Gemeinschaftsblog

In unserem Blog erzählen über 20 Blogger/innen aus der Diözese Augsburg und
über die Bistumsgrenzen hinaus, was sie im (Glaubens-) Alltag erleben.

Blogbeiträge

Verfasst am 06. Februar 2018Dekan Ludwig Waldmüller

Zwei Begegnungen mit Fr. James Mallon

Selten passiert es, dass man jemandem zum ersten Mal begegnet und sofort nach der ersten förmlichen Vorstellung tief in ein Gespräch verwickelt ist. So ging es mir am Nachmittag des Fests der Taufe des Herrn: In den Räumen einer kirchlichen Beratungsfirma in München traf ich James Mallon, Pfarrer aus Halifax in Kanada. Wir beide waren uns auf Anhieb sympathisch – und sofort waren wir in einem intensiven Austausch über unseren Dienst. Über unsere Pfarreien. Über das, was wir täglich tun. Nun ja, irgendwie hatte ich ja auch das Gefühl, ihn schon ein bisschen zu kennen, denn gerade eben hatte ich sein Buch „Divine Renovation. Wenn Gott sein Haus renoviert“ mit großem Interesse gelesen. Und jetzt standen wir also mit einem Glas in der Hand da und unterhielten uns. Es ist begeisternd und erschreckend zugleich, wenn man mitbekommt, dass die Probleme und schwierigen Erfahrungen im Leben eines Pfarrers diesseits wie jenseits des Großen Teichs sehr ähnlich sind. Und sehr erfreulich, dass wir Pfarrer uns über genau dieselben Dinge, Aufbrüche und Erlebnisse freuen. Weltkirche einmal auf einer ganz anderen Ebene, dachte ich mir. So auf Pfarreiebene.

Nach dem gemeinsamen Mittagessen und dem ständigen Gespräch ging’s dann in einen Vortrag: James sprach bei dieser Beratungsfirma vor einem guten Dutzend Personen – und am nächsten Morgen traf ich ihn in der Augsburger Kirche Sankt Georg wieder, wo dann mehrere Hundert Personen saßen und ihm zuhörten. Beide Male sprach er über dasselbe Thema. Erneuerung der Kirche, Erneuerung der Pfarrei aus der Begegnung mit Christus, Alpha-Kurse waren das Thema. Der Alltag in den Pfarreien. Die Belastung der Mitarbeitenden. Und: der neue Aufbruch in seiner Pfarrei. Man könnte so viel erzählen, aber mir gehen einfach ein paar Gedanken nicht aus dem Kopf, die mich seitdem wirklich beschäftigen: Da ist die Aussage, dass die Krise in der Kirche zwar von denen gesehen werde, die die Verantwortung tragen, aber nicht von den Pfarreien selbst. Das hat mir zu denken gegeben. Es stimmt aber auf erstaunliche Weise: Während man allenthalben von einer Krise der Kirche spricht, schreibt und redet, und das so ziemlich alle auch deutlich sagen würden über die Kirche als Ganze, ist doch bei vielen Menschen, die zur angestammten „Klientel“ unserer Pfarreien gehören, das Gefühl vorherrschend: Das mag überall ein Problem sein, aber doch nicht in unserer Pfarrei! Bei uns wird doch alles noch so gemacht wie schon immer. Vielleicht steckt da eine ganz große Versuchung, die Sache für sich selbst einfach schönzureden, weil die Wahrnehmung all dessen, was nicht funktioniert, viel zu schmerzhaft wäre. James sprach davon, dass aus einer Bewegung, die einmal aus Pionieren bestand, irgendwann ein Museum werde, das nur noch Leute braucht, die bewahren – bis es schließlich zu einem Mausoleum werde, in dem dann Palliativpersonal gerade noch gebraucht würde. Oder anders: Wer nicht merkt, dass vieles in der eigenen Gemeinde museal wird, wird auch nicht merken, wenn es langsam, aber sicher (oder auch schnell…) abstirbt. 

Wer nicht merkt, dass vieles in der eigenen Gemeinde museal wird,
wird auch nicht merken, wenn es langsam, aber sicher (oder auch schnell…) abstirbt.
Bild: Abbruch der Kirche St-Sauveur in Montréal, Kanada, 2011. Philippe Du Berger, flickr.com, CC BY 2.0, bearbeitet.

Wir dürfen, ja, wollen nicht irrelevant werden – auch das schwirrt mir seitdem durch den Kopf: Wir müssen etwas an unserer Art der Verkündigung und des Gemeindeseins verändern, um bei den Menschen um uns herum eine Bedeutung zu haben. Oder besser: damit Jesus bei den Menschen um uns herum eine Bedeutung hat!

Mission versus Methode – auch das ist für mich so ein Schlagwort. Wo wir immer in den alten Methoden steckenbleiben, die heute vielleicht gar nicht mehr greifen, kann unsere Sendung zu den Menschen nicht klappen. Wir müssen die Sendung unserer Pfarreien unbedingt wiederentdecken.

Wollen Sie noch ein Schlagwort? Mission versus Infrastruktur! Wo eine überkommene Struktur die Sendung verhindert oder auch nur verlangsamt, da kann kein gutes Ergebnis herauskommen.

Es gäbe so viel zu erzählen, bei dem ich innerlich einfach nur nickte oder mir dachte: „Da ist eine Erkenntnis einfach klasse formuliert, das stimmt!“ Ständig beschäftigt mich etwas Neues.

Aber was mich am meisten frappiert hat, ist meine Rolle dabei: Wir Pfarrer, und da war James ganz klar, müssen die sein, die eine Vision für die Pfarrei, ihre Sendung und damit ihre Zukunft haben und sie auch immer wieder weitergeben. Davon reden. Darüber predigen. In die Richtung vorangehen. Die eine Vision pflegen. 

Vielleicht ist es das: Damit wir nicht irrelevant werden, muss ich als Pfarrer zum Visionär werden … I have a dream, wie es Martin Luther King einmal sagte, ich habe einen Traum. Und den hab ich ja wirklich!