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Blogbeiträge

Verfasst am 07. Juni 2017Dr. Peter C. Düren

Der Allgäuer Schweyer hätte es fast geschafft, uns Hitler zu ersparen

Im unscheinbaren allgäuer Dorf Oberzell bei Osterzell, in der Nähe von Kaufbeuren, wurde vor fast 150 Jahren jener spätere bayerische Innenminister geboren, dem es beinahe gelungen wäre, das Rad der Weltgeschichte um 180 Grad zu drehen. Denn wenn es nach ihm gegangen wäre, wäre Hitler rechtzeitig vor seiner Machtergreifung aus Deutschland ausgewiesen worden. Was das bedeutet? Es hätte dann wohl keine Nazidiktatur gegeben, keinen Zweiten Weltkrieg, keinen Holocaust. 

Als jener damals 53-jährige Franz Xaver Schweyer als für die Innere Sicherheit Verantwortlicher in der bayerischen Regierung sitzt, muss er sich 1922 mit einem 33-jährigen politischen Unruhestifter namens Adolf Hitler auseinandersetzen. Zwei Jahre zuvor ist im Münchner Hofbräuhaus die NSDAP gegründet worden, und der braune Mob terrorisiert bereits die Bevölkerung. Schweyer sagt, „dass das Bandenwesen, das Hitler auf den Münchner Straßen organisiere, allmählich unerträglich zu werden beginne. Hitler sprenge Versammlungen, belästige die Bürger, hetze die jungen Leute auf und gehabe sich, als wäre er der Herr der bayerischen Hauptstadt.“ Daher erwäge er, Hitler des Landes zu verweisen. Das scheitert jedoch am SPD-Parteiführer, der die freiheitlich-demokratischen Grundrechte Hitlers bedroht sieht und die von diesem ausgehende Gefahr völlig unterschätzt. Einige Monate später zitiert Schweyer Hitler zu sich und nimmt ihm das Ehrenwort ab, niemals einen Putsch zu versuchen. Doch jener „Halbgott“, wie Schweyer den NSDAP-Führer später nennt, schert sich nicht um sein feierlich abgegebenes ehrenwörtliches Versprechen, sondern unternimmt bereits im Jahr darauf in München einen Putschversuch. Die NS-Schergen nehmen dabei auch den bayerischen Innenminister gefangen und quälen ihn sowie andere mit sadistischen Schießübungen, dicht über deren Köpfen, und drohen, sie am nächsten Baum aufzuhängen. Der Putsch scheitert, und es braucht noch zehn Jahre, bis Hitler und die NSDAP schließlich doch noch die Macht in Deutschland ergreifen. 

In der Zwischenzeit übt Schweyer, sowohl als aktiver Politiker wie auch als Schriftsteller und elder statesman, öffentlich harte Kritik an Hitler: Dessen „Rassen-Antisemitismus“ stehe mit der christlichen Moral in unvereinbarem Widerspruch. Hitler und die NSDAP müssten daher „von allen gläubigen und kirchentreuen Katholiken abgelehnt“ werden. Der Nationalsozialismus mit seinem völkischen Gedankengut mache das Deutschtum zum Götzen. Bei Hitler, einem „Dekorationsmaler“, dem es an „geschichtlicher und staatspolitischer Bildung“ fehle, könne man „Größenwahn“ feststellen, so schreibt Schweyer bereits 1927 in einem Lexikon-Artikel über den Nationalsozialismus.

Bild: Von Adolf Hitler gezeichnete Karikatur von Franz Xaver Schweyer. (C0)

Kein Wunder, dass Schweyer nach der Machtergreifung der NSDAP 1933 zum Staatsfeind wird. Man bringt ihn ins Gefängnis, überzieht ihn mit Prozessen und kürzt ihm auf direkte Anweisung Hitlers das Gehalt. Einer Mordaktion entkommt Schweyer nur durch eine glückliche Fügung. Schließlich stirbt Schweyer an den Folgen der Haft, in der er einen Schlaganfall erleidet, und der offensichtlich inszenierten Prozesse, die ihm schwere körperliche und seelische Leiden verursachen. Noch Jahre nach seinem Tod greift Hitler seinen frühesten politischen Gegner in Reden unflätig an.

Schweyers Grab befindet sich auf dem Münchner Waldfriedhof. Das Bistum Augsburg ehrt ihn 2010 mit einer großen Gedenkveranstaltung. Seine Kirchen- und Heimatgemeinde Osterzell errichten 2012 zu seinen Ehren eine an der Pfarrkirche angebrachte Gedenktafel. Im kommenden Jahr (2018) jährt sich Schweyers Geburtstag zum 150. Male.

Schweyers Lebenszeugnis zeigt, dass Politik nicht zwangsläufig den Charakter verdirbt, sondern man auch als  Berufspolitiker und sogar unter einer Diktatur ein christliches Glaubenszeugnis ablegen kann. Schweyer ist bereit, dem braunen Terror die Stirn zu bieten, notfalls bis zur Lebenshingabe. Bischof Konrad Zdarsa würdigt Schweyer als „großen Glaubenszeugen und Märtyrer unserer Diözese Augsburg“. Dieser habe „seine christliche Weltanschauung als Märtyrer mit dem Leben bezahlt in einer Zeit, in der die sittliche Weltordnung in jeder Hinsicht pervertiert wurde“. Somit bleibt Schweyer auch für uns Vorbild und Ansporn.

Literaturtipp: P.C. Düren, Minister und Märtyrer. Der bayerische Innenminister Franz Xaver Schweyer (1868-1935). Mit Begleittexten von Bischof Konrad Zdarsa, Innenminister Joachim Herrmann und Bundesminister a.D. Theo Waigel, Augsburg 2015, 96 Seiten, zahlreiche Bilder. ISBN 3-978-940879-46-2. www.dominus-verlag.de 

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