Gemeinschaftsblog

In unserem Blog erzählen über 20 Blogger/innen aus der Diözese Augsburg und
über die Bistumsgrenzen hinaus, was sie im (Glaubens-) Alltag erleben.

Blogbeiträge

Verfasst am 27. Oktober 2017Dekan Ludwig Waldmüller
Bild: Lloyd Morgan, flickr.com, CC BY-SA 2.0, bearbeitet.

Tequila – dieses Wort erinnerte mich bisher nur an Partys in meiner Jugendzeit, wo man ein Stamperl Klaren (eben Tequila, in meiner Erinnerung war das auch eher nicht so ganz schmackhaft) in die eine Hand nahm, Salz auf die andere, dann das ableckte, in eine Zitronenscheibe biss und den Schnaps hinunterkippte. Aber: Seit dem 1. September hat das Wort für mich eine ganz neue, geistliche Bedeutung. Und das kam so:

Ich war mit einer Reisegruppe in Mexiko auf einer Pilgerreise zu den Heiligtümern Mexikos unterwegs. Wir waren schon im größten Marienwallfahrtsort der Welt, in Guadelupe, gewesen, an anderen Orten genauso – und heute ging es nach Tequila. So nämlich heißt der Ort, aus dem der weltbekannte Agavenbrand stammt. In unserer Gruppe waren wir mehrere Priester, und auch der Bischof von Regensburg war mit dabei. Wie jeden Tag hatten wir auch heute vor, eine Messe zu feiern, und zwar in der Pfarrkirche von Tequila. Soweit so gut. Wie gewohnt gingen wir in die Sakristei, bereiteten uns auf die Messe vor, zogen unsere Gewänder an – bis eine Dame auf mich zukam, die augenscheinlich die Pfarrsekretärin von Tequila war. Ob wir denn die Messintentionen des heutigen Tags mit in die Messe hineinnehmen könnten, fragte sie mich. Ich sagte ihr, dass das natürlich kein Problem sei – und sie zeigte mir einen Zettel, auf dem zwei Namen standen, und außerdem „Divina Providencia“ und der Name eines Kollegs. Ich fragte sie, was es denn mit diesem Kolleg auf sich habe – und sie meinte, ja, die kämen natürlich heute. „Wie? Die Schülerinnen und Schüler?“ Natürlich sei das so, antwortete sie mir auf meine verwunderte Frage. Und, fragte ich weiter, Divina Providencia, Göttliche Vorsehung, das sei heute zu feiern? Ja, meinte sie, das sei an jedem ersten eines Monats so. Moment! Ich ging schnell aus der Sakristeitüre und warf einen Blick in die Kirche: Sie war randvoll mit Schülerinnen und Schülern in Schuluniformen und anderen Menschen aus der Stadt. Die Leute saßen nicht nur in den Bänken, sondern standen auch ringsherum. Randvoll – und alles Menschen, die eben in der Stadt lebten. Ich spurtete also zurück zu Bischof Rudolf und sagte ihm, was ich gerade erfahren hatte. Der Bischof runzelte die Stirn und sagte, nicht weniger überrascht als ich, zu mir: „Ich bin ja gerne spontan – aber ich kann halt doch gar kein Spanisch!“ Tja. Da standen wir nun.

Bild: Miriam Salgado Rivera, commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0, bearbeitet.

Es war bereits nach zwölf, und wir mussten mit der Messe beginnen. Und diese sollte zu einer der eindrücklichsten meines Lebens werden. Als ich nach dem deutschen liturgischen Gruß des Bischofs die Leute auf Spanisch begrüßte, brandete spontan Applaus in der Kirche auf. Wir feierten die Messe auf Deutsch – mit einer kreativ ins Spanische gedolmetschten Predigt des Bischofs –, und man merkte mit einem Mal gar nichts mehr von Sprachgrenzen oder sonst etwas. Wir waren mit einem Mal eine große Familie, Christen, die gemeinsam vor ihrem Herrn stehen. Nach den Fürbitten sagte die Lektorin, die neben mir stand, zu mir: „Dürfen wir jetzt das Offertorio machen?“ Und da ich das für eine Frage nach der Gabenbereitung hielt, sagte ich natürlich sofort ja. Aber was geschah? Vier Schüler brachten zwei riesengroße Körbe voller Süßigkeiten und anderer abgepackter Lebensmittel nach vorne, die augenscheinlich von den Pausebroten der Schüler selbst abgespart worden waren. Und mit einem Mal stand die halbe Kirche auf und brachte in Tüten verpackt weitere Lebensmittel nach vorn, die sie zu den Körben vor den Altar legten. Auf meine verwunderte Frage, was das bedeute, erklärte mir die Lektorin: „Das ist für die Armen; das sammeln wir an jedem ersten Tag eines Monats.“ Gerade diese Geste machte den Gottesdienst noch viel intensiver und eindrücklicher.

Ich habe unwillkürlich an unsere Bemühungen zu Hause denken müssen und an die Diskussionen, die wir über Rebuilt, über Willkommenskultur in den Pfarreien und die Konzentration auf das Wesentliche unseres Christseins führen. Hier in Tequila habe ich erlebt, wie Gemeinde lebt und wie intensiv Christsein lebendig und ins Leben eingegangen ist. Es war unbeschreiblich, und ich hatte wirklich Tränen in den Augen. Gerne denke ich an diese Szene zurück. Oder, wie ich es einmal auf einer Postkarte gelesen habe: „Wenn dir das Leben eine Zitrone gibt, frag nach Salz und Tequila.“ Das gilt wahrscheinlich auch für alles Saure in der Alltäglichkeit des Pfarrlebens. Echter Tequila schmeckt übriges hervorragend!

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