Wird die Kirche charismatischer?

Papst Franziskus ist dieser Entwicklung überaus aufgeschlossen
Von Guido Horst 

Vor sechs Jahren erschien auf dem deutschen Buchmarkt eine Analyse des in Rom sehr bekannten Vatikan-Kenners John L. Allen: „Das neue Gesicht der Kirche – Die Zukunft des Katholizismus“. Ein Ausblick also in das 21. Jahrhundert, den der gebürtige Amerikaner und langjährige Rom-Korrespondent da vorgelegt hatte. Sein Fazit: Die katholische Kirche wird am Ende des 21. Jahrhunderts evangelikaler, man kann auch sagen charismatischer sein, als sie das zu Beginn des Jahrhunderts war. Das Buch war im Original, auf Englisch, bereits 2009 erschienen. Der Autor Allen konnte damals also noch gar nicht ahnen, dass wenige Jahre später ein Lateinamerikaner Papst werden sollte, der gegenüber Evangelikalen und Charismatikern überaus aufgeschlossen ist. 

Pfingstvigil der Charismatischen Erneuerung mit Papst Franziskus im Circus Maximus Rom (Foto: Philipp Heußen)

Als Erzbischof von Buenos Aires war das der Jesuit Jorge Mario Bergoglio nicht von Anfang an. Er hatte die Charismatiker in Argentinien kennengelernt, aus anfänglicher Skepsis aber wurde Freundschaft – generell zu der Bewegung wie zu einzelnen Personen. Eine von diesen ist Pastor Giovanni Traettino, wegen dem er im Sommer 2014 gleich zwei Mal die Stadt Caserta bei Neapel besucht hat: ein Mal die katholische Ortskirche, beim zweiten Mal die evangelikale Gemeinde des Pastors. Traettino war auch dabei, als Franziskus am 1. Juni 2014 mit der Katholische Charismatischen Erneuerung eine Versammlung im römischen Olympiastadion abgehalten hat, bei der er dann persönlich zu einer Jubiläumsfeier eingeladen hat, die jetzt zu Pfingsten in Rom stattgefunden hat: Fünfzig Jahr nach den Anfängen dieser Bewegung 1967 in den Vereinigten Staaten haben um die Zigtausende Charismatiker aus 120 Nationen in aller Welt mit dem Papst gefeiert. Am Abend der Pfingstvigil im römischen Circus Maximus und am Pfingstsonntag bei einem Gottesdienst auf dem Petersplatz. War das schon das neue, charismatischere Gesicht der Kirche, das der Autor John L. Allen vor wenigen Jahren vorausgesagt hat? Vor allem die Zusammenkunft im Circus Maximus sah ganz so aus.

Über fünfzigtausend Anhänger der charismatischen Bewegung

füllten den langgezogenen Wiesengrund unterhalb des Palatin-Hügels, der in der Antike der Schauplatz des Martyriums vieler Christen war. Der Ort war bewusst gewählt: Heute, angesichts der neuen Wellen von Christenverfolgungen vor allem im Mittleren Osten und in Afrika, spricht man viel von der „Ökumene des Blutes“, was der Papst selber in seiner Ansprache erklärte: „Heute gibt es mehr Märtyrer als früher... Diejenigen, die die Christen töten, fragen sie nicht zuerst: ,Bist Du orthodox? Bist Du katholisch? Bist Du evangelisch? Bist Du lutheranisch? Bist Du Calvinist?’ Nein. ,Bist Du Christ?’ – ,Ja’: Und dann wird er sofort enthauptet. Heute gibt es viel mehr Märtyrer als in den frühen Zeiten. Und das ist die Ökumene des Blutes: Uns vereint das Zeugnis der Märtyrer von heute. In so vielen Gegenden der Welt wird christliches Blut vergossen!“

Nun war aber die Vigilfeier im Circus Maximus keine Trauerfeier, ganz im Gegenteil: Gesänge und Lobpreis, mit erhobenen Armen, wie das bei Charismatikern nun einmal ist. Die Gesichter wie in Trance verzückt, wenn die Gebete und Lieder um die Gnade des Heiligen Geistes baten. Nicht nur katholische Charismatiker hatten sich eingefunden, auch Evangelikale, Freikirchler, Anglikaner und Protestanten. Wo charismatische Treffen stattfinden, geht es immer sehr ökumenisch zu. Lehrfragen spielen keine Rolle, auch diesmal nicht in Rom, dafür die gemeinschaftlichen Erfahrungen, unter dem Heiligen Geist zu stehen.

