Mutige machen große Schritte

Es gibt keine größere Freude, als sein Leben an andere zu verschenken
Von Luiz Fernando Braz

Mein Name ist Luiz Fernando, ich komme aus Guaratinguetái in Brasilien und bin in einer Familie als jüngstes von vier Kindern aufgewachsen. Zu Hause hatte ich leider nicht das Vorbild einer echten Familie, in der Eltern sich lieben oder man sich miteinander entspannt unterhält – die einzigen Erinnerungen, die ich aus meiner Kindheit behalten habe, sind zahlreiche Streitigkeiten und Diskussionen. Als ich sieben Jahre alt war, verließ uns mein Vater, um mit einer anderen Frau zusammenzuwohnen. Dies verursachte ein Chaos in unserer Familie, und als ich meine Mutter so sehr leiden sah, hatte ich plötzlich ganz stark den Wunsch in meinem Herzen, alles zu tun, um sie nicht noch mehr zu enttäuschen. 

Luiz Fernando (Mitte hintere Reihe) und MitarbeiterIn der Fazenda da Esperança

Ich wollte arbeiten, ich wollte der Beste in der Schule sein, ich wollte alles tun, damit meine Mutter ruhig und zufrieden sein konnte. Dieses Gefühl in mir wandelte sich jedoch ganz schnell in absoluten Perfektionismus. So begann ich sehr jung mit einem Uni-Studium und arbeitete parallel, um Geld zu verdienen. Ich war eingebunden in kirchliche Gemeindeaktivitäten – allerdings ohne eine echte Gottesbeziehung zu haben. Damals gelang es mir nie, Gott zu spüren – ich machte alles, hatte alles, aber in mir war eine große Leere. 

Fazenda da Esperança – eine andere Welt

Als mir dann eines Tages eine Arbeitskollegin von der Fazenda da Esperança erzählte, war mein erster Gedanke: „Was soll ich da tun? Dort sind doch nur Personen, die Hilfe brauchen ... aber ich doch nicht – ich mach ja Gott sei dank alles richtig und perfekt.“ Diese Kollegin gab aber nicht auf. So bat sie mich beispielsweise, das Design für die T-Shirts der Fazenda zu entwerfen und erzählte mir dabei jedes Mal mehr von der Fazenda. Als sie mich dann auf die Fazenda einlud, machte ich aus Respekt und Gefälligkeit ihr gegenüber einen Besuch.

Mein erster Eindruck war, in einer anderen Welt gelandet zu sein. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich mich an einem Ort aufgenommen fühlte, und zwar ohne dass ich etwas leistete. Für die Jugendlichen, die dort waren, war es nicht wichtig, was ich studiert oder gearbeitet hatte – sie waren einfach nur froh, dass ich da war.

Auch war es das erste Mal, dass ich diese Liebe Gottes auf eine ganz konkrete Weise erfahren und spüren durfte. Diese Gottesliebe, die ich zuvor nur in der Theorie kannte, verwandelte sich plötzlich in etwas so Greifbares, und zwar durch diejenigen, die ich früher mit viel Distanz verachtet hatte.

Seid Botschafter der Hoffnung

2007 durfte ich beim Besuch von Papst Benedikt XVI. in der Fazenda in Pedrinhas dabei sein. Die Worte, die Papst Benedikt XVI. an diesem Tag sprach, erfüllten ganz und gar mein Herz: „Seid Botschafter der Hoffnung!“ Gleichzeitig wusste ich überhaupt nicht, wie ich dieses Wort leben konnte.

Bis zu dem Tag, als ich von den Gründern eine Einladung bekam, an einer Mission zur Eröffnung einer neuen Fazenda in Deutschland teilzunehmen. Ich wusste natürlich nicht, was eine Mission bedeutete - ich dachte zunächst einfach, dass ich dort nur ein wenig Urlaub machen könnte, leckere Schokolade essen usw. Mit Hilfe von einigen Freunden und Bekannten wurde es mir dann möglich, an dieser Mission teilzunehmen.

Luiz Fernando (rechts) mit den Gründern

Wir kamen im Dezember an – zu dieser Zeit gab es sehr viel Schnee, und wir wohnten in einem sehr renovierungsbedürftigen Haus. Es war eiskalt, aber die Freude dieses Gemeinschaftslebens hatte mein Herz in einer ganz einzigartigen Weise vollkommen eingenommen. Es war, als würde ich Gott wiederentdecken – im Alltagsleben, in der Arbeit, in den Liedern. Und ohne ein einziges Wort Deutsch zu verstehen, konnte ich ein wunderbares Klima von Familie spüren.

Es machte mich immer sehr glücklich, wenn ich kleine Taten der Liebe umsetzen konnte, wie zum Beispiel Geschirr abwaschen, eine Tasse Tee für jemanden zu kochen oder am Morgen das Bett für andere zu richten. In all den Dingen, die mir früher banal erschienen, konnte ich plötzlich ganz neu das Evangelium berühren. Jedes Mal, wenn ich die Sprache ein wenig mehr verstand, war es ein kleines Erfolgserlebnis für mich. Auch hatte ich begonnen, besonderen Wert auf Beziehungen zu legen. Ich lernte, mir selbst zu verzeihen, mich so anzunehmen wie ich bin – ohne perfekt sein zu müssen. Und ich hatte in der Tat eine Familie bekommen, die viel größer war als meine. Nach langer Zeit schaffte ich es schließlich auch, meinem Vater zu verzeihen, und so konnte ich mit ihm wieder ganz neu eine Beziehung aufnehmen. Dies war eines der größten Geschenke für mich.

Mutige Jugendliche machen große Schritte in ihrem Leben

Heute, nach neun Jahren in diesem göttlichen Abenteuer, bin ich schon ganz in der deutschen Kultur zu Hause, verstehe und spreche die deutsche Sprache und fühle mich in dieser Erfahrung ganz begleitet von der Liebe Gottes, die sich in dieser langen Zeit immer wieder durch die Jugendlichen widergespiegelt hat. Sie sind es, die mich gelehrt haben, dass die Liebe Gottes das einzige ist, was Beständigkeit in unserem Leben hat. Heute arbeite ich mit an Projekten der Suchtprävention an Schulen in Osteuropa und versuche so, den Jugendlichen bei diesen Treffen eine neue Perspektive für das Leben zu eröffnen – zu zeigen, dass es möglich ist, anders zu leben.

Und ich versuche immer wieder, jedem einzelnen die Botschaft, die mein Leben verändert hat, nahezubringen: „Mutige Jugendliche machen große Schritte in ihrem Leben“ - und dass es keine größere Freude gibt, als sein Leben an den anderen zu verschenken.

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WJT 2016

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