Gemeinschaftsblog

In unserem Blog erzählen über 20 Blogger/innen aus der Diözese Augsburg und
über die Bistumsgrenzen hinaus, was sie im (Glaubens-) Alltag erleben.

Blogbeiträge

Verfasst am 10. März 2017Manuela Mair
Bild: Johannes Mair.

Eigentlich scheint es mit eines der normalsten Dinge im Alltag zu sein, Sachen zu benennen. Ständig lässt man sich Namen für etwas einfallen. Schon als Kind trug jedes meiner unzähligen Stofftiere einen Namen, und jedes Kaninchen bei Opa wurde anders gerufen. Teilweise weiß ich diese Namen noch bis heute. Manche Menschen haben sogar ihr Auto oder bestimmte Geräte ihres Alltags benannt. Der Mensch scheint eine gewisse Sehnsucht danach zu haben, Vertrautes auch beim Namen zu rufen.

Doch den Namen für ein Kind auszusuchen, ist eine Nummer größer als ein Spielzeug oder ein Haustier. Dieser kleine Mensch wird sein Leben lang mit diesem Namen leben. Wie die meisten Frauen habe auch ich mir schon seit vielen Jahren überlegt, wie ich meine Kinder mal nennen würde. Diese Namensideen haben allerdings mindestens jährlich gewechselt und unterlagen diversen Trends und momentanen Interessen. Da war von traditionell über modern und ausgefallen bis hin zu provokant und leicht verstörend alles dabei. Aber mit der Geburt unseres Sohnes wurde es dann ernst. Wir mussten einen Namen finden. Und auch im Laufe der Schwangerschaft wechselten die Ideen hin und her. Immer im Hinterkopf, welches Ausmaß diese Entscheidung für das Leben des Kleinen haben würde. 

Aber was ist schon ein Name? 

Als Teenager mochte ich meinen Namen gar nicht. Ich fand meine Eltern, mein Leben auf dem bayerischen Dorf und auch meinen Namen ganz furchtbar gewöhnlich. Ich wünschte mir, ich hätte Eltern, die als Künstler in einem Wohnwagen lebten und mir einen Namen gegeben hätten, der sich von allen anderen abhebt. Bald habe ich davon geträumt, einen Mann mit möglichst ausgefallenem Nachnamen zu heiraten, um quasi Schadensbegrenzung zu betreiben. Mein Name stand für eine Identität. Für MEINE Identität. Und die habe ich in meiner Jugend durchlöchert und hinterfragt, zerstört und neu zusammengesetzt. Wie man das als rebellischer Teenager eben macht. Kaum war ich halbwegs erwachsen und im Gleichgewicht mit mir selbst, fing ich auch an, meinen Namen zu mögen und sogar beide Vornamen zu verwenden. Ich habe meine Herkunft und diesen Teil meiner Identität annehmen und sogar lieben gelernt.

Aber wie wird es meinem Sohn jetzt mit dem Namen gehen, den wir für ihn ausgewählt haben? Am Tag seiner Geburt habe ich morgens einen Namen geträumt und hatte auch nach dem Aufwachen das Gefühl, dass dieses Kind so heißen würde. Kurzerhand haben wir ihm einige Stunden später im Kreißsaal diesen Namen gegeben. Es hat sich einfach richtig und stimmig angefühlt. Doch schon Minuten später haben wir uns gefragt, ob das jetzt nicht ein ganz dummer Fehler war. Nach den ersten Wochen können wir uns jedoch keinen anderen Vornamen mehr vorstellen. Aber die Entscheidung fiel innerhalb einer Minute, mitten in der Nacht im Hormonrausch in einem Augsburger Krankenhaus. Und nun wird dieser Mensch ein Leben lang so heißen. Ob ihm das gefällt oder nicht.

Aber ist das schon alles?

Was passiert jetzt, wenn ein Mensch seinen Namen nicht mag oder sich nicht damit identifizieren kann? Meistens findet sich eine einfache Lösung darin, dass man einen Spitznamen findet und ihn als Rufnamen verwendet. Wahrscheinlich kennt jeder eine Person, von der man erst nach Jahren den eigentlichen Vornamen erfährt. Als ich darüber nachgedacht habe, dass man als Eltern seinem Kind auch einen ganz schrecklichen Namen geben kann, musste ich an eine Zeile aus einem Lied denken. Sie lautet: „Es gibt einen Ort, den niemand kennt. Ein Name, bei dem allein dein Mund mich nennt.“ Diese Zeile bezieht sich auf eine Stelle aus der Offenbarung, in der es heißt: „Ich werde ihm einen weißen Stein geben, und auf dem Stein steht ein neuer Name, den nur der kennt, der ihn empfängt“ (Off 2,17). Hier wird gesagt, dass es einen Namen gibt, bei dem allein Gott und sonst niemand mich nennt. Also eine Identität, die tiefer geht als alle Bekanntschaften mit Menschen. Das bedeutet aber auch, dass es sich dabei um einen Namen handelt, der nicht laut ausgesprochen wird, der auf der Herzensebene erklingt, mich trifft und berührt, mich ruft. Und dabei spielt der Name, den mir meine Eltern gaben, eine untergeordnete Rolle, egal ob ich ihn mag oder nicht.

Vor Jahren habe ich gehört, dass es in manchen Roma-Stämmen die Tradition gibt, mehrere Namen zu tragen. Einen offiziellen Namen im Ausweis, einen gemeinschaftsinternen Namen und einen Namen, der bei der Geburt dem Kind ins Ohr geflüstert wird. Diesen dritten Namen kennt niemand, und er wird auch nicht verwendet, aber er existiert. Ganz ähnlich stelle ich mir den Namen vor, mit dem Gott mich ruft. Er ist nirgends niedergeschrieben, niemand kennt ihn. Aber wenn der Herr mich damit ruft, dann halte ich inne. Dann weiß ich, dass ich gemeint bin, und dann höre ich. Dieser Klang, den man mit dem Herzen hört, berührt mich im tiefsten Inneren. Und in den wenigen Momenten, in denen ich das erlebe, weiß ich, dass ich Gott ganz nah bin.

Es ist also wichtig, seinem Kind einen guten und passenden Namen auszusuchen. Und ich hoffe, dass wir für unseren Sohn ein passendes Exemplar ausgewählt haben. Aber es gibt auch noch einen Namen, der tiefer geht. Einen, den ich nicht aussuchen kann und den ich auch nicht kenne. Einen, bei dem nur Gott ihn rufen wird. Und das ist gut so. Denn obwohl ich die Mama bin und alles miterleben will, werde ich nicht dabei sein, wenn mein Sohn das erste Mal sagt: „Ja Herr, hier bin ich.“

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