Gemeinschaftsblog

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Blogbeiträge

Verfasst am 11. Juli 2017Dekan Ludwig Waldmüller

Oder: Der Blick auf allzu Alltägliches

Offene Augen – das war das Prinzip, nach dem wir vor wenigen Tagen mit dem Ortsausschuss des Pfarrgemeinderats und der Kirchenverwaltung durch unsere Kirche Christi Auferstehung gingen. Als Pfarreiengemeinschaft haben wir uns das Thema der Willkommenskultur auf die Agenda gesetzt. Wir möchten dafür sorgen, dass sich Menschen in unseren Kirchen, bei unseren Veranstaltungen, in unseren Gottesdiensten… willkommen fühlen. Und da war dieses Mal Lokaltermin angesagt: Gemeinsam gingen wir durch die Kirche und schauten uns Schritt für Schritt die ganzen Details des Kirchenraums an. Meine Güte, was einem da alles auffällt! (Übrigens auch bei ähnlichen Terminen in anderen Kirchen unserer PG…)

Der Schriftenstand, auf dem Flyer und andere Druckwerke liegen, deren Drucklegung kurz nach der Zeit der Erfindung des Buchdrucks gewesen sein muss – und die zu Veranstaltungen einladen, die schon lange der Geschichte zuzurechnen sind. Da gibt es Weihwasserbecken, in die man eigentlich nicht freiwillig die Hand stecken möchte, weil sie Kalk und sogar irgendwelche grünen Spuren angesetzt haben. Sitzkissen, die eigentlich niemandem zuzumuten sind. Uns fiel auch der Ort für die Opferkerzen auf, für die man sich so sehr bücken muss, dass es älteren Menschen wahrscheinlich schwer fällt, auch nur eine Kerze anzuzünden. Oder: Wir sind sehr froh, dass wir seit vielen Jahren kleine Bilderbücher für Kinder da haben, die die Kleinen mit in die Bank nehmen und sich beim Gottesdienst damit beschäftigen können – aber in welchem Zustand sind die! Wir sind stolz und zufrieden, dass wir eine Rampe für Menschen im Rollstuhl oder mit einem Rollator haben, aber wie eng ist diese Rampe, und wie eng muss man da um eine Kurve…

Bild: Dekan Ludwig Waldmüller.

Bei einer Pfarrgemeinderatssitzung vor einigen Wochen haben wir Fotos aus unseren Kirchen gesehen, auf denen lauter solche kleinen Details zu sehen waren – und wir waren uns einig: Wir haben schöne Kirchen, diese sind auch gepflegt, aber viele Kleinigkeiten fallen einem auf, die einfach zu regeln sind. Und wenn es nur darum geht, den Schriftenstand regelmäßig zu ordnen und alte oder einfach so abgelegte Schriften zu entfernen. Und da gibt es so viel zu tun! Dinge, die man aus Gewohnheit einfach gar nicht wahrnimmt, die aber jemandem, der zum ersten Mal reinkommt, sofort auffallen müssen. Ich glaube, dass wir durch solche Details einfach Signale aussenden – beispielsweise an Familien, die mit Kindern kommen und durch kein kleines Zeichen sehen können, dass wir gerne Kinder da haben, schon allein deshalb weil man wirklich genau wissen muss, wo man die Bücher für die Kleinsten zu suchen hat…

Ich glaube, dass ein solcher Weg durch die Kirche für viele Gemeinden etwas sehr Hilfreiches wäre. Ich habe schon ein paar Mal über das Buch Rebuilt geschrieben, über die Erfahrungen einer amerikanischen Pfarrei, die sich ganz neu auf das Eigentliche konzentriert haben. Da hieß es, wenn man Eltern mit ihren Kindern in der Gemeinde haben wolle, müsse man die Kinderecke putzen. Ich denke mir, wenn wir Menschen aus unserer Zeit in den Kirchen haben wollen, müssen wir genau schauen, dass alle Ecken so sind, dass man sich gut fühlen kann, nicht nur die Kinderecke.

Wir werden in Memmingen auf alle Fälle noch viele solcher Lokaltermine machen – und so einiges an Kleinem in den Kirchen verändern. Und dann verändert sich auch Großes, da bin ich sehr zuversichtlich. 

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