Gemeinschaftsblog

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über die Bistumsgrenzen hinaus, was sie im (Glaubens-) Alltag erleben.

Blogbeiträge

Verfasst am 19. April 2017Dr. Peter C. Düren

Als Kind wurde Christoph nicht getauft. Seine Eltern meinten, er solle sich später einmal selbst dafür entscheiden, woran er glauben wolle. Die Ehe der Eltern hielt nicht lange; sie zerbrach. Mal lebte Christoph bei der Mutter, mal beim Vater. Häufig musste er umziehen, die Schule wechseln und ins Internat gehen. Und er hatte noch mehr Pech: Als Christoph gerade Teenager wurde, kam Hitler an die Macht. Und als er 19 Jahre alt war, ging der Zweite Weltkrieg los. Immerhin konnte er seinen Militärdienst als Angehöriger einer Studentenkompanie der Luftwaffe als Medizinstudent ableisten. Christoph, das Scheidungskind, heiratete bereits mit 20 Jahren, und seine Frau gebar ihm in der kurzen Zeit ihrer Ehe drei Kinder. Warum die Ehe nur kurz dauerte? Christoph starb früh, im jugendlichen Alter von 23 Jahren. Doch er starb nicht an einem Unfall oder an einer Krankheit, sondern unter dem Fallbeil, zum Tode verurteilt von Hitlers oberstem Richter Roland Freisler, der für diesen Prozess extra von Berlin nach München gekommen war. Doch was war Christophs angebliches Verbrechen?

Denkmal für die „Weiße Rose“ vor der LMU München. Bild: Michael F. Schönitzer, commons.wikimedia.org, CC BY 4.0, Ausschnitt.

So sehr der nationalsozialistische Staat auch versucht hatte, die Menschen einer Gehirnwäsche zu unterziehen und ihnen einzureden, der Zweite Weltkrieg sei ein „gerechter Krieg“ und es sei richtig, Behinderte als „unwertes Leben“ und Juden als „Untermenschen“ zu bezeichnen – Christoph leistete dagegen inneren Widerstand. Und er war nicht alleine mit seiner Überzeugung. Alexander, Willi, Hans, Sophie und andere dachten genauso. 

Man traf sich – heimlich. „Weiße Rose“ nannte sich ihre Gruppe. Man las gemeinsam die Schriften der Kirchenlehrer Augustinus und Thomas von Aquin. Dadurch erhielt man geistige Orientierung in einer orientierungslosen Zeit. Und man überlegte, wie man äußeren Widerstand leisten und andere auf das Unrechtssystem des Nationalsozialismus aufmerksam machen könne. Flugblätter – das war ihre Form des Widerstands gegen Hitler. Man schickte diese Flugblätter an wildfremde Menschen, legte sie in Telefonzellen aus, schließlich warf man sie in den Lichthof der Münchener Universität. 

Doch diese Aktion wurde allen schnell zum Verhängnis. Man erwischte Hans und Sophie, verhaftete und verhörte sie. Anhand eines Schriftvergleichs für ein siebtes Flugblatt wurde auch Christoph sogleich entlarvt; sein Text gipfelte in den Worten: „Hitler und sein Regime müssen fallen, damit Deutschland weiterlebt.“ Doch der Staat schlug mit voller Härte gegen die Studenten zurück: „Rüstungssabotage, Aufruf zum Umsturz, Beschimpfung des Führers, Wehrkraftzersetzung“ – das waren ihre angeblichen Verbrechen, und darauf stand die Todesstrafe. Christoph haderte kurz mit dem grausamen Schicksal. Doch dann bat er konsequent um die Taufe. Schon längst hatte er sich im christlichen Umfeld seiner evangelischen Freunde Hans und Sophie sowie seines orthodoxen Freundes Alexander dem Christentum zugewandt. Und die Flugblätter, die sie schrieben, offenbaren, wie sehr ihr Widerstand gegen den Nationalsozialismus aus ihrer christlichen Überzeugung heraus erwuchs: „Hat Dir nicht Gott selbst die Kraft und den Mut gegeben zu kämpfen? Wir müssen das Böse dort angreifen, wo es am mächtigsten ist, und es ist am mächtigsten in der Macht Hitlers“, so stand beispielsweise in einem der Flugblätter. Nach dem Todesurteil spendete ein katholischer Kaplan Christoph die Taufe und reichte ihm seine erste heilige Kommunion, die auch seine letzte, seine „Wegzehrung“ im Sterben sein sollte. Seiner Mutter schrieb Christoph noch aus der Todeszelle: „Ich danke Dir, dass Du mir das Leben gegeben hast. Wenn ich es recht bedenke, so war es ein einziger Weg zu Gott.“ Nur wenige Stunden nach der Urteilsverkündigung starben Hans, Sophie und Christoph im Münchner Gefängnis Stadelheim unter dem Fallbeil. Als Christoph auf dem danebengelegenen Friedhof beigesetzt wurde, trug der Priester weiße Gewänder, denn Christoph war in der Taufunschuld – sündenlos – zu Gott heimgekehrt. 

Christoph Probst (1919-1943), 23 Jahre alter Ehemann und Familienvater sowie Medizinstudent, starb früh vollendet als Zeuge für Christus und wurde in das „deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts“ aufgenommen.

Peter Christoph Düren

Bild: Michael F. Schönitzer, commons.wikimedia.org, CC BY 4.0, bearbeitet.