Thomas Morus

Mit Esprit und Heiligem Geist aufs Schafott
Von Peter Bornhausen 

Warum ausgerechnet ein hartgesottener Verfechter kirchlicher Rechte zum Patron der Regierenden und der Politiker wurde. 

Hans Holbein der Jüngere, Portrait of Sir Thomas More, 1527, Frick Collection, New York. (Foto: Wikipedia)

Thomas More wurde am 7. Februar 1478 als Sohn eines Richters in London geboren. Nach dem Besuch der Lateinschule kam er durch Protektion des Lordkanzlers und Erzbischofs von Canterbury zum Studium nach Oxford, wo er sich vor allem klassischem Latein und Griechisch widmete. 1501 schloss er auch sein juristisches Studium ab – ein Zugeständnis an den drängenden Vater. Zeitlebens widmete er sich aber am liebsten den freien Wissenschaften sowie der Theologie; ein Jahr lang prüfte er sogar seine etwaige Berufung zum geistlichen Stand im Londoner Kartäuserkloster. Dann etablierte er sich als Rechtsanwalt, gründete eine Familie und wurde mit 26 Jahren Parlamentsmitglied.

More machte sich wegen seiner Gründlichkeit und weil er anstehende Rechtsfälle rasch und konsequent und ohne Ansehen der Person abarbeitete einen Namen als Undersheriff (Richter) von London sowie als Rechtslehrer, weltweit besonders aber als tiefschürfender Humanist, scharfzüngiger Satiriker und Schriftsteller. More verfasste nebenberuflich (!) Gedichte und Epigramme, übersetzte antike Werke ins Englische und schrieb zahlreiche Werke zur Geschichte und Verfassung Englands. Unter allen seinen Schriften ragt besonders der Roman „Utopia“ hervor, der Entwurf einer idealen Gesellschaft, mit dem er 1516 eine eigene Literaturgattung begründete.

König Heinrich VIII. erkannte bald sein Talent und förderte Mores Karriere, betraute ihn mit diplomatischen Missionen, schlug ihn 1521 zum Ritter und ließ sich von ihm bei einer Schrift gegen Luther helfen, die ihm und allen englischen Monarchen seitdem den päpstlichen Ehrentitel „Verteidiger des Glaubens“ eintrug – das „FD“ für „Fidei Defensor“ ziert auch heute noch alle britischen Münzen mit dem Konterfei der Königin. 1523 wurde More zum Parlamentssprecher gewählt und erwies sich als äußerst geschickter Vermittler zwischen den Ansprüchen des Königs und den Befugnissen des Unterhauses. In einer Rede aus dieser Amtszeit hielt er das früheste Plädoyer für die parlamentarische Redefreiheit und die freie Gewissensentscheidung – Rechte, die aus einer höheren Sphäre stammen und auf die der König keinen Zugriff hat.

1529 wurde More Lordkanzler, das heißt so etwas wie Premierminister, weil sein Vorgänger die Annullierung der Ehe des Königs nicht zuwege gebracht hatte. Als Heinrich VIII. aber die Lösung der englischen Kirche von Rom betrieb und von den Geistlichen seine Anerkennung als Kirchenoberhaupt verlangte, trat More aus vermutlich vorgeschobenen gesundheitlichen Gründen als Lordkanzler zurück.

1534 verlangte das Parlament von allen Inhabern öffentlicher Ämter, die Kinder aus Heinrichs zweiter Ehe als legitime anzuerkennen. Diesen Eid verweigerte More; er wurde eingekerkert, des Hochverrats angeklagt und zum Tode verurteilt. Seine Verteidigungsrede gemahnt an das Herrenwort: „Wenn man euch vor die Gerichte … schleppt, dann macht euch keine Sorgen, wie ihr euch verteidigen oder was ihr sagen sollt. Denn der Heilige Geist wird euch in der gleichen Stunde eingeben, was ihr sagen müsst“ (Lk 12,11–12). Morus begründete seine Haltung mit Blick auf die Unauflöslichkeit der Ehe sowie die Unabhängigkeit der Kirche vom Staat und bezeichnete sie als zwingend: als „reine und wahre Notwendigkeit zur Offenbarung meines Gewissens.“ Am 6. Juli 1535 wurde er enthauptet– „nur“ enthauptet, weil der König ihm die Strafe auf Hochverrat: Hängen, Ausweiden und Vierteilen erließ.

Mores Kopf wurde einen Monat lang zur Schau gestellt und ruht heute in der Kathedrale von St. Dunstan in Canterbury. 1886 wurde er gemeinsam mit dem Märtyrerbischof John Fisher seliggesprochen – daher auch der 22. Juni, Fischers Sterbedatum, als gemeinsamer Gedenktag. 1935, wohl nicht zufällig zur Zeit des Nationalsozialismus und des einsetzenden stalinistischen Großen Terrors, erfolgte auch ihre gemeinsame Heiligsprechung. 2000 erklärte Papst Johannes Paul II. Thomas Morus zum Patron der Regierenden und der Politiker.

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