhofsgärtner ansprach: „Entschuldigen’s! Können Sie mir sagen, wo Feld B, Reihe 8, Grab 15 ist?“ Der Gärtner schaute sie von oben bis unten an und murmelte dann halblaut vor sich hin: „Dös homma gern: aussikrebseln un‘ nimma hoam findn“.

Zuerst ging ich heimlich schmunzelnd weiter. Aber dann tat sie mir doch leid mit ihrer Orientierungslosigkeit. Und der Ausdruck, den der Gärtner so leichthin urteilend dahergesagt hatte, ging mir noch lange im Kopf hin und her: Nicht mehr heim finden. Was für ein entsetzlicher Gedanke – eine Urangst des Menschen! Als Kind gruselte mich an „Hänsel und Gretel“ dies wohl am meisten: dass sie nicht mehr wussten, wo es zurück geht ins Vertraute, Heimatliche und Heimelige, ja dass es diese Heimat eigentlich schon gar nicht mehr gab. 

Der Prophet Jesaja beschrieb sein Volk vor ca. 2700 Jahren so – und jedes Mal, wenn ich wieder Jesaja lese, kommt er mir aktueller vor als beim letzten Mal: „Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber hat keine Erkenntnis, mein Volk hat keine Einsicht“ (Jes 1,3). Jesaja klagte über sein Volk, das die liebende Beziehung zu seinem Gott verloren hatte und in frecher Überheblichkeit meinte, sich nicht mehr an seine Gebote halten zu müssen. Diesem – seinem eigenen! – Volk stellte er die Haustiere Ochs und Esel gegenüber. Sogar sie, die allgemein als unvernünftig gelten, wissen, wo sie hingehören. Der Mensch aber vergisst (oder verdrängt?) diese Erinnerung und verfehlt den Heimweg. 

Nicht mehr wissen, wo man hingehört; nicht mehr erkennen, worin die eigenen Wurzeln liegen; nicht mehr merken, dass man an dem Ast sägt, auf dem man sitzt; ahnen, dass man umkehren müsste, aber im Zeitgeist-Nebel nicht mehr sehen können, in welche Richtung – ich finde das immer noch eine schreckliche Vorstellung. Weil ich mich doch auch danach sehne, mich nicht zu verirren im Lebensdschungel; nicht falsch abzubiegen, wenn ich eine Entscheidung treffen muss; Gott voll vertrauen zu können, wenn ich den Weg nicht mehr sicher erkennen kann. 

In meiner früheren Gemeinde hat der Kirchenchor zu Beerdigungen oft das Lied „Wir sind nur Gast auf Erden“ gesungen. Und bei der letzten Strophe habe ich meistens konzentriert versucht, die Tränen zu unterdrücken, damit sie keiner sieht: Sie endet mit den Worten: „Und sind wir einmal müde, dann stell ein Licht uns aus, o Gott, in deiner Güte, dann finden wir nach Haus.“

Orientierungslosigkeit ist schrecklich! Aber sowas von.

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