Missionar am Niagara

Wie ein kleiner Priester aus dem Böhmerwald zu Amerikas großem Schulbischof wurde.
Von Peter Bornhausen 

Johannes Nepomuk Neumann kam am 28. März 1811 im böhmischen Prachatitz als Sohn einer Tschechin und eines Deutschen zur Welt. Er wuchs in einfachen Verhältnissen auf und trat nach seiner Matura in das Priesterseminar von Budweis ein. Dort und später an der Universität Prag erlernte er insgesamt acht Sprachen und trug sich zeitweise mit dem Gedanken, statt Theologie lieber Medizin zu studieren. Davon brachte ihn aber seiner Mutter wieder ab, die sich ihren Sohn nicht anders denn als Priester vorstellen konnte.

Bild aus: Vera Schauber, Hanns M. Schindler, Bildlexikon der Heiligen, 1999. Mit freundlicher Genehmigung der Autoren

Als sich wegen einer richtiggehenden Priesterschwemme seine Weihe um Monate verzögern sollte, in Nordamerika aber dringend Priester für die vielen Einwanderer gebraucht wurden, zog er teils zu Fuß bis an die französische Atlantikküste – das sind 1550 Kilometer – und schiffte sich nach New York ein, wo damals bereits 20.000 deutsche Katholiken lebten.

In New York wurde er kaum drei Wochen nach seiner Ankunft zum Priester geweiht und bekam eine 1450 Quadratkilometer große Pfarrei in der Nähe der Niagarafälle zugewiesen. Dieses Gebiet, das dreimal so groß ist wie ein durchschnittlicher Landkreis, betreute er unentwegt und zu Fuß. Nach vier Jahren missionarischer Seelsorge an den vorwiegend deutschsprachigen Farmern und Waldarbeitern brach er, von Sumpffieber und anderen Krankheiten geschwächt, erschöpft zusammen.

Zur Erholung wurde er in das Redemptoristenkloster von Rochester gebracht. Er fand Gefallen an der Gemeinschaft und schloss sich 1840 dem Orden an, um seinen Aufgaben als Seelsorger besser gewachsen zu sein. Nach der Übernahme mehrerer Ordensämter unterstanden ihm 1847 alle Niederlassungen der Redemptoristen in Amerika.

1852 wurde er im Alter von nur 41 Jahren zum ersten Bischof von Philadelphia ernannt. Neumann gründete in seiner Amtszeit über 80 Schulen und 100 Kirchen; auf ihn, der in einer guten Ausbildung den Schlüssel für die Überwindung der sozialen Schranken erkannte, gehen das US-amerikanische Pfarrschulwesen sowie die Idee der katholischen Privatschulen mit heute mehreren Millionen Schülern zurück. Der Bischof siedelte Klostergemeinschaften in seinem Gebiet an und gründete selbst eine: die „Schwestern vom Dritten Orden des heiligen Franziskus von Philadelphia“.

Seine Einfühlsamkeit und seine Bescheidenheit verliehen ihm hohes Ansehen. Überliefert ist, dass er mit den einfachen Leuten gemeinsam Kartoffelsuppe aß und im Anschluss selber in der Küche abspülte. Und kein Priester im Bistum soll mehr Stunden im Beichtstuhl verbracht haben als er. Doch sein unermüdlicher Einsatz für seine Diözese hatte seinen Preis. Nach nur acht Jahren als Bischof brach er auf offener Straße zusammen und starb am 5. Januar 1860.

Sein Grab befindet sich in einem Kristallsarg in der Krypta der Kathedrale St. Peter Apostle in Philadelphia. 1977 wurde Amerikas großer Schulbischof von Papst Paul VI. heiliggesprochen. In Obernburg am Main, dem Heimatort seines Vaters, ist Johannes Nepomuk Neumann die Unterkirche geweiht.