Fatima, ein Stachel im Fleisch

Gedanken zum Abschluss des Fatima-Jahres von Guido Horst 

Das Fatima-Jahr ist zu Ende. Viele Katholiken, auch im deutschen Sprachraum, haben es bewusst begangen, vielleicht sogar mit einem Besuch in dem portugiesischen Heiligtum, das für alle Zeiten den Ort festhält, an dem vor hundert Jahren die Mutter Gottes drei Hirtenkindern erschien. An der großen Masse ist dieses Marien-Jahr aber vorbei gegangen. Zu unwahrscheinlich klingt das, was dort – mitten in einer finsteren Zeit für Europa – geschehen sein soll. Allein der Abschluss, das so genannte Sonnenwunder am 13. Oktober 1917: Menschen aus allen Teilen Portugals waren gekommen, Neugierige, Geistliche, Bauern, Journalisten und selbst offene Kirchengegner, die meinten, es werde ein Leichtes sein, die Erscheinungen als Schwindel zu entlarven. Doch selbst sie gingen in die Knie. 

Den ganzen Vormittag strömte der Regen. Um die Mittagszeit besserte sich plötzlich das Wetter, die dichte Masse der Wolken brach auseinander und die Sonne erschien im Zenit wie eine silberglänzende Scheibe. Sie begann sich rasend zu drehen wie ein Feuerrad, nach allen Seiten warf sie Lichtflammen und Feuergarben in den Farben des Regenbogens aus. Danach stand sie wieder still, um das gewaltige Schauspiel ein zweites und drittes Mal zu wiederholen. Plötzlich schien sie sich vom Himmel zu lösen und auf die Erde zu stürzen, was einen tausendstimmigen Schreckensschrei unter den Anwesenden auslöste. 

Als die Sonne nach etwa zehn Minuten wieder an ihren Platz zurückgekehrt war,

zeigte sich als unmittelbare äußerliche Wirkung, dass die völlig durchnässten Kleider der Menschen danach trocken waren. Gläubiges Staunen und jubelnde Begeisterungen erfasste so manchen in der Menge. Ein himmlisches Zeichen oder Massensuggestion?

Viele zweifeln heute an den Berichten von damals, auch von den Begegnungen der Kinder mit dem Schutzengel Portugals und den monatlichen Erscheinungen der himmlischen Dame vom Mai bis Oktober 1917. Und die Kirche scheint generell beim Thema Marienerscheinungen diese Skepsis sogar zu teilen. Zumindest ist sie streng und prüft jede angebliche Erscheinung sehr genau. So hat die rigorose Haltung der Kirche gegenüber jeder Form von Marienerscheinungen dazu geführt, dass allein in den vergangenen siebzig Jahren 210 solcher Erscheinungen kirchenamtlich untersucht, allerdings nicht bestätigt wurden. Medjugorje als der jüngste große Erscheinungsort muss immer er noch auf ein kirchliches Placet warten. Und ob das überhaupt kommt, ist ungewiss. Bereits der heilige Augustinus hat sich Visionen gegenüber sehr zurückhaltend geäußert, und der große Theologe des Mittelalters, Thomas von Aquin, meinte zu Prophetien und anderen mystischen Gnadengaben, dass sie zwar das sittliche und religiöse Leben der Gläubigen beflügeln könnten, aber der Offenbarung nichts hinzufügen würden. Und die Lektüre von moderneren Büchern und Aufsätzen zum Thema Marienerscheinungen kann bisweilen sogar den Eindruck erwecken, die Theologen und selbst die kirchlichen Autoritäten wären froh, wenn es solche Phänomene gar nicht gäbe, der kirchlichen Glaubenslehre geschähe damit kein Abbruch.

Andererseits ist die Kirche auch sehr pragmatisch. Wenn an Orten, die durch eine Marienerscheinung bekannt geworden und an denen Wallfahrten und religiöse Kulte entstanden sind, nichts geschieht, was dem Glauben und der kirchlichen Praxis widerspricht, sehen die kirchlichen Autoritäten keinen Grund, hier eine besondere Verehrung Mariens zu untersagen. Allerdings legt sie auch niemandem auf, an Marienerscheinungen zu glauben. Selbst dann, wenn sie gar nicht weit zurückliegen (wie zum Beispiel La Salette 1846, Lourdes 1858 und dann eben Fatima 1917), hervorragend dokumentiert sind und selbst dem hartgesottensten Agnostiker zu denken geben müssten – wenn er sich nur darauf einließe.

Mit dem Aufruf Mariens zu Gebet, Umkehr und Buße,

wie ihn die Seherkinder der Kirche und den Gläubigen weitergegeben haben, hat Fatima auch eine inhaltliche Botschaft. Darüber hinaus aber sind der Gnadenort und das dort Geschehene wie alle von der Kirche anerkannten Marienerscheinungen ein Stachel im Fleisch eines rein rationalistischen Denkens. Es stellt ein Grunddogma der aufklärerischen Vernunft dar, dass alles, was ein religiöser Mensch dem Jenseits zuordnet – Gott, einen Sohn Gottes, eine himmlische Mutter, Engel und Heiligen – nie und nimmer die materielle Welt und die irdische Geschichte der Menschen berührt. Es ist Grundgesetz, das die geistige Elite der westlichen Welt seit über zweihundert Jahren dominiert. Es ist das Tabu, das jede liberale Philosophie wie auch ihre materialistischen Erben – sowohl die linken wie die rechten Ideologien – verkündeten, und das auch heute noch, in den Zeiten der Indifferenz und des Relativismus, in denen alles gleich gültig und damit gleichgültig ist, als fundamentalistisch und suspekt erscheint. Wer dieses Tabu demonstrativ und in aller Öffentlichkeit brach, landete bei den Jakobinern auf dem Schafott, bei den Faschisten im Konzentrationslager, bei den Kommunisten im Gulag – und wird heute misstrauisch belächelt. Aber könnte es nicht auch sein, dass die aufgeklärt Lächelnden ihrerseits von Gott belächelt werden. Gut, dass Fatima ein Stachel im Fleisch der Rationalisten bleibt. 

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