Ostern in Moll

Ein eher sorgenvoller Papst hat zum Fest der Auferstehung viel geklagt und gemahnt – Eindrücke von den Osterfeiern in Rom

Will man das Osterfest 2017 in Rom in wenigen Worten zusammenfassen, kann man es wohl kaum als fröhliche Feier der Auferstehung Jesu Christi schildern. Nein, ehrlich gesagt standen eher Moll-Töne im Vordergrund. Papst Franziskus hat viel geklagt, gemahnt und verurteilt. Gut, dass er am Abend des Karfreitags viel von der Schande sprach, die die Ungerechtigkeiten dieser Welt und die Skandale in der Kirche vor Gottes Augen seien, mag auch diesem Tag geschuldet gewesen sein, der dem Andenken an die Kreuzigung und den grausamen Tod des Gottessohns gewidmet ist. 

Gewitterwolken in Rom (Foto: Natalie Nordio)

Aber selbst in der Osternacht sprach der Papst zunächst nur über Schmerzen – ausgehend von Trostlosigkeiten der beiden Frauen, die am Morgen nach der Auferstehung zum Grabe Jesu gingen. „Und wenn wir uns in unserer Vorstellung ein wenig anstrengen“, fuhr er fort, „dann können wir im Gesicht dieser Frauen das Gesicht vieler Mütter und Großmütter, das Gesicht von Kindern und Jugendlichen finden, welche die Last und den Schmerz so unmenschlicher Ungerechtigkeit ertragen.“ Weiter sprach Franziskus vom „Schmerz des Elends, der Ausbeutung und des Menschenhandels“ in der Gesellschaft,  er beklagte „Einsamkeit und Verwahrlosung“, Korruption und die „unter einer lähmenden und unnützen Bürokratie“ begrabenen Hoffnungen. In ihrem Schmerz hätten die Frauen am Grab das Gesicht all jener gezeigt, die heute „in der Gesellschaft die menschliche Würde gekreuzigt sehen. In den Gesichtern dieser Frauen sind viele Gesichter, vielleicht finden wir auch das deine und das meine.“

Und selbst in der Ostermesse am Sonntag auf dem Petersplatz sah Franziskus traurig aus. Lag es an den im Vergleich zu den Vorjahren wenigen Menschen, die sich zu Beginn des Gottesdienstes eingefunden hatten? Am Ende, zum Segen „Urbi et Orbi“, war der Platz zwischen den Kolonnaden dann ganz gut gefüllt. Aber bereits am nächsten Tag, zum Gebet des „Regina coeli“, sah es wieder so aus, als hätte sich nur das Laufpublikum, das sowieso den Petersplatz täglich füllt, zu dieser Verabredung mit dem Papst begeben.

Selbst am Ostersonntag wollte Franziskus nicht freudig aussehen. Bei der Messe vor dem Segen „Urbi et Orbi“ gibt es normalerweise keine Predigt, stattdessen richten die Päpste anschließend ihre Osterbotschaft an die Welt. Franziskus wich zum ersten Mal von dieser Regel ab und predigte frei – eine kurze Meditation mit seinen ganz persönlichen Gedanken, wie er es bei der Morgenmesse in der Kapelle des Gästehauses Santa Marta tut. Und der Papst sprach wieder die Ungerechtigkeiten der Welt an, die einen an Gott zweifeln lassen könnten: Krankheiten, Menschenhandel, Kriege und Gewalttaten.

Gestern, am Karsamstag, habe er einen jungen Mann angerufen, der an einer schweren Krankheit leide, erzählte der Papst in der improvisierten Ansprache weiter. Er habe diesem ein Zeichen des Glaubens geben wollen und ihm gesagt: „Es gibt keine Erklärungen für das, was dir passiert. Sieh auf Jesus am Kreuz. Gott hat das mit seinem Sohn gemacht, und es gibt keine andere Erklärung.“ Aber der junge Mann habe geantwortet: ,Ja, aber Gott hat seinen Sohn gefragt, und der Sohn hat ja gesagt. Ich bin nicht gefragt worden, ob ich das wolle.“ Das sei berührend, meinte Franziskus weiter, niemand werde von Gott gefragt: „Bist du froh darüber, was in der Welt passiert? Bist du bereit dazu, dieses Kreuz zu tragen?“ Dennoch, so fuhr der Papst fort, wiederhole die Kirche an diesem heuten Tag: „Halte inne, der Herr ist auferstanden!“ Dies sei jedoch kein Fest mit vielen Blumen, die seien zwar schön, doch hier gehe es um weit mehr. Es sei das „Geheimnis des verworfenen Steins“, der zum Eckstein unserer gesamten Existenz werde, meinte Franziskus mit Blick auf den Antwortpsalm zwischen den Lesungen. „In dieser Wegwerfkultur, wo das, das nichts nützt, den Weg der Einwegware nimmt, wo das, das nicht nützt, weggeworfen wird, da wird dieser Stein – Jesus – verworfen und ist Quell des Lebens. Und auch wir, Steinchen auf der Erde, auf dieser Erde voller Schmerz umd Tragödien, haben mit dem Glauben an den auferstandenen Jesus einen Sinn, inmitten so vieler Unglücke.“ Das sei vielleicht die einzige mögliche Antwort auf so viele Ungerechtigkeiten: Der verworfene Stein sei nicht wirklich verworfen. Er lade alle dazu ein, sagte der Papst abschließend, „vor sich und im Herzen die Worte zu wiederholen, auf die unser Glauben baut: Christus ist auferstanden“.

So also war das Osterfest mit dem Papst, der auch in seiner Botschaft an die Nationen vor dem großen apostolischen Segen am Sonntag von den Konflikten und der Friedlosigkeit von heute sprach – aber das hat Tradition. Der Eindruck nach dem österlichen Triduum blieb haften, dass Franziskus an dem augenblicklichen Zustand der Welt leidet. Über hundertzwanzig Tote bei einem Bombenanschlag auf einen Buskonvoi mit Flüchtlingen im Norden Syriens, unter den Opfern sehr viele Kinder. Ein drohender nuklearer Schlagabtausch zwischen Nord-Korea und den Vereinigten Staaten. Nein, Ostern fand in diesem Jahr nicht vor einer friedlichen und harmonischen Kulisse statt. Auch nicht in Rom, auch nicht mit Papst Franziskus. Warum soll man aus der Ewigen Stadt Jubelberichte absetzen, wenn es offenbar nichts zum Jubeln gibt? Franziskus hat auch über die Freude der Auferstehung gesprochen. Aber die Sorgen und Klagen überwogen. Ein Menetekel?

Guido Horst, Rom

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