Die Kunst der glaubhaften Sprache

Thomas Weifenbach im Gespräch mit Erik Flügge

Erik Flügge ist Geschäftsführer der Squirrel & Nuts Gesellschaft für strategische Beratung mbH. Er berät Spitzenpolitiker und Parteien bei der Kommunikation sowie Städte und Gemeinden bei der Entwicklung von Partizipationsprojekten. Der gebürtige Backnanger veröffentlichte 2016 das Buch: Der Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt. Der Titel sorgte für einiges Aufsehen. Credo-online durfte ein paar Fragen über große Propheten, Gottesdienstgestaltung und die Kunst der Kommunikation an ihn richten.

Bild: Moses – gespielt von Charlton Heston in „The Ten Commandments“ (Paramountverfilmung 1956). Der Prophet des Alten Testaments schlechthin sagt, als Gott ihn beruft: „Aber bitte, Herr, ich bin keiner, der gut reden kann, weder gestern noch vorgestern, noch seitdem du mit deinem Knecht sprichst. Mein Mund und meine Zunge sind nämlich schwerfällig“ (Ex 4,10).

Frage: Sprache ist für Sie wichtig. In der Kirche reißt es Ihnen wegen der Sprache die Zehennägel auf – hat das mit Ihrem Glauben zu tun, dass Sie hier so sensibel sind? Welchen Charakter sollte die Sprache im heutigen Gottesdienst haben? 

Flügge: Mit Glauben hat das erst mal nichts zu tun. Mir dreht es immer den Magen um, wenn schrecklich gesprochen wird. Damit bin ich nicht allein. Die Leute schauen ja auch keine schlechten Filme, lesen keine schlechten Bücher, hören keine miesen Radiosendungen. Die Kirchen tun alles dafür, dass man einfach den Sender wechselt. – Und schon sind wir tief in der Kirchenkrise. Christentum ist kein Standard mehr. Es gibt vielfältige Sinnangebote, und die Leute wählen dazwischen aus. Wenn jeder drittklassige Yoga-Kurs sich mehr Mühe mit seinen Angeboten gibt als die Kirchen, dann werden diese langfristig komplett menschenleer sein. Wenn wir aber glauben, dass Christus der Weg zum ewigen Leben ist, dann können wir die anderen nicht einfach im Dunkeln lassen. Aber ehrlich gesagt: Unsere heutige lustlos-belanglose Gottesdienstsprache drückt doch gar nicht aus, dass wir das wirklich noch glauben.

Frage: Kommen Ihnen beim Thema Kirchensprache der Kommunikationstrainer und der Gläubige nicht durcheinander? Braucht es, um authentisch und anregend über den Glauben zu sprechen, „nur“ eine gute Sprache oder Rhetorik?

Flügge: Kommen bei allen Propheten und bei allen Aposteln nicht immer die Kommunikation und der Glaube durcheinander? – Ist es nicht gerade diese Mischung aus großer Rhetorik, gewaltigen Symbolen und unbedingtem Glauben, die diese Menschen besonders macht? Ich bin kein Prophet. Aber ich habe verdammt noch mal den Anspruch, dass ich wenigstens einem kirchlichen Sprecher oder einer Sprecherin glauben können will, dass sie selbst das glauben, was sie erzählen. Stattdessen höre ich immer banale Geschichtchen über Spuren im Sand.

Frage: Welches Potential hat für Sie der christliche Glaube?

Flügge: Das ist recht einfach: Der vorgelebte christliche Glaube hatte Jahrhunderte lang das Potential, Menschen, die an Götter glaubten, dazu zu bewegen, sich zu ihm zu bekehren. Gegen Widerstände, gegen Verfolgung. Nun denn, heute hat der im deutschsprachigen Raum gelebte christliche Glaube das Potential, Menschen mal mehr oder weniger schnell austreten zu lassen.

Frage: Gibt es heute oder in der Kirchengeschichte eine Person, deren Art zu glauben und darüber zu sprechen, Sie beeindruckt hat?

Flügge: Papst Franziskus ist zum Glück mal ein seltener Lichtblick. Er verstellt seine Sprache nur recht wenig. Bleibt sich an vielen Stellen treu. Wählt stimmige Symbole und bricht mit den Erwartungen an das Papsttum. Es funktioniert.

Frage: In den theologischen Fakultäten gibt es ein eigenes Fach zur Predigtausbildung – wurden Sie schon mal eingeladen, vor Studenten zu sprechen? Würden Sie eine Einladung annehmen? 

Flügge: Ja, von Paderborn und Tübingen wurde ich schon eingeladen. Ich komme gern.

Frage: Welche drei Tipps geben Sie jemanden für eine ansprechende Predigt?

Flügge: Die ehrliche Antwort wäre: geh raus! Aber weil man eben im Gottesdienst nicht einfach raus auf die Straße gehen kann, muss man es im Gottesdienst anders machen. Im Grunde ist das aber nur ein Rückzugsgefecht. Damit es im Gottesdienst besser wird, sollte man erstens die eigene Rolle klarkriegen: Ich predige als Mensch zu Menschen, nicht zu Gott. Das ist wichtig, denn viel zu viele sprechen ihre Predigt zu Gott und machen sie damit pseudowichtig. Zweitens darf eine Predigt sich nicht vom gesprochenen Wort unterscheiden. Sie ist kein verlesener Text. Sie ist gesprochene Sprache. Lebendig, lustvoll, witzig, anregend, bezaubernd – was auch immer –, aber eben keine Schriftlesung. Drittens muss eine Predigt immer emotional sein. Immer. Sie muss authentisch zeigen, was derjenige oder diejenige, der oder die sie spricht, fühlt. Übrigens kann man Emotionen wunderbar in der eigenen Sprache ausdrücken, ohne dass man dafür Kerzen, Räucherstäbchen oder Tücher braucht.

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