Gemeinschaftsblog

In unserem Blog erzählen über 20 Blogger/innen aus der Diözese Augsburg und
über die Bistumsgrenzen hinaus, was sie im (Glaubens-) Alltag erleben.

Blogbeiträge

Verfasst am 13. September 2017Roland Kiechle

... oder: The tide is high but I’m holdin’ on.

Ebbe und Flut, Nipptiden, mittleres Springhochwasser, Gezeiten … Schon mal gehört? Ich hab das bestimmt irgendwann einmal in Physik (oder war es HSK?) gelernt. Aber um ehrlich zu sein: Wirklich verstehen konnte ich nicht, was jetzt die komische Erdrotation mit der Stellung des Mondes und der Verschiebung der riesigen Wassermassen der Ozeane zu tun haben soll. Und ich muss gestehen: Es hat mich auch nicht näher interessiert. Am Öschlesee im Allgäu gab es sowas ja schließlich nicht. Wobei … Eines war an der ganzen Geschichte interessant. Gezeitenkraftwerke! Unglaubliche Mengen an Strom können gewonnen werden, wenn genau dieser Effekt von Ebbe und Flut intelligent genutzt wird.

Kathedrale von St. Davids (900 Jahre alt). Das Kloster wurde vom walisischen Nationalheiligen im 6. Jahrhundert gegründet. Bild: Roland Kiechle.

Vor ein paar Wochen war ich im Urlaub. Das Ziel war Wales – mal nicht Italien, Kroatien oder Spanien. Zuerst fragte ich mich schon, was sich meine beiden Mitstreiter da wohl gedacht hatten, als sie sich dieses Land für unsere gemeinsame Reise ausgesucht hatten. Aber Wales hat wirklich etwas zu bieten, nicht nur Nebel. Atemberaubende Küsten mit wunderbaren Wanderwegen entlang der Klippen, uralte Klosteranlagen und natürlich jeden Tag: typical full English breakfast. Ob das jetzt schmeckte oder nicht: Ich hab es durchgezogen.

Und dann begegnete mir auf dieser Reise immer wieder das aus der Schule irgendwo hängengebliebene Phänomen: Ebbe und Flut. Und damit meine ich: EBBE und FLUT. Die Unterschiede der dortigen Wasserstände zählen zu den größten der ganzen Welt. In der Hauptstadt Cardiff, wo die maximale Differenz bei über zehn Metern liegt, wurde vor wenigen Jahren für 200 Mio. £ eine künstliche Bucht gebaut, um stabilere Wasserstände zu garantieren. Wo wir an anderer Stelle in einer traumhaften Bucht gerade noch gemütlich im feinen Sand am Strand gelegen waren, peitschten wenige Stunden später die Wellen gegen die Felsen. Und zogen sich dann wieder zurück. So geht das dort. Seit Jahrhunderten und Jahrtausenden … Wasser, kein Wasser, Wasser, kein Wasser, Wasser. Und dann wieder keins.

Eine Bucht bei Ebbe. An den Felsen rechts sieht man, dass das Wasser schon höher stand. Bild: Roland Kiechle.

Ich kenne das aus meinem Leben. Mal ist Ebbe, mal ist Flut. Auch in meinem Alltag hört es irgendwie nicht auf mit der Abwechslung. Beim Beichten merke ich, dass ich immer wieder über die gleichen Dinge stolpere. Auf der anderen Seite kann ich mich doch auch jedes Mal neu freuen, wenn etwas immer wieder gut läuft und es in meinem Leben vorwärtsgeht. Wobei die nächste „Ebbe“ dann bestimmt nicht auf sich warten lässt. Aber danach geht es auch wieder bergauf. Besonders deutlich sehe ich das in meinem Gebetsleben, wo es zu gewissen Zeiten ganz leicht ist, mit Gott ins Gespräch zu kommen. Aber es kann gut sein, dass ich mich wenig später schon wieder fast dazu überwinden muss, meine Gebetszeit einzuhalten und das Gefühl habe, dass ein Störsender meine Verbindung zu Gott blockiert. Auf und Ab, ohne Ende! Ohne Ende?

Am Strand von Wales machte ich eine ganz interessante Entdeckung. An einigen Stellen hinterlässt das Wasser beim Zurückweichen eine ziemlich eklige, von Algen übersäte Schlammmasse. Andererseits gibt es große Bereiche, wo das Wasser den Sand feingespült zu haben scheint, sodass man sich bei dem hellen, sauberen Strand wie an der Karibik fühlt... Ist das nicht auch bei mir so? Es gibt Krisen, die dafür sorgen, dass der ganze Dreck, der sich in mir angestaut hat, zutage tritt. Das kann ebenfalls einigermaßen eklig und definitiv unangenehm sein. Und gleichzeitig weiß ich nach manchen schwierigen Situationen, dass sie nicht umsonst waren und meinen inneren Sand quasi durchgesiebt und feingespült haben. Oft sehe ich das allerdings erst, wenn ich einen Schritt zurückgehe. Wenn ich mal die Luft rausnehme, wenn ich die Ebbe kommen lasse und mich nicht darüber beschwere.

Caldey Island an der Südküste von Wales. Bild: Johannes Prestele.

Ich glaube, dass über all dem – also sowohl den realen Wassermassen an der Küste von Wales als auch den Wellen in meinem Leben – Gottes Hand erhoben ist. Manchmal gebietet sie dem Sturm, zu weichen, manchmal lässt sie ihn zu. Es ist zwar eine oft ganz mühsame Abwechslung, aber in dieser doch regelmäßigen Abfolge von Hochs und Tiefs zeigt sich dann schon wieder etwas: eine Konstanz. Es ist die Konstanz Gottes. Vielleicht auch seine Geduld mit mir? Man kann sich ewig die Frage stellen, warum das so sein muss. Warum gibt es nicht immer nur Hoch-Zeiten? Warum immer dieses Auf und Ab? Warum hört es nicht auf? Warum legt es sich nicht allmählich – und wieder: Warum muss das überhaupt sein? Man kann sich die zermürbende Frage nach dem „Warum“ sein ganzes Leben lang stellen und daran vielleicht verzweifeln. Oder man kann Gezeitenkraftwerke bauen.

Kommentar(e)