Etwas Asche gefällig?

Woher der Mensch kommt und was ihm bevorsteht. Von Andreas Theurer 

Es war einmal, lange her – muss noch vor dem Konzil gewesen sein – also wirklich lange her, an einem kalten Februarmorgen – irgendwo im altbayrischen Teil unseres Bistums.

Gemälde von Juian Falat, 1881, wikipedia

Das Dorf hieß Hintertupferlskreuth (oder so ähnlich) und der Pfarrer stand ziemlich ratlos in der Sakristei. „Hot der oide Bazi sich wiada mol net zammareißen kenna! S'is jo warle nöt der erst Fasching, den dass der derlebt!” Der „alte Bazi” - damit meinte er seinen Benefiziaten, der ihm hoch und heilig versprochen hatte, heute am Aschermittwoch bei der Auflegung des Aschenkreuzes zu helfen. Heute früh hatte er freilich durch seine Haushälterin ausrichten lassen, dass er heute um alles in der Welt nicht aufstehen könne – es gehe einfach nicht.

Anders als der Herr Benefiziat jedoch konnten die Leute aus dem Dorf sehr wohl aufstehen – die meisten wenigstens. Und zur Aschermittwochsmesse kamen sie auch. Immer voller wurde die Kirche und was den Pfarrer sonst zutiefst gefreut hätte, versetzte ihn heute nahezu in Panik.

„Xaver”, fuhr er seinen Mesner an, „Xaver, du muast ma höifn! Du muast ma höifn mitam Aschnkreiz.” Xaver, eine ehrliche Haut, altgedient und jederzeit dienstwillig ließ sich nicht lange bitten: „Jawoi, Hochwürden, i wui gearn mei bestes gemn!” Ob das wohl reichen würde? Egal – der Pfarrer brauchte Hilfe und zwar gleich. „Xaver, sogst a jedem: Pulvis fueris et ad pulverem reverteris – host es?”

Dieser Satz aus der uralten Aschermittwochsliturgie, der aus der Sündenfallgeschichte im Alten Testament entnommen war, drückte so wunderbar knapp und präzise aus, woher der Mensch kommt und was ihm ohne Entrinnen bevorsteht: Du bist Staub und zu Staub musst du wieder werden. Alles Rennen, Hetzen, Mühen und Kämpfen, aller Ehrgeiz, Stolz, Gewinnsucht und Machtgier, alle Schönheit und Pracht des Leibes und des Geistes: es bleibt nicht. Staub und Asche, Moder und Humus: das bleibt vom Wirken des Menschen. Und indem von alters her die Kirchgänger am Aschermittwoch als Zeichen ihrer Bußgesinnung ein deutlich sichtbares Kreuz aus Asche auf die Stirn gezeichnet bekommen (oder für die etwas schüchterneren: etwas Asche auf die Haare gestreut – da wo sie am dichtesten sind und es am wenigsten auffällt) beugen sie sich unter dieses Naturgesetz und hoffen auf die göttliche Gnade, die die Natur trägt, ihr aufhilft und sie vollendet (allein darüber könnte man stundenlang reden – aber nicht heute!).

„Host mi, Xaver?”, fragte der Pfarrer nochmal und Xaver beeilte sich, sofort wiederzugeben, was er sich eingeprägt hatte: „Pulvizeris ent pulvezeris – na, sogns ma's bittschön nommol vor!”

  • „Pulvis fueris et ad pulverem reverteris”
  • „Pulvus futerem ent pulover terterterem”
  • „Naaa! Pul-vis fu-e-ris et ad pul-ve-rem re-ver-te-ris!! Sog's nommol!”
  • „Pullo viris adda pulloveris?”

Die Glocke und der Pfarrer schlugen: die Glocke die Minute des Messbeginns und der Pfarrer dem Mesner mit der flachen Hand auf den Rücken und schubste ihn in Richtung Sakristeitür, während er rief:

  • „Mei, bist a Depp un bleibst a Depp!”

Die Messe verlief soweit normal. Der Xaver half tatsächlich bei der Aschenkreuzauflegung und murmelte jedem der Andächtigen zu: „Meibistadep un bleibstadep”.

Nach der Kirche, als die Männer vor der Kirchentür noch ein wenig ratschten (eilig hatten sie's nicht, denn zuhause gab es heute wegen des strengen Fastentags ja ohnehin nichts rechtes zu essen), sagte der Bürgermeister zum Xaver:

  • „Du Xaver, wann i net sicha wüsst, dass des ladeinisch war, na hätti dir oane neigschlagn!”

Aber sowas von.