Therese von Lisieux

Missionarin, Lehrmeisterin im geistlichen Leben und Monatsheilige im Oktober. 
Von Peter Bornhausen 

Soll noch einer sagen, Frauen könnten in der katholischen Kirche keine Karriere machen: Eine 24jährige wird Kirchenlehrerin, ohne einen einzigen theologischen Traktat geschrieben zu haben, und Patronin aller Missionen, obwohl sie ihr Kloster nicht verlassen hat. Zum Beginn des Monats der Weltmission ein Portrait der heiligen Therese von Lisieux.

Marie-Françoise Martin mit acht Jahren (Fotos: Archiv Katholische SonntagsZeitung)

Marie-Françoise Martin wurde am 2. Januar 1873 in Alençon in der Normandie geboren und soll schon mit zwei Jahren geäußert haben, sie würde Ordensschwester werden. Mit vier Jahren verlor sie ihre Mutter, fünf Jahre später trat ihre ältere Schwester Pauline in den Karmel ihres Wohnorts Lisieux ein. Marie-Françoise dagegen, die schwächliche Halbwaise, wurde kränker und kränker und wäre als Zehnjährige fast verstorben … bis ihr auf den Lippen der Muttergottesstatue in ihrem Zimmer ein Lächeln erschien. „La Vierge du Sourire – die Jungfrau des Lächelns“ hatte sie gerettet.

Nicht lange, nachdem sie von der tödlichen Krankheit genesen war, führte sie die Bekehrung eines verurteilten Mörders auf dem Schafott auf ihr stellvertretendes Gebet als 14jährige zurück. Sie wollte es ihren inzwischen zwei älteren Schwestern gleichtun und sofort in den Karmel eintreten, was ihr allerdings selbst Papst Leo XIII. bei einer Audienz anlässlich einer Wallfahrt ihrer Diözese nach Rom nicht gewährte. Erst mit 15 konnte sie ins Kloster von Lisieux eintreten – mit dem Ordensnamen ihres Vorbilds, der heiligen Teresa von Ávila († 1582). Als „Schwester Therese vom Jesuskind und vom heiligen Antlitz“ fand sie bald ihre Berufung: im Verborgenen zu beten und eigenes Leiden für die Priester aufzuopfern, sich selber zu vergessen und kleine, diskrete Liebeswerke zu tun, weil sie nicht glaubte, große Werke vollbringen zu können.

Sie las die mystisch-theologischen Werke des heiligen Johannes vom Kreuz († 1591), was für eine junge Karmelitin sehr ungewöhnlich war, bewunderte das Martyrium der Karmelitinnen von Compiègne, die 1794 Opfer des französischen Revolutionsterrors geworden waren, und entdeckte 1894 für sich schließlich den „kleinen Weg“: klein zu bleiben vor Gott und sich und alles seiner Barmherzigkeit zu überlassen und in Ermangelung eigener Heiligkeit ein überbordendes Gefäß für die Heiligkeit Gottes zu werden.

Im begleitenden Gebet für zwei junge Missionsbrüder in China und Afrika sowie in ihrem Briefwechsel erkannte sie immer mehr auch einen missionarischen Auftrag – „Priester kann ich nicht werden“, sagte sie, „aber Missionar“ –, und sie begann auf Bitten ihrer Oberin, ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben. Ab 1896 erkrankt, verfiel Thereses Gesundheitszustand zusehends, verstärkt noch durch die Enttäuschung über eine vorgebliche, spektakuläre Konversion, an die sie geglaubt und die sie durch Einschicken eines Selbstbildnisses als Jeanne d’Arc unterstützt hatte – sie wurde mit dem Foto öffentlich lächerlich gemacht. Im August 1897 wurde bei ihr Tuberkulose im Endstadium diagnostiziert. Sie versprach auf dem Totenbett, Rosen vom Himmel regnen zu lassen, und verstarb am 30. September 1897 mit nur 24 Jahren.

Therese kurz nach ihrem Ordenseintritt
Therese von Lisieux als eingekerkerte Jeanne d’Arc
Therese kurz vor ihrem Tod auf der Veranda des Karmel (Fotos: Archiv Katholische SonntagsZeitung)

Schon bald nach ihrem Tod wurden Wunder und Heilungen auf ihre Fürsprache berichtet. Die Kathedrale von Lisieux, in der ihre Gebeine ruhen, ist nicht zufällig die größte Kirche, die im 20. Jahrhundert erbaut wurde. 1923 wurde sie selig-, 1925 heiliggesprochen und 1927 neben dem heiligen Franz Xaver zur Patronin aller Missionen erklärt. Tatsächlich berufen sich Dutzende von Schwesternkongregationen besonders in Afrika auf sie als „Gründerin“.

Therese hat überdies mit der „Geschichte einer Seele“ einen Klassiker der spirituellen Literatur hinterlassen, der in 50 Sprachen übersetzt wurde und sie weltweit bekannt gemacht hat. Diese nach ihrem Tod aus drei Manuskripten zusammengestellte Lebensgeschichte hat Unzählige für ihren „kleinen Weg“ der Hingabe an Gott und die Mitmenschen begeistert. Zur „kleinen Therese“, wie sie im Unterschied zur „großen“ Teresa von Ávila genannt wird, pilgern jährlich rund eineinhalb Millionen Menschen. 1997 erhob Papst Johannes Paul II. die „Lehrmeisterin im geistlichen Leben“ zur Kirchenlehrerin. 2015 erfolgte auch die Heiligsprechung ihrer Eltern Zélie und Louis Martin.

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