Papst Franziskus stand auf der Bühne, er erhob die Arme nicht zum Himmel,

er hatte sie nur leicht nach oben angewinkelt, machte aber mit. Neben ihm zwei Frauen, die er wohl gut kannte, und fünf Kardinäle, unter ihnen Christoph Schönborn aus Wien, Kevin Farrell vom vatikanischen Dikasterium für Laien, Familie und das Leben, unter dessen Ägide das Treffen stattfand, und Agostino Vallini, der gerade erst emeritierte Vikar des Papstes für die Diözese Rom. Vor dem Papst sprachen Pater Raniero Cantalamessa, der Kapuziner und Prediger des Päpstlichen Hauses, der der Charismatischen Erneuerung nahe steht, und jener evangelikale Pastor aus Caserta, Giovanni Traettino, der Freund des Papstes.

Ist also Franziskus der Papst, der wesentlich dazu beiträgt, dass sich die Vision des amerikanischen Journalisten John L. Allen erfüllt? Die charismatische Bewegung ist den meisten Europäern immer noch fremd, sie ist vor allem in der südlichen Hälfte des Globus verbreitet. Aber auch im Norden gibt es deutliche Anzeichen: In der zweiten Hälfte des Pontifikats von Johannes paul II. ist eine Jugendbewegung gewachsen, die etwa in den großen Weltjugendtagen ihren Ausdruck fand – und dann nach Rom strömte, als der polnische Papst starb. Über vier Millionen meist junge Menschen drängten sich rund um den Petersplatz, als die Nachricht von seinem Tod die Runde machte. Noch bei der Beerdigung von Paul VI. war der Petersplatz halb leer gewesen. Was war geschehen?

Träger dieser anwachsenden Bewegung waren meist nicht die klassischen Strukturen der kirchlichen Jugendarbeit gewesen, sondern junge geistliche Gemeinschaften, die so genannten Bewegungen und durchaus auch charismatisch inspirierte Gruppierungen. Die ökumenische Jugendarbeit von Taizé war aufgeblüht. Viele jugendliche Pilger hatten in Medjugorje zum Glauben oder einer geistlichen Berufung gefunden. Im Papst sahen sie alle eine Vaterfigur.

Charismatische Elemente prägen die Form eines neuen Aufbruchs unter jungen Christen

Vor allem in traditionellen katholischen Kreisen ist auch Skepsis gegenüber den jungen geistlichen Bewegungen und Gemeinschaften zu hören, ja selbst Medjugorje und Taizé sind manchem suspekt. Diese jüngeren Gründungen mögen ihre Kinderkrankheiten haben oder nicht in das Konzept der kirchenamtlichen Pfarr- und Jugendarbeiten passen, aber sie haben alle etwas gemeinsam: Sie helfen jungen Leuten, sich – etwas spröde ausgedrückt – kirchlich zu „sozialisieren“: mit den Sakramenten zu leben sowie Gebetszeiten, Werke der Barmherzigkeit und Wallfahrten zu einem Bestandteil ihres Lebens zu machen. Damit ersetzen sie oft die, denen früher diese Formung zukam: das Elternhaus, den Religionsunterricht, die heimische Pfarrei. Auch viele evangelikale und charismatische Elemente prägen diese Form eines neuen Aufbruchs unter jungen Christen. Sicher ist: Die Einschätzung des Amerikaners Allen hat sich im letzten Jahrzehnt durchaus bewahrheitet – und Papst Franziskus ist einer der ersten, die diese Entwicklung stärken und fördern.

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