Vier Jahre Franziskus: Der Papst der Reformen?

Vier Jahre Papst Franziskus. Zu diesem kleinen und nicht gerade runden Amtsjubiläum des ersten Jesuitenpapstes hat es doch zahlreiche Reaktionen gegeben. Sogar Außenminister Rex Tillerson hat im Namen von Donald Trump und dem Volk der Vereinigten Staaten Glückwünsche geschickt. Ganz zu schweigen von Bischöfen und Kardinälen, die Franziskus besonders nahe stehen und sich in diesen Tagen in Interviews oder Kommentaren zur Wahl Jorge Mario Bergoglios am 13. März 2013 geäußert haben. In höchsten Tönen natürlich.

Ob das bei Benedikt XVI. am 19. April 2009, vier Jahre nach seinem ersten Auftritt auf der Loggia des Petersdoms, auch der Fall war, weiß ich nicht mehr. Was ich aber noch sehr gut weiß, ist, dass sich damals pechschwarze Wolken über dem Pontifikat des deutschen Papstes zusammenbrauten. Die Aufhebung der Exkommunikation der vier Lefebvre-Bischöfe, darunter des Holocausts-Leugner Williamson, war in der Öffentlichkeit gründlich missverstanden worden – auch weil der Vatikan es sträflicher Weise unterlassen hatte, diesen Akt angemessen nach außen zu kommunizieren. Eine Welle der Empörung schlug damals über Papst Benedikt zusammen, so als hätte er jemanden rehabilitiert, der den Holocaust verharmlost. In seinem außergewöhnlichen Brief vom 10. März 2009 an den Weltepiskopat, in dem er die „Panne“ um den Fall Williamson bedauerte, sprach er dann auch von seiner Betrübnis darüber, „dass auch Katholiken, die es eigentlich besser wissen konnten, mit sprungbereiter Feindseligkeit auf mich einschlagen zu müssen glaubten“. Dann kam 2010, das „annus horribilis“, das schreckliche Jahr für Papst und Kirche, in dem der Missbrauchsskandal für einen Medien-Hype sorgte, der dem Ansehen der Kirche nachhaltig geschadet hat.

Die „Welt“ scheint sich mit dem Papsttum ausgesöhnt zu haben.

Von dieser „sprungbereiten Feindseligkeit“, die Papst Benedikt damals beklagte, ist in der breiten Öffentlichkeit gegenüber Franziskus nichts zu spüren. Ganz im Gegenteil. Der Lateinamerikaner auf dem Petrusstuhl hat für ein ganz neues Klima gesorgt, in dem man „Rom“ nicht laufend verteidigen muss. Auch in Deutschland scheint der dort so eingebürgerte „antirömische Affekt“ wie weggeblasen zu sein. Stattdessen pilgern nicht zuletzt die Politiker zu ihm. Am 24. März etwa empfängt Franziskus die europäischen Staats- und Regierungschefs, die in Rom einen Tag später den sechzigsten Jahrestag der Unterzeichnung der römischen Verträge feiern. Die „Welt“ scheint sich mit dem Papsttum ausgesöhnt zu haben. Aber wichtiger sind wohl die einfachen Leute. Sie sehen in Franziskus einen der ihren und schätzen seine einfachen Gesten der Zuneigung: gegenüber Älteren und Kranken, gegenüber Flüchtlingen und Armen. Der Papst, der ein steifes Protokoll und einen höfischen Stil nicht mag, kommt bei den Leuten an und wird überall da, wo er erscheint, mit Begeisterung begrüßt.

Vier Jahre Franziskus und die Frage lautet, ob es auch einen „Franziskus-Effekt“ gegeben hat:

Werden die Kirchen wieder voller, entscheiden sich mehr junge Menschen für eine geistliche Berufung, haben die Beichtväter wieder mehr zu tun, fangen Menschen wieder an zu beten, die einst damit aufgehört haben, oder wächst der Zusammenhalt in christlichen Gemeinden und Familien? Zumindest im deutschsprachigen Raum – das gilt aber auch für Italien und vielleicht für ganz Europa – ist dieser geistige Ruck wohl ausgeblieben. Zu sehr bemühen die Medien – aber auch Stimmen im kirchlichen Raum – das Bild eines Reform-Papstes, der es den „Kräften der Beharrung“ in Kirche und Kurie mal zeigt und „endlich“ frischen Wind in die Catholica bringt: Verzeihende Barmherzigkeit statt hartherziger Verbotsmoral, Lockerungen beim Zölibat und der Sakramentenpastoral (wiederverheiratete Geschiedene), Annäherung an den Diakonat der Frau, mehr Mitbestimmung in den Ortskirchen statt römischem Zentralismus, Armut und Bescheidenheit im Vatikan statt Luxus und Prasserei der Kardinäle. Zu diesem Bild passt es dann auch, dass man genüsslich auf die „konservativen Kritiker“ verweist, die – wie zum Beispiel die vier Kardinäle mit ihren „dubia“, ihren „Zweifeln an „Amoris laetitia“ – erschrocken bemüht sind, jeden von Franziskus abgeschnittenen alten Zopf wieder anzukleben.

Das ist ein Zerrbild, das nicht der Wirklichkeit entspricht. Ein Zerrbild, das zudem eben nicht geeignet ist, eine Renaissance des Glaubens und der kirchlichen Praxis einzuleiten, sondern Kirche nur als Schauplatz eines Machtkampfes beschreibt, bei dessen Betrachtung sich man gemütlich zurücklehnt ohne sich im Geringsten motiviert zu fühlen, persönlich im Glaubensleben zu wachsen. Wie oft hat Franziskus im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit dazu eingeladen, mit einer guten Beichte den Weg zurück zu Gott wieder aufzunehmen. Doch wer Franziskus nur als Reformer-Papst sehen will, der alte Strukturen aufbricht und innerkirchliche Elfenbeintürme schleifen will, kommt eben nicht auf die Idee, sich ganz persönlich von der Verkündigung des Papstes packen zu lassen.

Guido Horst, Rom

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